{"id":478,"date":"2006-08-23T15:20:41","date_gmt":"2006-08-23T12:20:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=478"},"modified":"2006-08-23T15:20:41","modified_gmt":"2006-08-23T12:20:41","slug":"arno-schmidt-in-marbach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/08\/23\/arno-schmidt-in-marbach\/","title":{"rendered":"Arno Schmidt in Marbach"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/222428993\/\" title=\"Photo Sharing\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/64\/222428993_1be5a55af6.jpg\" width=\"500\" height=\"371\" alt=\"Schiller-Nationalmuseum\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Neckartal ist eine Landschaft von einer fast penetranten Beschaulichkeit. Wenn man sich hier umschaut, ahnt man, warum im Schw\u00e4bischen die Niedlichkeitsform das grammatisch herausragende Merkmal ist: Lauter Bergle, zwischen denen sich &#8217;s Fl\u00fc\u00dfle durchschl\u00e4ngelt, ab und an mal \u00fcberspannt von einem Br\u00fcckle, \u00fcber das gelegentlich ein B\u00e4hnle hinwegrumpelt. Man darf sich nicht zu lange in den Anblick dieser Gegend versenken, sonst wird man gem\u00fctlich, schlotzt sein Viertele, h\u00e4lt &#8222;Mr ka&#8217;s esse&#8220; f\u00fcr ein Kompliment und sagt &#8222;I zwing&#8217;s nimmer&#8220;, wenn man satt ist. Nett hier. Aber was will man eigentlich in Baden-W\u00fcrttemberg? <!--more--><\/p>\n<p>Es ist ja schon ein bi\u00dfchen komisch, dass die erste gr\u00f6\u00dfere <a href=\"http:\/\/www.arno-schmidt-allerdings.de\">Ausstellung<\/a> zu <a href=\"http:\/\/www.arno-schmidt-stiftung.de\">Arno Schmidt<\/a> ausgerechnet hier, in dieser gutb\u00fcrgerlichen Bilderbuchbetulichkeit, stattfindet. Und dann auch noch im <a href=\"http:\/\/www.dla-marbach.de\/dla\/museum\/snm\/index.html\">Schiller-Nationalmuseum<\/a>: Den konnte er doch sowieso nicht leiden. Schon gar nicht die staatstragende Inszenierung von Kultur, die solche Orte vorspielen. Lieber bastelte er an seinem eigenen Kanon, nicht ohne die Heiligen, die er da installierte, gleich wieder als Pappkameraden zu demaskieren.<\/p>\n<p>Andererseits: Als das <a href=\"http:\/\/www.dla-marbach.de\">Deutsche Literaturarchiv<\/a> mal nachfragte, ob es Manuskripte und Briefe von ihm erwerben k\u00f6nnte, war er schon geschmeichelt: <\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr einen berufenen Schund= und Schmutz=Autor wie mich ist es sicherlich keine schlechte Perspektive, wenn seine Manuskripte unweit von denen des gro\u00dfen Friedrich Schiller liegen werden, gleich wenn man reinkommt rechts. Morgen gehen die ersten Kartons dorthin ab.<\/p><\/blockquote>\n<p>Also sind Marbach und das Schillermuseum doch kein so unpassender Ort. Zumal das Museum von au\u00dfen gar nicht wie ein weihevolles Dichter-Walhalla wirkt, sondern mehr wie ein neobarockes Kurhaus oder ein l\u00e4ndliches Lustschlo\u00df. Vielleicht, weil das Geb\u00e4ude urspr\u00fcnglich gar nicht als nationaler Kulturtempel gedacht war, sondern die schw\u00e4bischen Dichter feiern sollte. Nebenan hat man jetzt das Literaturmuseum der Moderne gebaut, das schon ein bi\u00dfchen offensiver eine postmoderne Tempelarchitektur aufruft, aber dabei im Format einer kleinst\u00e4dtischen Schulturnhalle steckenbleibt. Dieser Dialog von Provinzialit\u00e4t und Pathos pa\u00dft dann doch ganz gut als Rahmen f\u00fcr einen Autoren, der selbst in die Provinz ging, um da an seiner eigenen Version von Weltliteratur zu arbeiten.<\/p>\n<p>Wobei man in der Austellung selbst aber nicht mehr viel merkt von dem Ort, an dem man sich befindet. H\u00f6chstens noch im Eingangsbereich, wo der Schriftzug &#8222;Arno Schmidt? Allerdings!