{"id":456,"date":"2006-07-19T13:13:25","date_gmt":"2006-07-19T10:13:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=456"},"modified":"2006-07-19T13:13:25","modified_gmt":"2006-07-19T10:13:25","slug":"ein-tag-in-neutral-moresnet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/07\/19\/ein-tag-in-neutral-moresnet\/","title":{"rendered":"Ein Tag in Neutral-Moresnet"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/191490420\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/65\/191490420_84aa119441.jpg\" alt=\"Kelmis, Dorfplatz\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.trois-frontieres.be\/D\/chateaux_route.php\">Burgenroute<\/a> ist eine sch\u00f6ne Radtourenstrecke im Osten Belgiens: Sie f\u00fchrt rund 80 km \u00fcber meist wenig befahrene Stra\u00dfen und in leicht welligem Gel\u00e4nde durch die kleinen D\u00f6rfchen in der N\u00e4he des Dreil\u00e4nderecks. Etwa ein Dutzend Burgen und Schl\u00f6sser liegen entlang der Strecke, einige davon mit einer weit zur\u00fcckreichenden Geschichte, allerdings merkt man den meisten auch an, dass der gr\u00f6\u00dfte Teil ihrer Bausubstanz aus Zeiten stammt, als Burgen nicht mehr in erster Linie zu Verteidigungszwecken gebaut wurden, sondern als Verwaltungssitze und repr\u00e4sentative Anwesen dienten. Sie liegen oft etwas versteckt in idyllischen Flu\u00dft\u00e4lern und sind fast alle heute noch in Privatbesitz.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil der Strecke kreist um das Gemeindegebiet von Kelmis oder La Calamine, einer Kommune mit einer recht kuriosen Geschichte: Von 1815 bis 1919 hie\u00df der Ort Neutral-Moresnet und war, der Name sagt es schon, neutrales Gebiet. Schuld daran war eine Zinkmine, die sich auf diesem Territorium befand, als auf dem Wiener Kongress die Grenzen der europ\u00e4ischen Staaten festgelegt wurden.<!--more--><\/p>\n<p>Galmei hei\u00dft der Zinkspat, der hier gef\u00f6rdert wurde, franz\u00f6sisch <em>calamine<\/em>, und er wurde vor allem zur Kupferherstellung verwandt. Die Ausbeutung der Mine mu\u00df ein lukratives Gesch\u00e4ft gewesen sein, jedenfalls erhoben sowohl Preu\u00dfen als auch die Vereinigten Niederlande Anspr\u00fcche auf das Territorium. Weil man sich nicht einigen konnte, verfiel man auf einen Kompromiss und machte aus Moresnet eine Art nordeurop\u00e4isches Andorra: Ein preu\u00dfischer und ein niederl\u00e4ndischer Kommissar teilten sich in die Verwaltung des Gel\u00e4ndes rund um die Zinkmine.<\/p>\n<p>Gross war ihr Verwaltungsbereich nicht: Das Gebiet reichte in einem mehr oder minder <a href=\"http:\/\/home.hccnet.nl\/c.damen\/images\/landkaart\/kaart_akens_grensverdrag.jpg\">tortenf\u00f6rmigen Grundriss<\/a> vom Drielandenpunt (damals noch ein Zweil\u00e4nderpunkt) bei Vaals bis zur Stra\u00dfe, die von Aachen nach L\u00fcttich f\u00fchrte. Die schnurgeraden Grenzlinien zeigen, dass man sich am Rei\u00dfbrett arrangiert hatte, und sowohl der westliche als auch der \u00f6stliche Teil der Gemeinde Moresnet blieben von der Vereinbarung ausgespart: Der Westen wurde niederl\u00e4ndisch (und geh\u00f6rt heute noch als Moresnet-Village und Moresnet-Chappelle zur Nachbargemeinde Plombi\u00e8res), der Osten kam als Preu\u00dfisch Moresnet zu Preu\u00dfen.