{"id":404,"date":"2006-03-13T02:13:12","date_gmt":"2006-03-13T01:13:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=404"},"modified":"2006-03-14T00:27:38","modified_gmt":"2006-03-13T23:27:39","slug":"das-tier-und-wir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/03\/13\/das-tier-und-wir\/","title":{"rendered":"Das Tier und wir"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/49\/112130278_af521a6be8_m.jpg\" alt=\"Le chat\" \/>Ich war neulich zu Gast in einer Dachwohnung, und als ich am Morgen aufwachte, gab es da einen schwachen Druck auf die Magengegend, ein weiches, nachgiebiges Gewicht, das sich leicht durch das Heben und Senken meines Bauches modellieren lie\u00df, aber zuviel eigene Masse besa\u00df, um davon wegzugehen. Mein Kopf war noch nicht wirklich einsatzf\u00e4hig, die Augen waren nur offen zu halten, wenn ich l\u00e4ngere Verschlu\u00dfphasen dazwischenschob, und in den ersten Sekunden, in denen ich etwas wahrnehmen konnte, mu\u00dfte ich erst mal mein Umgebung dechiffrieren: Die Balken der Dachschr\u00e4ge zum Beispiel, und das quer \u00fcbers Bett gespannte Transparent mit irgendeinem indianischen Gott oder Fabelwesen darauf; und dann fielen mir auch erst noch die chinesischen Symbole auf, mit denen die Bettdecke gemustert war, bevor ich entdeckte, was da so sanft auf meinen Magen dr\u00fcckte. Es war eine Katze, und sie sa\u00df genau da, weil diese Stelle durch ein Dachfenster von der Sonne ausgeleuchtet wurde.<!--more--><\/p>\n<p>Sie <em>sa\u00df<\/em> wirklich, jedenfalls w\u00fcrde ich ihre Haltung so bezeichnen wollen, denn sie hatte sich nicht bequem ausgestreckt, sondern hielt ihren Kopf sehr aufrecht und betrachtete mich durchaus aufmerksam, wenn auch mit diesem typischen Katzenblick, der eine gewisse Arroganz auszudr\u00fccken scheint, als ob die Katze sagen wollte, ich kenne Dich zwar nicht, aber deswegen bist Du noch lange nicht wichtig. Erst nach dem sie das hinreichend zum Ausdruck gebracht hatte, r\u00e4kelte sie sich ein wenig, setzte dann ebenso unvermittelt zum Sprung an, stie\u00df sich von meinem Magen ab und landete auf dem Fu\u00dfboden. Dann schlich sie gem\u00fctlich in eine andere Ecke des Zimmers, wo, wie mir jetzt auffiel, eine weitere Katze sa\u00df und mich ebenfalls beobachtete.<\/p>\n<p>Es klingt sicher albern, aber mir war es in diesem Moment ein bi\u00dfchen peinlich, in einem fremden Bett aufzuwachen und dabei von zwei ebenfalls fremden Katzen beobachtet zu werden, und ich glaube, ich habe unbewu\u00dft die Bettdecke sogar etwas h\u00f6her gezogen. Dann bin ich wohl noch mal wegged\u00e4mmert, und am Morgen hatte ich die Episode vergessen.<\/p>\n<p>Erst gestern fiel sie mir wieder ein, als ich eine <a href=\"http:\/\/www.liberation.fr\/page.php?Article=363755\">Meldung<\/a> entdeckte, in der eine Buchver\u00f6ffentlichlung aus dem Nachla\u00df von Jacques Derrida angek\u00fcndigt wird. <em>L&#8217;animal que donc je suis<\/em> ist der Titel, eines dieser cleveren derrida&#8217;schen Wortspielchen (<em>je suis<\/em> &#8211; hei\u00dft das hier <em>ich bin<\/em> oder <em>ich folge<\/em>?), und es geht in den darin versammelten Texten, entnehme ich der Notiz, um die Philosophie und das Tier, um Heideggers Behauptung etwa, dass ein Hund nicht existiere, weil er nichts anderes tue als zu leben.<\/p>\n<p>Und wie es scheint, kommt Derrida in einem Text auch auf seine Katze zu sprechen, aber erst, nach dem ihm Folgendes aufgefallen ist: N\u00e4mlich dass die gro\u00dfen Philosophen ebenso wie die Allgemeinheit davon ausgehen,<\/p>\n<blockquote><p>dass eines den Tieren zu eigen ist, und sie in letzter Instanz von den Menschen unterscheidet, n\u00e4mlich dass sie nackt sind, ohne es zu wissen. Das hei\u00dft aber, dass sie nicht nackt sind, dass sie kein Wissen von ihrer Nacktheit haben, und damit insgesamt kein Wissen von Gut und von B\u00f6se. Da sie nackt sind, ohne es zu wissen, sind die Tiere in Wahrheit also nicht nackt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und damit ist den Tieren auch die Scham ebenso fremd wie die Schamlosigkeit, und damit das ganze Wissen vom Selbst, das von dort ausgeht. Und trotzdem kennt auch Derrida das mulmige Gef\u00fchl, wenn man bemerkt, dass man beobachtet wird:<\/p>\n<blockquote><p>Oft frage ich mich zum Beispiel, <em>wer ich bin<\/em>, wer ich in dem Moment bin, wo ich nackt \u00fcberrascht werde, schweigend, vom Blick eines Tieres, zum Beispiel den Augen einer Katze, wenn es mir dann schwer f\u00e4llt, eine gewisse Geniertheit zu \u00fcberwinden. Warum f\u00e4llt mir das schwer?<\/p><\/blockquote>\n<p>Derrida spricht hier eigentlich nicht blo\u00df vom <em>schwer fallen<\/em>, er sagt <em>mal<\/em>: <em>Pourquoi ce mal?<\/em>. Das hei\u00dft, er denkt sich hier wirklich einen Schmerz, vermute ich mal, so einen kleinen Stich in die Brust, wenn man bei einer Peinlichkeit ertappt wird.<\/p>\n<blockquote><p>Empfinde ich vor einer Katze, die mich nackt betrachtet, die gleiche Scham <em>wie<\/em> ein Tier das kein Wissen mehr von seiner eigenen Nacktheit hat? Oder ist es im Gegenteil die Scham eines Menschen, der das Wissen seiner Nacktheit bewahrt hat?<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn ich das w\u00fc\u00dfte. Man m\u00fc\u00dfte es die beiden Katzen aus dem Dachgescho\u00df fragen. Aber vermutlich ist ihnen die Sache egal.<\/p>\n<p>(Aber dieses Blog hat jetzt endlich auch seinen Katzencontent. Via <a href=\"http:\/\/earmarks.org\/archives\/2006\/03\/10\/73\">Earmarks In Early Modern Culture<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war neulich zu Gast in einer Dachwohnung, und als ich am Morgen aufwachte, gab es da einen schwachen Druck auf die Magengegend, ein weiches, nachgiebiges Gewicht, das sich leicht durch das Heben und Senken meines Bauches modellieren lie\u00df, aber zuviel eigene Masse besa\u00df, um davon wegzugehen. 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