{"id":406,"date":"2006-03-15T12:29:01","date_gmt":"2006-03-15T11:29:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=406"},"modified":"2006-03-16T23:09:15","modified_gmt":"2006-03-16T22:09:15","slug":"die-obsessionen-des-monsieur-lequeu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/03\/15\/die-obsessionen-des-monsieur-lequeu\/","title":{"rendered":"Die Obsessionen des Monsieur Lequeu"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt ein Bild von Jean Jacques Lequeu, das man h\u00e4ufiger zu sehen bekommt, auf Kunstdrucken oder in B\u00fcchern zur Franz\u00f6sischen Revolution: Das Bild einer nackten, auf dem R\u00fccken liegenden Frau, deren Kopf aus einer Art schmalem Tunnel ragt. Sie h\u00e4lt den rechten Arm lasziv nach oben, und \u00fcber ihrer Hand ist ein kleiner Vogel zu sehen. Unter der Liegenden kann man zwischen Maskengesichtern griechische Buchstaben erkennen, die einen franz\u00f6sischen Satz bilden: <em>Il est libre!<\/em>.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/document?O=07703375\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/39\/112131510_ae480618f7.jpg\" alt=\"Il est libre\" \/><\/a><!--more--><\/p>\n<p>Das Werk stammt aus dem Jahr 1798, und weil der Titel ins Bild geschrieben ist, wei\u00df man auch sofort, worum es geht: Um die Revolution, um das was sie freisetzen sollte, Vernunft, Aufkl\u00e4rung, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit. Aber dann schaut man genauer hin, und das Bild gibt auf einmal mehr R\u00e4tsel auf als so eine offensichtliche Deutung l\u00f6sen kann. Wenn der Vogel das ist, was die Revolution befreien soll, wen stellt dann die Frau dar? Die geknechtete Nation, die sich aus ihrem Kerker herauswindet? Aber ihr K\u00f6rper l\u00e4\u00dft kaum Aktion erkennen, sie liegt ermattet da, als m\u00fcsse sie sich vom <em>petit mort<\/em> erholen? War sie es, die den Vogel wirklich freigelassen hat? Sieht das nicht eher so aus, als ob sie nach ihm zu greifen versucht? Und warum hat der kleine Vogel Schwanzfedern, die aussehen wie Hoden?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/document?O=07703117\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/51\/112131509_590e610e4b.jpg\" alt=\"Ile d'Amour\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es passiert einem h\u00e4ufig bei Bildern von Jean Jacques Lequeu, dass man erst glaubt zu verstehen, und dann mit dem zweiten Blick doch mehr R\u00e4tsel und Fragen entdeckt, als man erwartet hat. Auch seine Biografie ist nicht so einfach zu fassen: Staatsbeamter im Katasteramt und im Innenministerium, Autodidakt aus einer normannischen Bauernfamilie, und doch durchdrungen von einem Ehrgeiz, der auf&#8217;s Missionarische geht. Neben den Pl\u00e4nen, Auf- und Grundrissen, die er von Berufs wegen zeichnen mu\u00df, entwirft er Dutzende von Projekten, eines gro\u00dfartiger als das andere: Monumente, Parks, Schl\u00f6sser und Tempelanlagen, die er revolution\u00e4ren Idealen widmet, der Liebe oder griechischen Gottheiten. Vieles davon ist so gigantisch dimensioniert, dass es kaum zu realisieren ist, selbst nach den megalomanen Ma\u00dfst\u00e4ben der damaligen Zeit, und voller bizarrer Details und Zitate, als wollte er die planerische Strenge durch einen chaotischen \u00dcbermut konterkarieren.<\/p>\n<p>Lequeu ist nicht der einzige, der solche Mega-Projekte plant: Viele tun das damals, zum Beispiel auch <a href=\"http:\/\/expositions.bnf.fr\/boullee\/\">\u00c9tienne-Louis Boull\u00e9e<\/a>, Star der damaligen Architektur-Szene und gefeierter Vision\u00e4r. Boull\u00e9e ist der erste, der seine Entw\u00fcrfe malerisch gestaltet, mit Schattenw\u00fcrfen und Hell-Dunkel-Effekten, er spielt gro\u00dfz\u00fcgig mit geometrischen, antiken, orientalischen Versatzst\u00fccken, was seinen d\u00fcsteren Monumenten einen Hauch von Mythos und Ewigkeit verleiht und ihn zum Hit in den Salons macht.