{"id":409,"date":"2006-03-18T12:53:52","date_gmt":"2006-03-18T11:53:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=409"},"modified":"2006-03-22T00:11:14","modified_gmt":"2006-03-21T23:11:14","slug":"carofiglio","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/03\/18\/carofiglio\/","title":{"rendered":"Carofiglio"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/54\/113822555_8b36966976_o.jpg\" alt=\"Carofiglio\" \/><br \/>\nNormalerweise mache ich um Krimis, die von Richtern, Anw\u00e4lten oder Polizisten geschrieben werden, einen weiten Bogen. Wer einen Fall in Argumente kleiden kann, der kann ihn noch lange nicht erz\u00e4hlen. Bei Gianrico Carofiglio ist das aber anders: Da haben wir einen Autor, der ganz einfach etwas erz\u00e4hlen m\u00f6chte, und dass er dazu noch die n\u00f6tige Sachkenntnis besitzt, ist ganz praktisch, aber nicht wirklich notwendig.<!--more--><\/p>\n<p>Ich kann das, mu\u00df ich zugeben, allerdings nur aufgrund des ersten Eindrucks sagen, den ich auf seiner Lesung heute im <a href=\"http:\/\/www.iiccolonia.esteri.it\/IIC_Colonia\">Italienischen Kulturinstitut<\/a> gewonnen habe. Die Lesung fand im Rahmen der <a href=\"http:\/\/www.litcologne.de\">lit.Cologne<\/a> statt, und hingegangen war ich eigentlich nur deshalb, weil Carofiglio als Staatsanwalt aus Bari und Anti-Mafia-K\u00e4mpfer angek\u00fcndigt war. Da ich in ein paar Wochen wieder nach Apulien fahren muss, habe ich gedacht, vielleicht gibt&#8217;s ja ein paar interessante Dinge zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Erwartet hatte ich also eher einen trockenen und von Aktenordnern leicht angestaubten Beamten, und war dann angenehm \u00fcberrascht, als da auf der B\u00fchne ein charmanter Plauderer sa\u00df, der kenntnisreich und schlagfertig \u00fcber seine schriftstellerische Arbeit erz\u00e4hlte, dabei jeden Verdacht zur\u00fcckwies, das blo\u00df als nettes Hobby zu pflegen, und nebenbei noch mit s\u00fcditalienischer H\u00f6flichkeit die Peinlichkeit hinnahm, dass die Organisatoren zu faul waren, seinen Namen richtig zu anzuk\u00fcndigen (Gian C. Carofiglio stand auf den Eintrittskarten, und lit.Cologne-Veranstalter Edmund Labont\u00e9 redete ihn hartn\u00e4ckig als Gianfranco an).<\/p>\n<p>Angenehm \u00fcberrascht war ich auch von den Kapiteln, die aus seinem ersten Roman vorgestellt wurden: <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/8838918007&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">Testimone inconsapevole<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=8838918007\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>, was eigentlich <em>Der nichtsahnende Zeuge<\/em> hei\u00dfen m\u00fc\u00dfte, die deutsche Ausgabe mu\u00df jetzt aber den nichtssagenden Titel <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/3442310997&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\"><img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"3442310997.01._SCMZZZZZZZ_AA_.jpg\">Reise in die Nacht<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3442310997\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> tragen, und ich ahne mal, dass das mit der Geschichte so viel zu tun hat wie <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/3499236583&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">C\u00e9line<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499236583\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> mit einem <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/3770160908&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">Reisef\u00fchrer \u00fcber Paris<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3770160908\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>.<\/p>\n<p>Carofiglios Buch hat so ein vorget\u00e4uschtes Pathos nicht n\u00f6tig, sondern ist ein solider, sauber gearbeiteter Krimi. Er kokettiert zwar ein bi\u00dfchen damit, dass er eigentlich einen <em>Bildungsroman<\/em> habe schreiben wollen, aber das sagt er wahrscheinlich nur, um h\u00f6flich zu sein und ein deutsches Wort in die Runde zu werfen. (&#8222;Ich w\u00fcrde gerne deutsch zu ihnen sprechen, weil das meine vierte Sprache ist. Leider kann ich nur drei.&#8220;) Bei der Frage nach den literatischen Einfl\u00fcssen h\u00e4lt er sich zur\u00fcck, nennt dann aber doch vor allem amerikanische Autoren: Carver, Steinbeck, Hemingway, und D\u00fcrrenmatt, Dostojewski und Kafka nimmt er dann auch noch dazu. Den amerikanischen Einfluss merkt man vor allem in den Dialogen, wobei Filme da vielleicht noch eine gr\u00f6\u00dfere Rolle gespielt haben als Texte, und sicher auch die jahrelange Praxis von jemand, der schon von Berufs Gespr\u00e4che und Verh\u00f6re f\u00fchren muss: Die erste Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren des Buches, dem Anwalt Guido Guerrieri auf der einen Seite und dem zu Unrecht verd\u00e4chtigten Immigranten Abdou Thiam andererseits, ist sehr gekonnt inszeniert, und man merkt wirklich die peinliche Spannung zwischen dem einen, der noch nicht so richtig wei\u00df, was er anfangen soll mit diesem Fall, und dem andern, der genug hat von Anw\u00e4lten, die nichts mit ihm anfangen k\u00f6nnen, nur mit seinem Geld.<\/p>\n<p>Dass Carofiglio auch selbst ein angenehmer Gespr\u00e4chspartner ist, kann man nach der Lesung erleben, als er mit Witz und Selbstironie von seiner sp\u00e4ten Schriftstellerkarriere, von den Reaktionen des Publikums und der Kritiker berichtet. Um eine der spannendsten Fragen dr\u00fcckt er sich allerdings ein bi\u00dfchen herum, n\u00e4mlich wie Kollegen, Vorgesetzte und Mitarbeiter in anderen Institutionen auf sein Buch reagieren &#8211; immerhin gibt es darin auch einige Anspielungen auf Mi\u00dfst\u00e4nde in der Justiz, auf korrupte Anw\u00e4lte oder pr\u00fcgelnde Polizisten, und dass er einen Rechtsanwalt als Hauptfigur w\u00e4hlt, also jemanden, der es eher mit dem Verd\u00e4chtigen halten muss, ist bei einem Staatsanwalt ja auch ganz interessant. Da antwortet er dann aber doch eher diplomatisch: Wer sich in die Gedankenwelt seines Gegen\u00fcbers einf\u00fchle, mache einen besseren Job als jemand, der nur von au\u00dfen oder oben herab bewerte. Und die Reaktionen anderer Mitarbeiter der Justiz? &#8222;Die interessieren mich nicht.&#8220;<\/p>\n<p>In Italien gibt es mittlerweile einen zweiten Krimi mit Guerrieri (<em>Ad occhi chiusi<\/em>), ein dritter erscheint demn\u00e4chst, und zwischendurch hat Carofiglio sein Projekt eines Bildungsromans dann doch realisiert, mit <em>Il passato \u00e8 una terra straniera<\/em>. Deutsche \u00dcbersetzungen sind angeblich auch schon in Vorbereitung. Vielleicht kennt man bis dahin bei der lit.Cologne auch Carofiglios richtigen Vornamen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Normalerweise mache ich um Krimis, die von Richtern, Anw\u00e4lten oder Polizisten geschrieben werden, einen weiten Bogen. Wer einen Fall in Argumente kleiden kann, der kann ihn noch lange nicht erz\u00e4hlen. 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