{"id":419,"date":"2006-03-29T00:43:46","date_gmt":"2006-03-28T23:43:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=419"},"modified":"2006-03-29T15:00:58","modified_gmt":"2006-03-29T12:00:58","slug":"stommeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/03\/29\/stommeln\/","title":{"rendered":"Stommeln"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/45\/119501574_f244de7eb0.jpg\" alt=\"Stommeln\" \/><br \/>\nDas Dorf liegt dort, wo die H\u00fcgel der Ville langsam ausrollen in das Plateau der K\u00f6lner Bucht. Die alten H\u00e4user, die man hier noch vereinzelt findet, sind meist niedrig gebaut und schmiegen sich in die letzten Ausbuchtungen der H\u00fcgelkette, damit sie sich besser unter dem Wind wegducken k\u00f6nnen. Am h\u00f6chsten Punkt des Dorfes hat man noch einmal zus\u00e4tzlich eine Erhebung aufgesch\u00fcttet und darauf eine Windm\u00fchle gesetzt. Sie spannt ihre Fl\u00fcgel in den grauen Fr\u00fchlingstag, als wollte sie das hingekauerte Dorf noch mal zus\u00e4tzlich einsch\u00fcchtern.<!--more--><\/p>\n<p>Es scheint, als ob man das Wegducken hier verinnerlicht hat. Wenn man \u00fcber den Dorfplatz geht, hat man das Gef\u00fchl, von den Menschen zwar nicht beobachtet, aber mit einer Art gespannter Aufmerksamkeit wahrgenommen zu werden. Schaut man ihnen dennoch ins Gesicht, begegnet man einem skeptischen Blick, als ob sie sagen wollten: Sprich mich blo\u00df nicht auf diese Sache an.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/42\/119497570_5f0d17ffe9_m.jpg\" alt=\"Synagoge Stommeln\" \/>Diese Sache, das ist die Aktion, die der K\u00fcnstler <a href=\"http:\/\/www.santiago-sierra.com\/\">Santiago Sierra<\/a> in der ehemaligen Synagoge des Dorfes durchf\u00fchren wollte, die nun aber nach heftigen Protesten ausgesetzt worden ist. Sierra wollte Sonntag f\u00fcr Sonntag Autoabgase in die Synagoge leiten lassen. Die Aktion sollte, sagt Sierra, ein Statement gegen die Banalisierung der Erinnerung sein und widmete sie ausdr\u00fccklich den Opfern des Holocaust.<\/p>\n<p>Nun h\u00e4tte ihm vielleicht auffallen k\u00f6nnen, dass es m\u00f6glicherweise viel eher einer Banalisierung des Gedenkens gleichkommt, wenn man so ein Szenario als echt authentischen Kick inszeniert. Da ist dann h\u00f6chstens etwas \u00fcber einen Kulturbetrieb ausgesagt, der solche Rummelplatzattraktionen braucht, um sich das vorzustellen zu k\u00f6nnen, wozu die eigene Vorstellungskraft nicht mehr ausreicht.<\/p>\n<p>Die Widmung wurde jedenfalls zur\u00fcckgewiesen, und das zu recht, mehr noch: Es gab erbitterte Proteste, aus den j\u00fcdischen Gemeinden, von Holocaust-Opfern, aber auch von anderen Seiten. (Nebenbei: Die vern\u00fcnftigsten Statements zu dieser Geschichte kamen von <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/html\/artikel\/1141776725708.shtml\">Schlingensief<\/a>.)<\/p>\n<p>Es gab einige Arbeiten von Sierra, die ich durchaus interessant fand. Der <a href=\"http:\/\/www.santiago-sierra.com\/200303_1024.htm\">Pavillion<\/a> auf der Biennale von Venedig, wo Security-Leute nur Besucher mit spanischem Pass reinlie\u00dfen und selbst prominente Honoratioren drau\u00dfen bleiben mu\u00dften, war eine intelligente Provokation, ebenso die Aktion <a href=\"http:\/\/www.santiago-sierra.com\/200404_1024.htm\">300 Tonnen<\/a>, als er fast genau dieses Gewicht auf dem Dach des Kunsthauses in Bregenz platzierte und damit Risiko und Kunst unter einer ganz besonderen Belastungsprobe zusammenf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Schon weniger gelungen fand ich seine Spielchen mit Junkies und Prostituierten. Da schl\u00e4gt das kindliche Staunen dar\u00fcber, was man Menschen alles machen lassen kann, schnell um in eine Komplizenschaft mit denen, die das eh schon lange wissen und viel effizienter praktizieren. Und dann ist man nicht mehr als eine weitere Skandalnudel im Kunstbetrieb, so eine Art Stefan Raab f\u00fcrs Feuilleton.