{"id":438,"date":"2006-06-07T18:29:01","date_gmt":"2006-06-07T15:29:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=438"},"modified":"2006-06-07T18:29:01","modified_gmt":"2006-06-07T15:29:01","slug":"giambologna","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/06\/07\/giambologna\/","title":{"rendered":"Giambologna"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.giambologna2006.it\"><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/73\/162411636_b81f361195_m.jpg\" alt=\"Giambologna\" \/><\/a><br \/>\nDie Skulptur ist die gr\u00f6\u00dfte aller K\u00fcnste, sagt Cellini, sie ist sieben Mal gr\u00f6\u00dfer als die Malerei, weil sie nicht nur eine, sondern acht Ansichten bieten muss, und jede davon hat brilliant zu sein. Das Beste ist nur gut genug f\u00fcr die Medici, denen es im 16. Jahrhundert gelingt, ihre Macht endg\u00fcltig zu festigen und die republikanischen Projekte der Florentiner ins Reich der Utopien zu verbannen. Angekommen im Hochadel sind sie schon l\u00e4ngst, sie haben P\u00e4pste gestellt, ihre Kinder heiraten die Kinder von K\u00f6nigen und Kaisern. Macht und Glanz wollen gefeiert werden, und das in Bildern, die unmissverst\u00e4ndlich sind, und die doch ein Problem l\u00f6sen m\u00fcssen: Denn die Herrschenden sind gleichzeitig Tyrannen und Narzi\u00dften, sie m\u00f6chten von den Zeitgenossen gef\u00fcrchtet werden und von der Ewigkeit geliebt.<!--more--><\/p>\n<p>Wer die Rechnung mit der Ewigkeit machen will, muss sich an Vorbildern orientieren. Und schafft sich damit ein weiteres Problem: Wer den Vorbildern einfach nur nacheifert, bleibt immer in ihrem Schatten. Man muss sie \u00fcbertreffen und besser sein. Aber wie kann man \u00fcbertreffen, was schon perfekt ist? Wie kann man besser sein als ein Michelangelo, dessen Statuen als Inbegriff von Harmonie und Vollkommenheit gelten?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.giambologna2006.it\"><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/66\/162411637_83fa74f0fd_m.jpg\" alt=\"Giambologna\" \/><\/a>Aus dieser Fragestellung heraus entsteht der Manierismus, die erste Kunstrichtung, die Europa fast zeitgleich und umfassend bewegt. Es hat etwas Kurioses, dass ausgerechnet in einer Zeit, wo sich in der politischen Landschaft die Verh\u00e4ltnisse allm\u00e4hlich stabilisieren, in der Kunst die Dinge wieder in Bewegung geraten und \u00fcberall dort, wo die Renaissance auf Ordnung, Dauerhaftigkeit und Autorit\u00e4ten bauen wollte, wieder kleine subversive Attacken gegen diese Ordnungsprinzipien gef\u00fchrt werden. Die <em>figura serpentina<\/em>, die gewundene Gestalt, ist das neue Ideal: Sch\u00f6nheit ist nicht mehr statisch, sondern dynamisch. Ein sch\u00f6ner K\u00f6rper ist immer noch ein wohlproportionierter K\u00f6rper. Aber die Proportion wird nicht mehr betont, sondern in der Eleganz der Bewegung aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Die Herrschenden der Zeit lassen sich nur zu gern in solchen ambivalenten Spielereien verherrlichen. Es nimmt der Macht das Monstr\u00f6se und Bedrohliche, aber nicht die Autorit\u00e4t. Der Meister dieses Spiels zwischen der Statik und ihrer Subversion, zwischen monumento und movimento ist Giambologna. Er ist ein Ausl\u00e4nder, er stammt aus Flandern, und auch das ist ein Trend, der jetzt typisch wird, denn die stabileren politischen Verh\u00e4ltnisse bringen auch die Menschen in Bewegung. Flandern war schon zuvor die einzige europ\u00e4ische Region, denen die toskanischen K\u00fcnstler so etwas wie einen gleichwertigen k\u00fcnstlerischen Rang zugebilligt haben, sp\u00e4testens seit die Medici die Gem\u00e4lde eines Hugo van der Goes nach Florenz brachten.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher reisten die Gem\u00e4lde, jetzt tun es die K\u00fcnstler selbst, und damit kommen neue Anschauungen ins Land und \u00fcberhaupt die Idee, die Dinge nicht nur von einem Anschauungspunkt her zu definieren, sondern mehrere Blickwinkel zuzulassen. Giambologna macht das mit einer neuartigen Radikalit\u00e4t: Er verkeilt und verdreht die Gestalten in seinen Werken, bis man kaum noch erkennen kann, wo eine anf\u00e4ngt und eine andere aufh\u00f6rt. Die m\u00f6glichen Perspektiven sind unz\u00e4hlbar, fast jede l\u00e4\u00dft das Bild neu erscheinen.