{"id":424,"date":"2006-04-07T12:49:40","date_gmt":"2006-04-07T09:49:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=424"},"modified":"2006-04-07T12:58:39","modified_gmt":"2006-04-07T09:58:39","slug":"blind-in-bochum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/04\/07\/blind-in-bochum\/","title":{"rendered":"Blind in Bochum"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/53\/124560662_9976d7c16d_m_d.jpg\" alt=\"Schauspielhaus Bochum\" \/>Im Untergeschoss des <a href=\"http:\/\/www.schauspielbochum.de\">Bochumer Schauspielhauses<\/a> steht ein Whirlpool. Dass es ein Whirlpool ist, merkt man allerdings erst ab der Mitte des St\u00fccks, das um ihn herum und dann auch in ihm drin gespielt wird: Erst sieht man nur ein h\u00f6lzernes Gestell mit einer Kunstlederpolsterung obendrauf, so als h\u00e4tte man einen Futon auf die Sitzb\u00e4nke einer Sauna montiert.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/3446207228&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">Lieber Gott, mach mich blind<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3446207228\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> wird hier gespielt, das erste Theaterst\u00fcck von Wilhelm Genazino. Das ist ein Kammerst\u00fcck im besten Sinn: Eine f\u00fcnfstimmige Fuge \u00fcber das \u00c4lterwerden, den Verfall des K\u00f6rpers und das Dahind\u00e4mmern von Sehns\u00fcchten.<\/p>\n<p>Man muss das St\u00fcck musikalisch sehen, denn eigentlich passiert hier nicht viel: Man sieht ein alterndes Ehepaar, das sich aus dem Weg zu gehen versucht, eine ehemalige Geliebte, die ihr Altern nicht ertragen kann, und den Sohn und die Schwiegertochter, die ihre K\u00f6rper schon hassen, bevor sie wirklich zu altern begonnen haben. Es geht um die existenzielle Verzweiflung, die verschwitzte Haare, rote Gesichter und K\u00f6rperw\u00e4rzchen ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Genazino gibt diesen Verzweifelten eine trotzige W\u00fcrde, indem er ihre Gesichtsrosenkriege zu scharfen, pointierten und bei aller Resignation eleganten Dialogen verwebt: &#8222;Auf der ganzen Welt gibt es keine Bluse, die mein Gesicht mildert&#8220;, sagt die Schwiegertochter, und das ist einer dieser S\u00e4tze, die ein ganzes Leben erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>In einigen Rezensionen ist dem St\u00fcck vorgeworfen worden, dass es zu wenig Handlung biete und zu monothematisch den Obsessionen seiner Figuren folge. Da hat man vielleicht \u00fcbersehen, dass das auch in den Roman schon Genazinos Thema ist: Wie man damit umgeht, dass das Leben nun mal selten die dramatischen B\u00f6gen schl\u00e4gt, die man von ihm erwartet, ob man dabei resigniert oder wenigstens ein bi\u00dfchen frische Luft schnappen geht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/50\/124593972_b2026ba7d6_m.jpg\" alt=\"Lieber Gott, mach mich blind\" \/>Auf der B\u00fchne dar\u00fcber zu sprechen, dass nichts passiert, oder zumindest nichts von dem, was man haben m\u00f6chte, ist nat\u00fcrlich schwierig. In einem Roman hat man es da etwas einfacher: Wenn die Dinge schon nicht gro\u00df werden wollen, kann man wenigstens dar\u00fcber plaudern. Mit dem Whirlpool im Zentrum der B\u00fchne hat Regisseur Christian Tschirner seinem Ensemble nicht wirklich einen Gefallen getan. Wie ein schwerer Tr\u00fcmmer liegt das Ding in der Mitte, die Bunkerarchitektur des <em>Theaters unter Tage <\/em> tut ihr \u00dcbriges dazu, und wo ein Tanz ums feuchte Kalb h\u00e4tte stattfinden k\u00f6nnen, wirkt das Gegen- und Nebeneinander der Protagonisten oft schematisch und gehemmt.<\/p>\n<p>Klaus Weiss, der den mi\u00dfgelaunten Patriarchen dieses Ensembles mit viel Gusto spielt, macht noch das Beste aus der Situation: Wie ein m\u00fcder Pascha im Hammam sitzt er da im Becken und l\u00e4\u00dft alle wissen, dass er eigentlich das ganze Treiben um ihn herum am liebsten einfach so geschehen lassen w\u00fcrde, wenn die anderen ihn nicht st\u00e4ndig als Gravitationspunkt ihrer Welten verstehen wollten. Veronika Nickl, die Schwiegertochter, ist die einzige, die sich dagegen str\u00e4ubt, und darum auch die zweite spannende Figur dieser Inszenierung: Wie ein nerv\u00f6ses, selbstzweiflerisches Atom titscht sie um den apathischen Nukleus, der im Becken vor sich hind\u00e4mmert.<\/p>\n<p>Das \u00fcbrige Ensemble scheint dagegen etwas unentschlossen, wie weit es das St\u00fcck ins Boulevardeske schieben darf, ohne eine plumpe Beziehungs-Comedy daraus zu machen. Mark Oliver B\u00f6gel gelingt das am wenigsten, allerdings hat er auch das Pech, dass der Sohn die am geringsten ausgemalte Figur des St\u00fcckes ist. Aber das versucht er f\u00fcr meinen Geschmack mit zu viel Kieksen in der Stimme und Grimassieren im Gesicht auszugleichen. Margit Carstensens Ehefrau h\u00e4tte ein bisschen mehr Zynismus und B\u00f6sartigkeit vertragen k\u00f6nnen, ihre Giftpfeile treffen nicht immer mit der Wucht, die sie vielleicht haben sollten. Veronika Bayers Geliebte ist mir am Anfang eine Nuance zu \u00fcberdreht, hat dann aber, in der mi\u00dflungenen Verf\u00fchrung des Familienvaters im Pool, eine der besten Szenen des St\u00fccks.<\/p>\n<p>So ein wenig ist diese Inszenierung wie das Schauspielhaus selbst: Mit seiner klaren und n\u00fcchternen 50er-Jahre-Architektur und dem keilf\u00f6rmigen Grundri\u00df k\u00f6nnte es ein interessantes Element sein, um einen langweiligen innerst\u00e4dtischen Platz zu strukturieren und zu pointieren. Aber das Drumherum ist zu wirr und zu unpr\u00e4zise, um es wirklich zur Geltung kommen zu lassen. Schade drum.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/1\/124560663_2778d76912_m.jpg\" alt=\"Schauspielhaus Bochum\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Untergeschoss des Bochumer Schauspielhauses steht ein Whirlpool. 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