<\/p>\n<p>Lequeu ist fasziniert davon, auch seine Entw\u00fcrfe sind von einer bestechenden zeichnerischen Qualit\u00e4t und Detailfreudigkeit. Aber das hilft ihm nichts, er bleibt ein Outsider, vielleicht weil er ein Autodidakt ist und aus einer b\u00e4uerlichen Familie stammt, aber sicher auch, weil er &#8211; das kann man aus nachgelassenen Dokumenten erahnen &#8211; ein h\u00f6chst problematischer, launischer und empfindlicher Charakter gewesen sein mu\u00df. Immer wieder reicht er seine Projekte ein bei den Salons, und immer wird er abgelehnt. Neidisch schaut er auf die Erfolge des architektonischen Establishments, und je l\u00e4nger der eigene Erfolg ausbleibt, um so gr\u00f6\u00dfer wird die Verbitterung. Im Nachla\u00df findet sich der Entwurf zu einem w\u00fctenden Pamphlet, in dem er eine Breitseite auf die abfeuert, an denen er nicht vorbeikommt:<\/p>\n<blockquote><p>Ihr K\u00fcnstler, die ihr nach Gerechtigkeit verlangt, Erwacht! Im Ausschu\u00df der K\u00fcnste, der von der Nationalversammlung einberufen wurde, hat sich eine Clique gebildet. [&#8230;] Eine gewisser architektonischer Wahnsinniger, der 70j\u00e4hrige Boull\u00e9e, sitzt in ihrer Mitte und arrangiert alles zu seinem Vorteil. [&#8230;] und gebt acht auf den Ro\u00dft\u00e4uscher Ledoux und den raffinierten Scharlatan Le Roy.<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/document?O=07703364\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/37\/112131507_a4a963e2da.jpg\" alt=\"L'homme \u00e0 la lippe\" \/><\/a><br \/>\nAber Lequeu plant nicht nur architektonische Gro\u00dftaten, er zeichnet auch, zum Beispiel groteske Portr\u00e4ts, mit der gleichen Pr\u00e4zision und Genauigkeit, die er auf seine Bauprojekte wendet. Und auch hier ist es das \u00dcberdimensionierte und die Deformation, was ihn vor allem fasziniert: Vielleicht wirken darum viele seiner Portr\u00e4ts, als ob sie aus sp\u00e4teren Jahrhunderten stammen k\u00f6nnten und von einem A. Paul Weber oder einem Magritte inspiriert wurden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/visualiseur.bnf.fr\/Visualiseur?Destination=Gallica&#038;O=IFN-7703378\"><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/38\/112130281_e4da37dabd_m.jpg\" alt=\"Nude\" \/><\/a><br \/>\nWo k\u00f6nnte man mehr Exze\u00df und \u00dcberschwang finden als in der Pornographie? Das ist die andere gro\u00dfe Obsession des Jean Jacques Lequeu: Seine <em>Figures Lascives<\/em>, obsz\u00f6ne und erotische Zeichnungen und Karikaturen, von masturbierenden und pinkelnden Frauen, von Blow-Jobs unter G\u00f6ttern, und immer wieder das weibliche Geschlecht in Nahansicht. Selbst in seiner Arbeitszeit kann er nicht davon lassen und wird daf\u00fcr, wie er zugeben mu\u00df, auch abgemahnt. Was soll man aber anderes erwarten von einem Mann, dessen Name schon pornographisch ist (und wundert es da, dass er ihn selbst oft getrennt schreibt, als wollte er diese Bedeutung noch betonen: Le Queu?).<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/visualiseur.bnf.fr\/Visualiseur?Destination=Gallica&#038;O=IFN-7703076\"><img decoding=\"async\" align=\"right\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/56\/112131502_07e4f08f3c_m.jpg\" alt=\"Temple du Turc\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/visualiseur.bnf.fr\/CadresFenetre?O=IFN-7703276&#038;I=2&#038;M=imageseule&#038;Y=ImagesFixes\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/56\/112142858_6f26f41f7f_m.jpg\" alt=\"Temple de l'\u00e9galit\u00e9\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Erotomanie ist nicht nur eine beil\u00e4ufige Abschweifung im Werk Lequeus: Pornographisch ist er auch da, wo er keine nackten K\u00f6rper malt. Seine architektonischen Entw\u00fcrfe sind durchdrungen von einer sexualisierten \u00c4sthetik, wie ich sie in dieser Konsequenz vielleicht noch bei F\u00e9licien Rops gesehen habe. Phallische T\u00fcrmchen, busenf\u00f6rmige Kuppeln und \u00fcberall dunkle Eing\u00e4nge und geheimnisvolle Grotten: Die phantastische Welt des Monsieur Lequeu ist eine in Stein gemauerte und in Lustg\u00e4rten gepflanzte Orgie, in der die Geilheit durch planende Vernunft geb\u00e4ndigt werden soll.