{"id":477,"date":"2006-08-24T14:15:41","date_gmt":"2006-08-24T11:15:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=477"},"modified":"2006-08-24T14:18:44","modified_gmt":"2006-08-24T11:18:44","slug":"477","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/08\/24\/477\/","title":{"rendered":"Im Schatten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/222127556\/\" title=\"Photo Sharing\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/92\/222127556_0fd34e342d.jpg\" width=\"500\" height=\"371\" alt=\"Desert de Plat\u00e9\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auf der Suche nach Literatur \u00fcber die franz\u00f6sischen Alpen fiel mir auch dieses alte Fischer-Taschenbuch in die H\u00e4nde: <em>Todesschatten in Savoyen<\/em> von einem A.E. Ellis, \u00fcber den der Klappentext geheimnisvoll raunt, es sei <\/p>\n<blockquote><p>das Pseudonym eines englischen Schriftstellers. Der Autor w\u00fcnscht dieses Pseudonym zu wahren. Sein eigentlicher Name und seine Lebensdaten m\u00fcssen daher ungenannt bleiben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der deutsche Titel ist, wie so oft, irref\u00fchrend und banal: &#8222;Todesschatten in Savoyen&#8220;, das klingt nach einem trashigen Kriminalroman mit etwas Lokalkolorit. Der Originaltitel ist einfacher und treffender: <em>The Rack<\/em>, die Folterbank. Es geht n\u00e4mlich um eine exemplarische Geschichte: Um den Aufenthalt in einem Tuberkulose-Sanatorium, den &#8222;Schatten auf der Lunge&#8220;, und um eine existenzialistische Stilisierung von Krankheit und \u00e4rztlicher Bevormundung zu einer Art <em>conditio humana<\/em>. Dass das Sanatorium in den Alpen liegt, ist beil\u00e4ufig: Die Berge spielen selbst als Kulisse kaum eine Rolle, aber sie sind eine zus\u00e4tzliche Verdopplung der Anstaltsmauern, die die Patienten von der Au\u00dfenwelt trennt.<!--more--><\/p>\n<p>Ellis ist tats\u00e4chlich ein Mysterium: \u00dcber Google l\u00e4\u00dft sich nicht viel \u00fcber ihn herausfinden. Sein &#8222;eigentlicher Name&#8220; ist zwar bekannt: Es handelt sich um einen Derek Lindsay, von dem es hei\u00dft, dass er in den Londoner Theater- und Filmzirkeln der Sechziger und Siebziger Jahre unterwegs war und Freundschaften mit prominenten Gestalten wie dem Kritiker <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cyril_Connolly\">Cyril Connolly<\/a> und dem amerikanischen Sci-Fi-Autoren <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Ray_Bradbury\">Ray Bradbury<\/a> pflegte. Es gibt noch mindestens ein Theaterst\u00fcck von ihm, <em>The Rack<\/em> blieb allerdings der einzige Roman und das einzige Buch von einiger Wirkung. (In einer Amazon-Rezension findet sich ein Hinweis auf die Autobiographie von Andrew Sinclair, in der Lindsay wohl auch auftaucht.)<\/p>\n<p>Die scheint recht gro\u00df gewesen zu sein: Der Klappentext der deutschen Ausgabe zitiert eine Kritik des <a href=\"http:\/\/www.newyorker.com\">New Yorker<\/a>, die Ellis einen &#8222;literarischen Pionier&#8220; nennt, weil er als &#8222;erster englischer Schriftsteller [&#8230;] das Geheimnis zerst\u00f6rt [hat], mit dem die Tuberkulose bisher literarisch mystifiziert wurde&#8220;. Im Internet kann man eine alte Rezension aus dem <a href=\"http:\/\/time-proxy.yaga.com\/time\/magazine\/printout\/0,8816,894305,00.html\">Time Magazine<\/a> finden, die auf Thomas Manns <em>Zauberberg<\/em> anspielt (<em>Tragic Mountain<\/em>) und auf lobende Besprechungen u.a. im <a href=\"http:\/\/tls.timesonline.co.uk\/\">Times Literary Supplement<\/a> verweist. Graham Greene hielt das Buch sogar f\u00fcr ein &#8222;masterpiece&#8220;: So steht es im Klappentext einer <a href=\"http:\/\/www.elliottthompson.com\/data\/forthcoming.htm#TRK\">englischen Neuausgabe<\/a>, die erst im Fr\u00fchjahr 2006 auf den Markt kam (und erstmals Lindsays Namen auf dem Cover nennt).