{"id":470,"date":"2006-07-31T13:42:36","date_gmt":"2006-07-31T10:42:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=470"},"modified":"2006-07-31T13:42:36","modified_gmt":"2006-07-31T10:42:36","slug":"simonskall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/07\/31\/simonskall\/","title":{"rendered":"Simonskall"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/202199849\/\" title=\"Photo Sharing\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/71\/202199849_fbce162b9b.jpg\" width=\"500\" height=\"371\" alt=\"Simonskall\" \/><\/a><br \/>\nMan k\u00f6nnte Simonskall idyllisch finden: Ein kleines, tief eingeschnittenes Tal mit dichten W\u00e4ldern ringsherum, ein kleiner Bach pl\u00e4tschert gem\u00fctlich hindurch, ein paar alte M\u00fchlengeb\u00e4ude liegen zu F\u00fc\u00dfen einer kleinen Kappelle. Ein dicker alter Mann jagt, nur mit einem blauen Arbeitsoverall bekleidet, einem kleinen Schaf hinterher. In den Caf\u00e9s am Ort gibt es Streuselkuchen mit Rhabarber, demn\u00e4chst ist wieder Nordic-Walking-Treff.<!--more--><\/p>\n<p>Das Idyll ist aber nicht der Grund, warum ein Bus voll mit amerikanischen Touristen hier eingetroffen ist. Es sind etwa drei\u00dfig, fast alles \u00e4ltere Damen und Herrschaften. Von den M\u00e4nnern sind einige m\u00f6glicherweise schon mal hier gewesen, jedenfalls gestikulieren sie so bestimmend in der Luft herum, dass allen anderen in der Gruppe klar sein muss: Die kennen sich aus hier.<\/p>\n<p>Ihr letzter Aufenthalt ist schon einige Zeit her, vermute ich, und damals war das kleine Tal, an dessen Anfang Simonskall liegt, alles andere als ein Idyll: Im November 1944 wurde hier erbittert gek\u00e4mpft. Die amerikanischen Truppen hatten sich auf ihrem Vormarsch nach Osten festgefr\u00e4st, im un\u00fcbersichtlichen Terrain der Eifelausl\u00e4ufer nutzte ihnen ihre zahlenm\u00e4\u00dfige \u00dcberlegenheit nichts mehr, schon gar nicht gegen fanatisierte deutsche Einheiten. Die Frontlinie verschob sich hier nur noch meterweise, in manchen D\u00f6rfern wechselte die Besatzung mehrmals am Tag. Sofern man die Ruinenfelder, in denen sich Deutsche und Amerikaner unter Beschu\u00df nahmen, \u00fcberhaupt noch als D\u00f6rfer bezeichnen konnte.<\/p>\n<p>Wie viele auf den wenigen Quadratkilometern, die dieses Tal umfasst, gestorben sind, ist umstritten: Es gibt die Behauptung, dass es 70.000 gewesen sein sollen, davon allein 55.000 auf amerikanischer Seite. Manche sagen, dass mehr amerikanische Soldaten hier gefallen sind als in Vietnam. Die offiziellen Angaben der US-Armee sind niedriger, aber sicher ist, dass die Zahl der Toten mindestens der Einwohnerzahl einer mittelgro\u00dfen Stadt entspricht. Jedes Jahr werden immer noch im Schnitt sieben Leichen gefunden, und wenn hier ein Haus neu gebaut wird, muss erst mal der Kampfmittelr\u00e4umdienst anr\u00fccken und das Baugel\u00e4nde absuchen, ob nicht eine der \u00fcber zwei Millionen Minen, die hier in der Gegend noch vermutet werden, darauf liegt.<\/p>\n<p>Dabei war das Terrain strategisch allenfalls von untergeordneter Bedeutung. Warum sich die Amerikaner auf diesen blutigen Stellungskrieg eingelassen haben, kann selbst die offizielle Milit\u00e4rgeschichtsschreibung nicht mehr so genau sagen. Urspr\u00fcnglich ging es wohl mal darum, eine Bresche in die deutschen Linien zu schlagen und vor allem die zahlreichen Stauseen hier zu sichern und damit zu verhindern, dass die Deutschen die T\u00e4ler fluten und den weiteren Vormarsch verhindern k\u00f6nnten. Das Ziel hat man im Dickicht der W\u00e4lder und im Morast und der K\u00e4lte des Winters aber irgendwann aus den Augen verloren.<\/p>\n<p>Das Grauen ist lange her, inzwischen ist es l\u00e4ngst Bestandteil des touristischen Marketings geworden. Die amerikanischen Touristen sind die letzten einer Generation, die die Ereignisse tats\u00e4chlich noch miterlebt hat, und wer wei\u00df, wieviel davon noch in ihrer Erinnerung sitzt. Die nachfolgenden Generationen kennen die Schlacht im H\u00fcrtgenwald bestenfalls aus ein paar Computerspielen. Die Wanderkarten des Simonskaller Verkehrsvereins schlagen zwar einen &#8222;Pfad des Gedenkens&#8220; vor, aber wenn die Zeichen des Krieges unbedarfterweise als &#8222;Attraktionen auf ihrem Weg&#8220; angek\u00fcndigt werden und naiv nachgefragt wird: &#8222;Hat ihnen der Weg gefallen?&#8220;, dann merkt man, dass die Erinnerung verblasst und nur noch der Grusel zur\u00fcckbleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man k\u00f6nnte Simonskall idyllisch finden: Ein kleines, tief eingeschnittenes Tal mit dichten W\u00e4ldern ringsherum, ein kleiner Bach pl\u00e4tschert gem\u00fctlich hindurch, ein paar alte M\u00fchlengeb\u00e4ude liegen zu F\u00fc\u00dfen einer kleinen Kappelle. Ein dicker alter Mann jagt, nur mit einem blauen Arbeitsoverall bekleidet, einem kleinen Schaf hinterher. 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