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/visualiseur.bnf.fr\/Visualiseur?Destination=Gallica&#038;O=IFN-7703768\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/49\/112130279_d8252968c0_m.jpg\" alt=\"Crat\u00e8re\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wenn er Frauenk\u00f6rper malt, dann sehen die oft aus wie Landschaften, die noch bearbeitet und kultiviert werden m\u00fcssen: Berge und H\u00fcgelkuppen, die sich \u00fcber das Papier w\u00f6lben, mit kleinen W\u00e4ldchen oder G\u00e4rtchenen zwischen den Beinen, und die Vagina als H\u00f6hleneingang, oder als florales Ornament, exakt so wie die der Fassadenschmuck, den er an italienischen Villen abzeichnet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/visualiseur.bnf.fr\/Visualiseur?Destination=Gallica&#038;O=IFN-7703301\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/44\/112130276_19b7a96e1a.jpg\" alt=\"Campidoglio\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wo er sich selbst in diesem Spannungsfeld zwischen Planung und Chaos verorten soll, das wei\u00df er wohl manchmal selbst nicht. In Selbstportr\u00e4ts zeichnet er sich als Cross-Dresser in Frauenkleidern oder mit Busen, oder er grimassiert und zwinkert wie eine Figur aus der <em>commedia dell&#8217;arte<\/em>.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/visualiseur.bnf.fr\/Visualiseur?Destination=Gallica&#038;O=IFN-7703082\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/41\/112131511_2aff184c07.jpg\" alt=\"La merveilleuse grotte\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dass niemand diese Bilder zeigen will, liegt vielleicht daran, dass die obsz\u00f6ne Dimension seiner Arbeiten so deutlich zu Tage liegt. Nicht weil seine Zeit so pr\u00fcde gewesen w\u00e4re, aber sie war ja gerade dabei, die pr\u00fcde zu werden und die chaotische und nicht zu regulierende Sph\u00e4re der Lust unter die Bettdecke zu verbannen. Auch einen de Sade konnten die Zeitgenossen ja kaum ertragen, weil er wie Lequeu gezeigt hat, dass die Welt der Vernunft die Obsessionen nicht b\u00e4ndigt, sondern allenfalls kultiviert, wenn sie nicht sogar von ihnen angetrieben wird. So deutlich will das dann doch keiner sehen oder lesen.<\/p>\n<p>Lequeu resigniert: 1815 zieht er sich zur\u00fcck, nicht ohne noch einmal seiner Verbitterung Ausdruck zu verleihen, wenn auch in etwas ungelenken Worten:<\/p>\n<blockquote><p>Ich werde nun aus der Gesellschaft der Menschen fliehen, von der er nichts als Ungerechtigkeit und Undankbarkeit erfahren hat: Ich werde gehen, und ich weise alle anderen zur\u00fcck.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Juli 1825, wenige Monate nach seinem Tod, gelangt sein Nachla\u00df in die <a href=\"http:\/\/www.bnf.fr\">Biblioth\u00e8que Nationale<\/a>. Ein gro\u00dfer Teil seines Werks kann <a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/scripts\/catalog.php?Fonds=Fonds_Lequeu\">online betrachtet werden<\/a>. Mehr \u00fcber Lequeu, mit weiteren Illustrationen, u.a. im <a href=\"http:\/\/www.spamula.net\/blog\/archives\/000575.html\">Giornale Nuovo<\/a>, bei <a href=\"http:\/\/pruned.blogspot.com\/2005\/10\/enigmatic-jean-jacques-lequeu.html\">Pruned<\/a>, bei <a href=\"http:\/\/www.alarch.ath.cx\/index.php\/2005\/06\/07\/70-lequeu\">Alarc&#8217;h<\/a> und im <a href=\"http:\/\/www.brynmawr.edu\/visualculture\/journal\/p_lequeu.shtml\">Art Historian&#8217;s Studio<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt ein Bild von Jean Jacques Lequeu, das man h\u00e4ufiger zu sehen bekommt, auf Kunstdrucken oder in B\u00fcchern zur Franz\u00f6sischen Revolution: Das Bild einer nackten, auf dem R\u00fccken liegenden Frau, deren Kopf aus einer Art schmalem Tunnel ragt. Sie h\u00e4lt den rechten Arm lasziv nach oben, und \u00fcber ihrer Hand ist ein kleiner Vogel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-406","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/406","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=406"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/406\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=406"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=406"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=406"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}