<\/p>\n<p>Neutral-Moresnet umfa\u00dfte gerade mal 350 Hektar, auf denen anfangs wenig mehr als 250 Menschen lebten. Das \u00e4nderte sich allerdings rasch, denn die Mine entwickelt sich sp\u00e4tetens ab den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts pr\u00e4chtig. Die Zahl der Einwohner stieg rapide, um 1860 lebten und arbeiteten hier bereits um die 2.500 Menschen.<\/p>\n<p>Die Betreiber der Mine lebten nicht schlecht unter der bizarren politischen Situation: Die Besitzverh\u00e4ltnisse in der Betreibergesellschaft <em>Vieille Montagne<\/em> waren vom Abkommen zwischen Preu\u00dfen und den Niederlanden ausdr\u00fccklich ausgespart geblieben, eher war es so, dass die Minendirektoren die eigentlichen Herren in Neutral-Moresnet waren. Das blieb auch so, als sich der s\u00fcdliche Teil der Niederlande abspaltete und zum K\u00f6nigreich Belgien wurde: Der niederl\u00e4ndische Kommissar wurde nun durch einen belgischen ersetzt, auch wenn die Niederl\u00e4nder formal nie auf ihre Anspr\u00fcche in Moresnet verzichtet haben. Die Direktoren der Mine fungierten oft als B\u00fcrgermeister, und sie sorgten daf\u00fcr, dass Steuern und Preise recht niedrig blieben. Die politische Betreuung durch zwei interessierte Staaten hatte m\u00f6glicherweise auch ihre Vorteile, zum Beispiel den, dass sich die Streitparteien in einem Gerichtsverfahren aussuchen konnten, nach welchem Recht geurteilt werden sollte. Und dass im Windschatten der europ\u00e4ischen Politik auch andere \u00d6konomien ganz gut gedeihen konnten, mag man daran erkennen, dass es f\u00fcr die doppelte Tausendschaft von Einwohnern stolze 60 bis 70 Schnapsbrennereien und Wirtsh\u00e4user gab.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/78\/191490419_863292a01f.jpg\" alt=\"Kelmis, Mahnmal\" \/> Wirtsh\u00e4user, Kneipen und Frittenbuden gibt es auch heute noch, vor allem entlang der Haupstrasse. Allerdings merkt man dem St\u00e4dtchen an, dass es erst relativ sp\u00e4t und dann in rasantem Tempo gewachsen ist: Es fehlt ein nat\u00fcrliches Zentrum, die Hauptstra\u00dfe ist eine Durchgangsstra\u00dfe, und der Kirchplatz, der etwas weiter oberhalb liegt, ist hell und offen, aber auch steril und mit der Atmosph\u00e4re eines mittelgro\u00dfen Parkplatzes.<\/p>\n<p>In den 1880ern war die Mine ersch\u00f6pft. Von Preu\u00dfen aus war mittlerweile das Deutsche Reich entstanden, und das machte die Anspr\u00fcche auf Moresnet zu einem Zankapfel in der Auseinandersetzung mit Belgien. Der Streit eskalierte so weit, dass das Reich sogar Strom- und Telefonleitungen kappte. In der Kelmiser Bev\u00f6lkerung tendierte man aber eher zu einem Anschluss an Belgien. Dazu kamen die Bem\u00fchungen des Arztes Wilhelm Molly, der auf mehreren Wegen versuchte, Moresnet zu einem unabh\u00e4ngigen Staat zu machen. Er gr\u00fcndete eine &#8222;Kelmiser Verkehrsanstalt&#8220;, die unter anderem Briefmarken druckte (was allerdings von den Kommissaren rasch untersagt wurde). Sp\u00e4ter lie\u00df er den ersten Esperanto-Freistaat ausrufen: <em>Amikejo<\/em> (Ort der Freundschaft) erhielt sogar eine eigene Hymne, ein Wappen und eine Fahne (die Farben sind heute noch in der Stadtfahne von Kelmis zu sehen). Das Abenteuer endete aber sp\u00e4testens mit dem Beginn der Ersten Weltkriegs und dem Einmarsch der deutschen