<\/p>\n<p>Dazu ist es notwendig, auch die Anordnung und Hierarchie der Figuren aufzulockern und \u00fcber die Schwere und Monumentalit\u00e4t des Materials &#8211; immerhin arbeitet er in Bronze und in Marmor &#8211; hinwegzut\u00e4uschen. Nirgendwo kann man das besser in Augenschein nehmen als auf der <em>Piazza della Signoria<\/em> in Florenz. Der <em>Raub der Sabinerinnen<\/em> in der Loggia ist das exemplarische Sujet: Es geht um die Darstellung einer Gewalttat, aber von \u00dcberw\u00e4ltigung und Grausamkeit ist bei Giambologna fast nichts mehr zu merken. Die Verzweiflung der Opfer wird dadurch aufgel\u00f6st, dass sie die Klammer f\u00fcr den T\u00e4ter bilden, ihre K\u00f6rper verschmelzen mit seinem und die Brutalit\u00e4t der Aktion zerfliesst in einer fast gel\u00f6sten Erotik. Besser kann man den Herrschaftsanspruch der Medici nicht erfassen, h\u00f6chstens noch in der fast postkoitalen Entspanntheit, in der Cosimo I. hoch zu Ross seines Reiterstandbildes sitzt: Der hat es nicht mehr n\u00f6tig, um seine Macht zu k\u00e4mpfen, und trotzdem kann es keinen Zweifel daran geben, wer hier auf dem Platz das sagen hat.<\/p>\n<p>Man kann verstehen, dass die Medici so ein Talent nicht auf dem europ\u00e4ischen Markt herumlaufen lassen: Cosimo holt Giambologna nach Florenz, er wird sein ganzes Leben lang im Auftrag der Medici arbeiten. Wie am Flie\u00dfband wird seine Werkstatt die Wunderkammern und Mitgifttruhen der Familie bev\u00f6lkern.<\/p>\n<p>Die Verbindung zu den Medici sorgt f\u00fcr eine stabile Auftragslage. Gerne verschenken die Gro\u00dfherz\u00f6ge Werke aus seiner Fabrikation, und schnell wird sein Name in ganz Europa ber\u00fchmt. Aber er kann nichts daraus machen: F\u00fcr andere Auftraggeber darf er nicht arbeiten, die Medici wollen das Bild, das er von ihnen und ihrer Macht entwirft, ganz f\u00fcr sich haben. Und Giambologna ist kein guter Manager: Er lebt aufw\u00e4ndig, die Gl\u00e4ubiger werden aufdringlich. 1.500 Scudi erbettelt er sich als monatliche Rente: Dann w\u00fcrde man ihn nicht mehr bel\u00e4stigen, schreibt er, und dann m\u00fcsse er sich<\/p>\n<blockquote><p>nicht mehr sch\u00e4men, dass ich es nicht vermocht habe, in so viel Zeit mit so viel Arbeit mein Leben voranzubringen, w\u00e4hrend ich zur gleichen Zeit sehen muss, wie meine Angestellten und Sch\u00fcler mit dem, was sie bei mir gelernt haben und von meinen Modellen, seit ihrem Weggang von mir zu Reichtum und Ehren gekommen sind, und mir scheint, dass sie \u00fcber mich lachen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber er traut sich auch nicht wegzugehen, er hat Angst davor, irgendwo noch mal neu anfangen zu m\u00fcssen und den Rivalit\u00e4ten und Intrigen zum Opfer zu fallen, die an anderen H\u00f6fen lauern k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Also bleibt er in Florenz, bis zu seinem Tod im Jahr 1608. Seiner Popularit\u00e4t tut das keinen Abbruch: Die Kopien seiner Statuen sind begehrt wie heutzutage Panini-Sammelbildchen von Fu\u00dfballern (um die <a href=\"http:\/\/www.repubblica.it\/2006\/04\/sezioni\/arte\/recensioni\/bronzi-giambologna\/bronzi-giambologna\/bronzi-giambologna.html\">Repubblica<\/a> zu zitieren). Um den Nachruhm muss er sich keine sorgen machen: Da wo er ist, f\u00fchlt er sich am richtigen Platz, n\u00e4mlich als &#8222;Nachfolger der Gro\u00dfen der Renaissance&#8220; und das auch noch in deren eigenem Haus.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise hat es eine halbe Ewigkeit gedauert, bis in Florenz ein Ausstellung organisiert werden konnte, die einen umfassenden Einblick in das Werk dieses Johann aus Boulogne (der eigentlich aus Douai kam) erlaubt. Noch bis zum 15. Juli l\u00e4uft im Bargello die gro\u00dfe Werkschau unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.giambologna2006.it\">Giambologna: gli dei, gli eroi<\/a>, und anschlie\u00dfend wird sie &#8211; zumindest ein gro\u00dfer Teil davon &#8211; nach Wien weiterziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Skulptur ist die gr\u00f6\u00dfte aller K\u00fcnste, sagt Cellini, sie ist sieben Mal gr\u00f6\u00dfer als die Malerei, weil sie nicht nur eine, sondern acht Ansichten bieten muss, und jede davon hat brilliant zu sein. Das Beste ist nur gut genug f\u00fcr die Medici, denen es im 16. 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