{"id":462,"date":"2006-07-25T16:32:16","date_gmt":"2006-07-25T13:32:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=462"},"modified":"2006-07-25T16:32:16","modified_gmt":"2006-07-25T13:32:16","slug":"last-exit-solingen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/07\/25\/last-exit-solingen\/","title":{"rendered":"Last Exit Solingen"},"content":{"rendered":"<p>Diese Stadt ist eine Falle. Und Du steckst unrettbar drinnen, sobald Du die Autobahn verlassen hast. Scheinbar harmlos winden sich breite Stra\u00dfen in die H\u00f6he, und nichts l\u00e4sst ahnen, dass man sich auf dem Weg befindet in ein Epizentrum der Durchschnittlichkeit. Erst wenn die Mehrfamilienh\u00e4user ihre Reihen dichter schlie\u00dfen und der Blick verzweifelt nach einem Horizont sucht, wei\u00dft Du, wo Du hinein geraten bist.<!--more--><\/p>\n<p>Wo man keine farblosen Mehrfamilienh\u00e4user sieht, dann sind da Matratzengesch\u00e4fte und feinmechanische Betriebe. Dazwischen fahle beleuchtete Imbi\u00dfbuden, in denen dicke M\u00e4nner mit leerem Blick an gro\u00dfen Messern herumschleifen. Alles sieht aus wie Vorstadt, in den Gr\u00fcnanlagen wetteifern B\u00e4ume und Spielger\u00e4te um den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Eindruck an Verrottenheit, und Dutzende rennen auf den Stra\u00dfen umher, um nicht in ihren finsteren und erstaunlich ungepflegten H\u00e4usern untergehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aus reiner B\u00f6sartigkeit haben die Stadtv\u00e4ter weitgehend darauf verzichtet, dem ahnungslosen Reisenden den Weg durch die Stadt zu beschildern. Weil es nichts zu sehen gibt, soll man sich eben das Nichts eine Ewigkeit lang anschauen. Wortlos kreisen Dutzende verzweifelter Autofahrer \u00fcber die kaum unterscheidbaren Stra\u00dfen, hangeln sich von Ampelkreuzung zu Ampelkreuzung, in der bangen Hoffnung, doch irgendwo einen Hinweis zu entdecken, der wieder herausf\u00fchrt aus dieser faden H\u00f6lle. Ein Auto h\u00e4lt neben Dir, am Steuer eine Frau, der die Hitze die Haare an die Stirn geklebt hat, sie wirkt m\u00fcde, aber in ihren Augen flackert ein unbeschreibbares Grauen: &#8222;Ohligs!&#8220;, st\u00f6hnt sie. &#8222;Ich wollte doch nur nach Ohligs!&#8220; Du wei\u00dft nichts zu antworten, auch nicht, als sie fast aus dem Wagenfenster st\u00fcrzt und noch einmal &#8222;Ohligs!&#8220; kr\u00e4chzt. Gl\u00fccklicherweise schaltet die Ampel um, und wortlos f\u00e4hrst Du davon. Vom B\u00fcrgersteig schauen Dir finstere Gestalten zu, die rachitische Hunde an viel zu kurzen Leinen \u00fcber den Asphalt zerren.<\/p>\n<p>Schon die Topographie der Stadt kann einen in den Wahnsinn treiben. Gewissenlos fl\u00e4zt sich diese Stadt h\u00fcgelauf h\u00fcgelab, ohne dem m\u00fcden Auge auch nur einen Punkt der Orientierung zu bieten. Hat man endlich eine Stra\u00dfe gefunden, die bergab und hinaus zu f\u00fchren scheint, ja die sogar von Feldern und Wiesen ges\u00e4umt wird, muss man bald erschreckt feststellen, dass man sich nicht wirklich weg bewegt, einfach nur tiefer f\u00e4llt, immer tiefer, bis man in einem schluchtartigen und finsteren Tal aufschl\u00e4gt, \u00fcber das sich spinnennetzgleich eine Eisenbahnbr\u00fccke reckt. Apathische Alte sitzen \u00fcber fade Apfelkuchen gebeugt und r\u00fchren in brackigem Kaffee. \u00dcber die Br\u00fccke rumpelt bedrohlich langsam ein roter Regionalzug, der immer neue Menschen in den Verdauungstrakt dieser seltsamen Stadt schleift.<\/p>\n<p>Du raffst Deine letzten Kr\u00e4fte zusammen, dein Auto jagt heulend bergan, nur um Dich wieder in die labyrinthischen Stra\u00dfen zwischen den gesichtslosen H\u00e4userreihen zu f\u00fchren. Wie zum Hohn thront auf der h\u00f6chsten Stelle ein Porsche-H\u00e4ndler, schon von weitem kann man den Schriftzug leuchten sehen: Als ob es irgendjemanden g\u00e4be, der sowas hier brauchen k\u00f6nnte. Hinter dem Schaufenster steht mit diabolischem Grinsen ein fetter Verk\u00e4ufer, der sich triumphierend die H\u00e4nde reibt. Au\u00dfen ans Fenster sind ballonseidene M\u00e4nner geklebt, und ihre Beine werden von den rachitischen Hunden benagt.<\/p>\n<p>M\u00fcdigkeit \u00fcberkommt Dich. Und Du reihst Dich ein in die Phalanx der ziellos herumrollenden Autos, bereit, Dich in Dein Schicksal zu ergeben. Du kannst gerade noch so lesen, was auf den Kennzeichen der Autos steht, fast alle kommen aus dem n\u00e4heren Umkreis: Pendler oder harmlose Gesch\u00e4ftsleute, die \u00e4hnlich wie Du in die Falle dieses Bermuda-Dreiecks der Biederkeit gegangen sind. Leise, ganz leise kommt Musik aus dem Radio, und der Motor summt in der gleichen Tonlage mit: So high, so low. Solingen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Stadt ist eine Falle. Und Du steckst unrettbar drinnen, sobald Du die Autobahn verlassen hast. Scheinbar harmlos winden sich breite Stra\u00dfen in die H\u00f6he, und nichts l\u00e4sst ahnen, dass man sich auf dem Weg befindet in ein Epizentrum der Durchschnittlichkeit. 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