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align =\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/97\/223594864_af31372f13_m.jpg\" alt=\"Passy\" \/>Leicht herauszufinden ist der Ort, wo die Geschichte spielt: Im Roman hei\u00dft er Brisset, gemeint ist Plateau d&#8217;Assy, ein Teil der Gemeinde Passy im Arve-Tal, nicht weit von Chamonix. Der Weiler erlebte in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg einen wahren Boom in der Ansiedlung von Tuberkulose-Sanatorien. Die Lage war optimal: Plateau d&#8217;Assy liegt auf etwa 1.000 Metern H\u00f6he, auf einer Art Balkon mit S\u00fcdlage, aber auch weit genug weg von den Orten, die damals schon touristische Zentren waren und deren Fremdenverkehr man nicht mit dem Anblick abgemagerter und tuberkul\u00f6ser Patienten belasten wollte.<\/p>\n<p>Die Gemeinde feiert das Projekt <a href=\"http:\/\/www.passy-mont-blanc.com\/art_sanatoriums.asp\">auf ihrer Website<\/a> als Beweis daf\u00fcr, wie man &#8222;den Zusammenhang zwischen dem Menschen, seinem Lebensraum und seiner Umwelt&#8220; in Anschlag brachte, verweist auf die &#8222;sehr pr\u00e4zisen geographischen Kriterien&#8220;, nach denen die Ansiedlung erfolgte und nennt die Geb\u00e4ude &#8222;bedeutende Zeugnisse f\u00fcr das technische und \u00e4sthetische Genie der Architektur des 20. Jahrhunderts in den Bergen&#8220;. Einige der Geb\u00e4ude gibt es heute noch, inzwischen ist das Plateau d&#8217;Assy allerdings eher ein Wintersport-Zentrum und das Sanatorium Gu\u00e9briant zum Beispiel, das einige Parallellen mit dem im Text erw\u00e4hnten Sanatorium <em>Les Alpes<\/em> aufweist, ist mittlerweile ein Ferienheim f\u00fcr Urlauber aus dem Gro\u00dfraum Paris. Ein weiteres architektonisches Zeugnis f\u00fcr den kuriosen Boom dieses Ortes ist die Kirche <a href=\"http:\/\/www.passy-mont-blanc.com\/art-culture.asp\">Notre-Dame de Toute Gr\u00e2ce<\/a>, ein farbenfrohes und kurioses Panoptikum moderner religi\u00f6ser Kunst, mit Fresken und Skulpturen von K\u00fcnstlern wie Leger, Chagall oder Braque.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/69\/223594863_311857ee4e_m.jpg\" alt=\"Sanatorium Plateau d'Assy\" \/>Die fr\u00f6hliche Selbstdarstellung der Gemeinde wird im Roman freilich in schw\u00e4rzeste T\u00f6ne getaucht: Als Paul Davenant, der Held des Buchs, in Brisset auftaucht, ist der Ansiedlungsboom schon ein paar Jahre alt, aber der 2. Weltkrieg hat daf\u00fcr gesorgt, dass man sich \u00fcber die Zahl der Patienten nicht beklagen muss. Die Sanatorien sind weniger Heilanstalten als Wirtschaftsbetriebe und Spekulationsobjekte, und Davenant ger\u00e4t in die Mechanik einer mitleidslosen Maschinerie, die den Kranken nicht als hilfebed\u00fcrftiges Subjekt sieht, sondern als Rohmaterial f\u00fcr den Verschlei\u00df von Medikamenten und Behandlungsmethoden.<\/p>\n<p>Davenant ist f\u00fcr diese therapeutische Maschine genau das richtige Opfer: Ein Mann ohne Eigenschaften und ohne Vergangenheit, ein wahrer Leidensmann, der die verschiedenen Prozedere, das Auf und Ab von scheinbarer Heilung und frustrierenden R\u00fcckf\u00e4llen fast teilnahmslos \u00fcber sich ergehen l\u00e4\u00dft. Schon bei seiner Ankunft in Brisset ist er wenig mehr eine Ziffer, ein Phantom, das mit der Au\u00dfenwelt nur noch in prek\u00e4rem Kontakt steht:<\/p>\n<blockquote><p>Am \u00e4u\u00dfersten Ende des Wagens sa\u00df eine Gesellschaft von sechs jungen Engl\u00e4ndern. [&#8230;] Nur einer von ihnen wirkte offensichtlich krank, ein Eindruck, der mehr durch seine Geschichtsfarbe und seine Haltung hervorgerufen wurde als durch seine sonstige Konstitution.  [&#8230;] Es fiel ihm sichtlich schwer, sich auf der Holzbank aufrecht zu halten. Seine blonden Haare waren ihm in die Stirn gefallen, w\u00e4hrend er sich mit dem Kopf gegen die von innen gefrorene Scheibe lehnte. Der Zug ruckte pl\u00f6tzlich an, und sein Kopf fiel vorn\u00fcber. Ein Student, der neben ihm sa\u00df, packte ihn an der Schulter und fragte:<br \/>\n&#8222;F\u00fchlst Du Dich nicht wohl, Paul?&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Davenant wird auch im Rest der Erz\u00e4hlung vor allem von au\u00dfen betrachtet und angepackt werden, sein K\u00f6rper wird hin- und herbewegt, betrachtet, aufgeschnitten, mit Medikamenten angef\u00fcllt, von Schwei\u00df- und Sekretausbr\u00fcchen gesch\u00fcttelt, ohne dass er es kontrollieren kann. Die Therapie bringt keine Heilung, sie ist nur eine Verl\u00e4ngerung der Krankheit, weil sie dem Patienten sein Ausgeliefertsein deutlich macht:<\/p>\n<blockquote><p>Dr. Vernet erwartete Paul am Eingang zum <em>Service M\u00e9dical<\/em>. &#8222;Sie sind jetzt so weit hergestellt, um eine neue Tortur ertragen zu k\u00f6nnen&#8220;, verk\u00fcndete er sehr leutselig. &#8222;Sie wird ihnen aber ganz und gar nicht gefallen.&#8220; Und mit einer feierlichen Verbeugung schob er den Rollstuhl in den Operationssaal.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die gro\u00dfe St\u00e4rke des Buchs liegt in der kompromisslosen und unsentimentalen Pr\u00e4zision, mit der die therapeutischen Ma\u00dfnahmen und die k\u00f6rperlichen Vorg\u00e4nge, aber auch die Banalit\u00e4t und Langeweile des Klinikalltags von Ellis beschrieben werden, und ich nehme mal an, dass er das alles aus eigener Anschauung kannte. Da gelingen ihm einige kr\u00e4ftige und eindrucksvolle Bilder, und man merkt die N\u00e4he zur existentialistischen Literatur: Der hilflose Patient als Zahnr\u00e4dchen im R\u00e4derwerk einer au\u00dfer Rand und Band geratenen und mitleidslosen Apparatur.<\/p>\n<p>An anderen Stellen merkt man dem Roman manchmal an, dass ihn jemand erz\u00e4hlt, der zwar die gro\u00dfen englischen Erz\u00e4hler wie Somerset Maugham oder Waugh gelesen haben d\u00fcrfte, dem aber die eigene Routine im Erz\u00e4hlen fehlt: Die Geschichte hat hier und da Bl\u00e4hungen und Redundanzen, einige Figuren und Plots sind arg grob geschnitzt, Handlungsf\u00e4den tauchen auf und gehen wieder verloren. Andererseits verst\u00e4rkt die Bl\u00e4sse der Figuren und das gelegentlich ziellose M\u00e4andern der Erz\u00e4hlung auch wieder die Haltlosigkeit und Monotonie im Sanatorium.<\/p>\n<p>Trotz der Schw\u00e4chen ein seltsames und lesenswertes Buch, im Gestus n\u00e4her an <em>Wittgensteins Neffen<\/em> als am <em>Zauberberg<\/em> (auch wenn Stil und Tonalit\u00e4t von beiden gleich weit entfernt sind). Mich w\u00fcrde mal interessieren, ob es damals auf das Buch in der deutschsprachigen \u00d6ffentlichkeit irgendeine Resonanz gegeben hat. Die englische Neuauflage scheint auf relativ wenig Echo gesto\u00dfen zu sein. Schade drum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Suche nach Literatur \u00fcber die franz\u00f6sischen Alpen fiel mir auch dieses alte Fischer-Taschenbuch in die H\u00e4nde: Todesschatten in Savoyen von einem A.E. Ellis, \u00fcber den der Klappentext geheimnisvoll raunt, es sei das Pseudonym eines englischen Schriftstellers. 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