{"id":414,"date":"2006-03-24T00:02:24","date_gmt":"2006-03-23T23:02:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=414"},"modified":"2006-03-24T00:02:24","modified_gmt":"2006-03-23T23:02:24","slug":"tota-pulchra","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/03\/24\/tota-pulchra\/","title":{"rendered":"Tota pulchra"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.edscuola.it\/archivio\/interlinea\/images\/annunziata02.jpg\"><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/39\/116736523_55d10ff2d2_m.jpg\" alt=\"L'Annunziata\" \/><\/a><br \/>\nEine junge Frau sitzt vor einem aufgeschlagenen Buch. Ihr Kopf und ihre Schultern sind mit einem blauen Tuch bedeckt. Ansonsten ist die Szenerie sparsam ausgestattet, und der dunkle Hintergrund l\u00e4\u00dft das Bild \u00e4hnlich geheimnisvoll erscheinen wie Vermeers M\u00e4dchen mit dem Perlenohrring. Der Blick der jungen Frau ist nachdenklich, aber sie l\u00e4chelt. Sie schaut aus dem Bild heraus, allerdings nicht zu uns, und die Haltung ihrer H\u00e4nde verr\u00e4t, dass hier etwas anderes zu sehen ist als nur das Portr\u00e4t einer lesenden Frau.<!--more--><\/p>\n<p>Worum es geht, sagt der Titel, den das Bild bekommen hat: <em>L&#8217;Annunziata<\/em>, die Verk\u00fcndigung. Aber eine herk\u00f6mmliche Verk\u00fcndigungsszene ist das nicht. Wir sehen Maria, aber nicht den Engel Gabriel. Und wenn wir genau hinsehen, f\u00e4llt uns auf, dass wir gar nicht so genau sagen k\u00f6nnen, welcher Moment hier wiedergegeben ist: Der Augenblick der Verk\u00fcndigung selbst? Die Ankunft des Engels? Oder hat er den Raum schon wieder verlassen?<\/p>\n<p>Die Antwort ist: Wir sehen alles auf einmal. Der Maler, von dem das Bild stammt, Antonello von Messina, hat hier nicht einfach einen Moment abfotografiert. Wir sehen eine Geschichte, die nicht als chronologische Abfolge wiedergegeben ist, sondern als ein Nebeneinander von Gesten. Antonello hat die zweidimensionale Fl\u00e4che nicht nur durch die dritte Dimension, die r\u00e4umliche Darstellung, erg\u00e4nzt, sondern er hat auch die vierte geb\u00e4ndigt, n\u00e4mlich die Zeit. Denn es geht hier um etwas G\u00f6ttliches, und das G\u00f6ttliche ist jenseits der Zeit.<\/p>\n<p>Beginnen wir rechts unten im Bild: Da sehen wir den Moment, in dem der Engel den Raum betritt. Wir erkennen das am aufgeschlagenen Buch, das vor Maria auf dem Lesepult liegt, aber die Lekt\u00fcre ist unterbrochen, zwei Seiten h\u00e4ngen in der Luft, als ob sie gerade umgebl\u00e4ttert werden sollten und nun von einem Windhauch erfa\u00dft worden sind.<\/p>\n<p>Die Hand, die im Buch bl\u00e4tterte, sehen wir rechts \u00fcber dem Buch schweben, leicht angewinkelt, als ob sie gerade zur\u00fcckgezogen wurde: Eine Geste des Erschreckens, aber auch der Best\u00fcrzung \u00fcber den seltsamen Gru\u00df des Engels (<em>benedicta tu in mulieribus<\/em>) und der Zur\u00fcckweisung seiner ungeheuerliche Botschaft. Die Gesten sind nicht voneinander abgegrenzt, vielmehr geht die eine aus der anderen hervor und nimmt bereits die n\u00e4chste vorweg.<\/p>\n<p>Denn mit der linken Hand verst\u00e4rkt Maria die Zur\u00fcckhaltung, die die rechte Hand andeutet: Sie h\u00e4lt das Tuch \u00fcber der Brust zusammen, als wolle sie ihre Jungfr\u00e4ulichkeit betonen. Aber die Finger der linken Hand sind nicht gekr\u00fcmmt, die Haltung ist grazil und mit Zeige- und Mittelfinger zeigt Maria auf sich selbst: Der erste Schreck und das Erstaunen geht \u00fcber in das Begreifen. Die Frau auf dem Bild zeigt uns, dass sie eine Auserw\u00e4hlte ist.<\/p>\n<p>Das kann man ihren Augen ansehen: Sie schaut in die Ferne, aber nicht aus Verlegenheit, sondern selbstbewu\u00dft und zufrieden, wie eine K\u00f6nigin, die wei\u00df, was ihre Rolle ist. Dar\u00fcber l\u00e4chelt sie. Aber dieses L\u00e4cheln hat etwas Mysteri\u00f6ses, man sp\u00fcrt, dass sie mehr erfahren hat als nur eine Botschaft, und wir fragen uns, ob der Erzengel sie nicht in Worten unterrichtet hat, sondern mit einem Kuss auf diese Lippen.<\/p>\n<p>Das ist ein weiterer r\u00e4tselhafter Aspekt dieses Bildes: Dass Antonello seiner Maria eine so unverhohlen sinnliche Ausstrahlung beigemessen hat. Wir k\u00f6nnten dem Bild auch ohne weiteres eine erotische Interpretation unterlegen und darin die Darstellung einer erwachenden Sexualit\u00e4t sehen, von der Erkenntnis, der erst das Erschrecken folgt, \u00fcber das Akzeptieren bis zum selbstbewu\u00dften Stolz darauf. Eine solche Interpretation w\u00e4re nat\u00fcrlich nicht im Sinne der katholischen Kirche, f\u00fcr die die Sch\u00f6nheit Marias gerade aus ihrer absoluten Reinheit entspringt: <em>Tota pulchra es Maria et macula originalis non est in te<\/em>.<\/p>\n<p>Aber wer wei\u00df, ob Antonello nicht eine andere Deutung intendiert hatte: Diese Maria ist sch\u00f6n, gerade weil sie aus Fleisch und Blut ist. Der Makel, der der Sinnlichkeit und der K\u00f6rperlichkeit urspr\u00fcnglich angehaftet haben mag, ist keiner mehr; der K\u00f6rper ist kein Gef\u00e4ngnis, sondern mit den Gesten, die er produziert, ist er die Voraussetzung daf\u00fcr, dass es so etwas wie Wissen und Erkenntnis \u00fcberhaupt gibt. Und dar\u00fcber kann man schon mal l\u00e4cheln.<\/p>\n<p>(Bilder von Antonello sind bis Juni 2006 in den <a href=\"http:\/\/www.mostraantonellodamessina.it\/\">Scuderie del Quirinale<\/a> in Rom zu sehen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine junge Frau sitzt vor einem aufgeschlagenen Buch. Ihr Kopf und ihre Schultern sind mit einem blauen Tuch bedeckt. Ansonsten ist die Szenerie sparsam ausgestattet, und der dunkle Hintergrund l\u00e4\u00dft das Bild \u00e4hnlich geheimnisvoll erscheinen wie Vermeers M\u00e4dchen mit dem Perlenohrring. Der Blick der jungen Frau ist nachdenklich, aber sie l\u00e4chelt. Sie schaut aus dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-414","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=414"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=414"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=414"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=414"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}