Truppen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/191495934\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/47\/191495934_61ad7379da.jpg\" alt=\"G\u00f6hltalbr\u00fccke\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Deutschen annektierten das Mini-Territorium trotz der zuvor erhobenen Anspr\u00fcche nicht direkt, sondern verwalteten es zun\u00e4chst als besetztes Gebiet. Aber sie begannen rasch, ihre strategischen Vorstellungen umzusetzen, beispielsweise durch den Bau der beeindruckenden <a href=\"http:\/\/vonderruhren.de\/aachenbahn\/seiten\/geulviad.php\">G\u00f6hltalbr\u00fccke<\/a>, die von 1915 bis 1916 errichtet wurde, um den Nachschub auf der Eisenbahnstrecke zwischen Aachen und L\u00fcttich sicher zu stellen. Man bekommt sie auf der Burgenroute immer wieder in den Blick und f\u00e4hrt nach einer kurzen Abfahrt unmittelbar daran vorbei. Sie ist vor ein paar Jahren renoviert worden und wenn man es nicht besser w\u00fc\u00dfte, k\u00f6nnte man fast meinen, sie sei erst neu erbaut worden. Ein paar Wohnh\u00e4uschen sind entlang der Stra\u00dfe unterhalb der Br\u00fccke aufgereiht, und von der Br\u00fccke aus k\u00f6nnte man meinen, sie ducken sich eingesch\u00fcchtert zur Seite hin weg.<\/p>\n<p>Die Burgenroute schwenkt hier von ihrem Rundkurs um Kelmis nach Westen und macht eine Schleife nach Westen. Da kommt man dann in ein ganz anderes Territorium, und zwar in eines, wo es nicht um Neutralit\u00e4t geht, sondern um erbittertes Ringen um Zugeh\u00f6rigkeiten und Pfr\u00fcnde. Man erreicht Voeren oder Fourons, einer der am heftigsten umk\u00e4mpften Gemeinden im Streit zwischen Flamen und Wallonen. Die Kommune geh\u00f6rte mal zur wallonischen Provinz L\u00fcttich, wurde dann aber als Exklave dem fl\u00e4mischen Limburg zugeschlagen, und dar\u00fcber streiten sich die Communities hier noch immer: &#8222;Fourons Wallons&#8220; hei\u00dft es auf einem Stromumsetzer am Dorffriedhof von Sint-Pieter-Voeren oder Fourons-Saint-Pierre. Nur der letztere Name ist auf dem \u00fcbersprayten Ortsschild noch einigerma\u00dfen zu erkennen, wobei ein Sprayer auch das &#8222;Fourons&#8220; in &#8222;Fou&#8220; abgek\u00fcrzt hat. Belgien ist weniger ein echter Konfliktherd als mehr eine Bierzeltschl\u00e4gerei waiting to happen. Bezeichnenderweise haben die Schilder der Burgenroute hier vorsichtshalber gar keine Beschriftung wie sonst auf dem Rest der Strecke, sondern nur ein Icon, damit es erst gar keinen Grund gibt, sie zu bespr\u00fchen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/191500905\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/71\/191500905_895f4271e7.jpg\" alt=\"Kasteel Beusdael\" \/><\/a><br \/>\nMan bleibt nur kurz auf dem Gemeindegebiet, dann f\u00fchrt die Strecke nach rechts, l\u00e4uft parallell zur niederl\u00e4ndischen Grenze, passiert mit Kasteel Beusdael die vielleicht sch\u00f6nste Burg der Strecke, und dann geht es hoch zum Dreil\u00e4ndereck: Dem Punkt, der mal die Spitze des bizarren Gebildes namens Neutral-Moresnet bildete.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Burgenroute ist eine sch\u00f6ne Radtourenstrecke im Osten Belgiens: Sie f\u00fchrt rund 80 km \u00fcber meist wenig befahrene Stra\u00dfen und in leicht welligem Gel\u00e4nde durch die kleinen D\u00f6rfchen in der N\u00e4he des Dreil\u00e4nderecks. 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