{"id":401,"date":"2006-03-08T10:41:41","date_gmt":"2006-03-08T09:41:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=401"},"modified":"2006-03-08T11:46:40","modified_gmt":"2006-03-08T10:46:40","slug":"arbeitspanorama","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/03\/08\/arbeitspanorama\/","title":{"rendered":"Arbeitspanorama"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/42\/109560719_bc0447998b.jpg\" alt=\"K\u00f6ln-West\" \/><\/p>\n<p>Von dem Platz, an dem ich im Moment arbeite, hat man einen interessanten Ausblick: So kondensiert und auf ein Panorama zusammengefahren bekommt man selten einen Mix aus den urbanen und sozialen Entwicklungen in der j\u00fcngeren Geschichte dieser Stadt dargeboten. <!--more-->Da ist der Supermarkt mit dem Fitnessstudio im ersten Stock, der sich den Parkplatz mit dem Discounter nebenan teilen muss, und wenn man lange genug zuschaut, k\u00f6nnte man interessante Beobachtungen dar\u00fcber anstellen, wer wann welche Kunden f\u00e4ngt. Da ist das B\u00fcrogeb\u00e4ude rechts, in dem vor allem die gro\u00dfen blauen M\u00fcllt\u00fcten auffallen, die hinter die gro\u00dfen Fenster des Treppenhauses geschoben wurden. Dann ist da die Bahntrasse, auf der st\u00e4ndig leere G\u00fcteranh\u00e4nger parken, so dass man den Nebenbahnhof gar nicht sehen kann, der sich hier befindet, der aber ohnehin nur noch selten angefahren wird: Die R\u00e4umlichkeiten sind l\u00e4ngst an Cocktailbar vermietet, die vor ein paar Jahren mal ganz schick daherkam, aber inzwischen etwas \u00f6de vor sich hinloungert.<\/p>\n<p>Hinter der Bahntrasse liegen Schreberg\u00e4rten und Autowerkst\u00e4tten, die in ihrer Barackenhaftigkeit ein bi\u00dfchen so wirken wie die Gecekondus, die \u00fcber Nacht aufgebauten Slums, in denen anatolische Landfl\u00fcchtlinge mitten in Istanbul kampieren: Eines habe ich mal in Besiktas gesehen, direkt an die Mauer um den Park eines barocken Schl\u00f6\u00dfchens geklebt. Ein wenig weiter links, hinter der n\u00e4chsten Kreuzung, ist die Stra\u00dfe tats\u00e4chlich noch mit echtem Paris-Roubaix-Kopfsteinpflaster belegt und sieht so aus wie ostdeutsche Landstra\u00dfen unmittelbar nach der Wende. Das wei\u00dfe Haus hinter der Bahnlinie ist noch eines der letzten Relikte des H\u00e4userkampfes in den 80ern, eines der letzten besetzten H\u00e4user, das hier noch \u00fcbrig geblieben ist und auf dessen wechselnder Fassadenbemalung rote und schwarze Sterne mit Coladosen und Bush-Karikaturen k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Hinter den H\u00e4usern der Gr\u00fcng\u00fcrtel: Hier habe ich vor Jahren mal einen ausgehungerten Fuchs gesehen, der sich bis in die Innenstadt durchgeschlagen hatte, angelockt vermutlich vom reichhaltigen Angebot an urbanen Kaninchen, bis die, wie man mir erz\u00e4hlt hat, von einer Seuche dahingerafft wurden. Am Rande des Parks steht einer der \u00e4lteren Wohnblocks dieser Stadt, der von weitem ein wenig nach sozialem Wohnungsbau aussieht, aber billig sind die Appartements hier keinesfalls: Den Blick auf den Park und die Innenstadtn\u00e4he mu\u00df man sich teuer erkaufen. Soziales Engagement stellt eher das Qu\u00e4ker-Nachbarschaftsheim dar, dass man nur ein bi\u00dfchen durch die kahlen B\u00e4ume leuchten sieht. Nicht zu sehen, aber direkt hinter den Wohnblocks ist eine der \u00e4ltesten deutschen Moscheen in Deutschland, und vermutlich die erste Moschee, in der hierzulande eine Art Staatsakt stattfand: Zur Trauerfeier f\u00fcr die Opfer der Brandanschl\u00e4ge in Solingen.<\/p>\n<p>Dahinter verlieren sich die H\u00e4user von Ehrenfeld und Braunsfeld, Vororte, deren Geschichte mit Immobilienspekulationen im 19. Jahrhundert beginnt, und ganz hinten am Horizont, dick und wei\u00df hinter den Wohnblocks aufsteigend, sieht man die Wolke eines der Braunkohlekraftwerke, Niederau\u00dfem wahrscheinlich. Da hinten wird auch noch nach Braunkohle gebaggert, erst vor einigen Jahren mu\u00dften wieder einige D\u00f6rfer deswegen komplett umziehen. Andere L\u00f6cher werden inzwischen zugesch\u00fcttet und in Naherholungsgebiete umgewandelt, und in eines hat sich im letzten Jahr der Papst gestellt und zur katholischen Jugend gepredigt.<\/p>\n<p>Genug davon. Let&#8217;s get back to work.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/50\/109560721_3a753131b2_m.jpg\" alt=\"Arbeitsplatz\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von dem Platz, an dem ich im Moment arbeite, hat man einen interessanten Ausblick: So kondensiert und auf ein Panorama zusammengefahren bekommt man selten einen Mix aus den urbanen und sozialen Entwicklungen in der j\u00fcngeren Geschichte dieser Stadt dargeboten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-401","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=401"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/401\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}