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/52\/119497571_45015a84e5_m.jpg\" alt=\"Synagoge Stommeln\" \/>Ob man ihn darum nach Stommeln geholt hatte, wei\u00df ich nicht. Wenn ich mir das Interview mit den beiden Kulturamtsleitern anschaue, das im Stadt-Anzeiger erschien, als der Wirbel grade hochkochte, dann muss habe ich eher das Gef\u00fchl, dass man sich eigentlich nicht so richtig viele Gedanken dar\u00fcber gemacht hat, was so ein Projekt eigentlich alles ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Und als die Welle der Entr\u00fcstung dann \u00fcber Stommeln dahinschwappte, h\u00e4tte man es am liebsten so gemacht wie die H\u00e4user ringsherum und sich irgendwie weggeduckt. Leider ist das Interview online nicht mehr auffindbar, sonst k\u00f6nnte man die Bilder noch sehen, die der Fotograf des <em>Stadt-Anzeigers<\/em> gemacht hat von den beiden Kulturbeamten. Da standen sie und schauten unsicher in die Kamera, als ob sie am liebsten durch die T\u00fcr im Hintergrund wieder verdr\u00fcckt h\u00e4tten. Und leider kann man den Text auch nicht mehr lesen, was aber vielleicht auch nicht so schlimm ist, denn eigentlich stand ja nur das drin, was dann immer gesagt wird in solchen Situationen: Das haben wir ja gar nicht gewollt, damit war doch gar nicht zu rechnen, wenn wir das gewu\u00dft h\u00e4tten. Vermutlich weil man das nicht geahnt hatte, lief die Produktion bis zum Tag der Er\u00f6ffnung auch unter v\u00f6lliger Geheimhaltung.<\/p>\n<p>Das ist, wenn man so will, das einzige, was ich an Sierras Projekt noch aufzeigenswert finden w\u00fcrde: Was man ein Kulturreferat alles machen lassen kann. Und dort war man darum m\u00f6glicherweise sogar erleichtert, das Ganze abblasen zu k\u00f6nnen. Vielleicht ist Sierra oder jemandem im Kulturamt auch einfach aufgegangen, dass man mit so einem plumpen Spektakel eh nicht ankommt gegen die Banalisierungen, die in der realen Welt l\u00e4ngst im Gange sind.<\/p>\n<p>Neben dem Zugang zur Synagoge steht ein Haus, das hei\u00dft <em>S\u00fc\u00dfe Ecke<\/em>. Und da h\u00e4ngt dieses Plakat neben der T\u00fcr, genau um die Ecke vom Schaukasten der Synagoge:<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/41\/119509093_6b05f3c4db.jpg\" alt=\"Erinnerungen Stommeln\" \/><br \/>\nAktuelle Erinnerungskultur f\u00fcr 99 Cent das St\u00fcck. Billiger macht&#8217;s der Sierra bestimmt nicht.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Nachtrag: Das Interview mit den Pulheimer Initiatoren des Projekts ist doch noch <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/html\/artikel\/1141776731182.shtml\">online<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Dorf liegt dort, wo die H\u00fcgel der Ville langsam ausrollen in das Plateau der K\u00f6lner Bucht. Die alten H\u00e4user, die man hier noch vereinzelt findet, sind meist niedrig gebaut und schmiegen sich in die letzten Ausbuchtungen der H\u00fcgelkette, damit sie sich besser unter dem Wind wegducken k\u00f6nnen. 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