&#8220; ironisch \u00fcber Schillerb\u00fcste und Stuckverzierungen geworfen wird. Alles andere ist komplett umgebaut und in Kulissen eingeh\u00fcllt worden, als wollte man damit Autonomie und Unabh\u00e4ngigkeit des Werks betonen. Selbst da, wo die Ausstellung Bezug nimmt auf die Gegebenheiten des Orts, scheint das eher aus praktischen Gr\u00fcnden geschehen zu sein als darum, ein kon Gespr\u00e4ch mit der Umgebung einzuleiten: Vor allem beim &#8222;pornographischen Lachkabinett&#8220;, einem Peep-Show-Rondell, das rund ums Treppenhaus des Museumsturms gebaut ist. Das Rondell ist mit rotem Samt verkleidet und hat kleine Nischen, in die man den Kopf stecken kann, worauf eine Lichtschranke kurze Lesungen erotischer Passagen aus Schmidts Werk ausl\u00f6st. Es ist au\u00dferdem die H\u00fclle f\u00fcr den Aufgang zum Turm: Unter dessen Kuppel sitzt man wie die Patienten in der Atemkammer eines Sanatoriums f\u00fcr Bronchialerkrankungen, um einem Dauervortrag ganz anderer Stellen zuzuh\u00f6ren, n\u00e4mlich von Zitaten, in denen Schmidt &#8222;ich&#8220; sagt (w\u00e4hrend immer wieder einige erotische Fetzen aus den Kabinettsnischen nach oben dringen).<\/p>\n<p>Dieses Rendezvous von Sex und Subjekt ist einer der cleversten Momente in der Ausstellung. Und da merkt man dann auch, dass das Abstrahieren der R\u00e4ume darinnen vom Raum drum herum eine gute Idee ist. Es geht schlie\u00dflich darum, Zug\u00e4nge zu einem Autor zu bieten, der die Distanzierung von der Umwelt selbst inszeniert hat (aber nur so weit, um sie immer noch durchs Fernglas betrachten zu k\u00f6nnen) und auch die Musealisierung seines Werks eigenh\u00e4ndig einleitete. Es ist also v\u00f6llig ausreichend, als Ausgangspunkte erst mal das anzubieten, was da ist. Da gibt es nun wirklich eine Wundert\u00fcte zu entdecken, und es geh\u00f6rt zu den sch\u00f6nsten Seiten der Ausstellung, das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Zuf\u00e4lligkeit und Systematik, zwischen gutb\u00fcrgerlicher Ordnungswut und anarchischem Chaos beizubehalten, das auch im literarischen Werk Schmidts sp\u00fcrbar ist.<\/p>\n<p>Da steht man vor den mythischen Zettelk\u00e4sten und stellt fest, dass die auch nicht anders aussehen, als die heimgewerkerten Holzkisten, in denen mein Gro\u00dfvater sein Werkzeug aufbewahrte, und die winzigen Papierchen darin auch nichts Besseres sind als die Fre\u00dfzettel, die bei uns neben dem Telefon lagen. Man schaut sich die ausges\u00e4gten und handbeschrifteten St\u00fccke aus seiner Schreibtischplatte an und fragt sich, ist das nun r\u00fchrend oder grandios, wie hier jemand versucht, noch die armseligsten Fragmente seines Lebens zu strukturieren und zu Reliquien zu erheben?<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n auch die beiden R\u00e4ume, in denen Schmidts Dias zu sehen sind: Auch hier wieder der Widerspruch von zuf\u00e4lligem Finden und gezielter Inszenierung, was durch den Kontrast mit den selbstgezeichneten und akribisch genauen Landkarten und Stadtpl\u00e4nen noch verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Und dann ist da dieses Fernsehinterview zu Karl May: Die Souver\u00e4nit\u00e4t und entspannte Arroganz, vor allem aber: dieses unnachahmliche Hochziehen der rechten Augenbraue, mit dem Schmidt seine Thesen erl\u00e4utert, das muss man gesehen haben.<\/p>\n<p>Man kann sich \u00fcber einige dekorative Details \u00e4rgern, oder die Aufbereitung der biographischen Versatzst\u00fccke etwas zu beliebig und heimatmuseal finden (aber das Provinzielle ist ja, wie gesagt, unverzichtbarer Bestandteil dieses Werks), und man kann sich w\u00fcnschen, dass einige Aspekte ein bi\u00dfchen mehr vertieft worden w\u00e4ren: Schmidts Zeit in der Wehrmacht wird ein bi\u00dfchen obenhin abgehandelt, dabei sieht man schon an den Privatfotos in Uniform, dass es da durchaus eine Ambivalenz gibt, \u00fcber die man reden m\u00fc\u00dfte (und die vielleicht einige der D\u00e4mlichkeiten in der momentanen Grass-Diskussion konterkarieren k\u00f6nnte).<\/p>\n<p>Aber was der Ausstellung auf jeden Fall gelingt, ist die Kartographierung von ein paar Ausgangspunkten, \u00fcber die man sich dem Werk Arno Schmidts n\u00e4hern kann. Ob man von da aus \u00fcber die ausgetretenen Panoramarouten l\u00e4uft oder eigene Wanderwege ausfindet, bleibt einem selbst \u00fcberlassen. Das finde ich angenehm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Neckartal ist eine Landschaft von einer fast penetranten Beschaulichkeit. Wenn man sich hier umschaut, ahnt man, warum im Schw\u00e4bischen die Niedlichkeitsform das grammatisch herausragende Merkmal ist: Lauter Bergle, zwischen denen sich &#8217;s Fl\u00fc\u00dfle durchschl\u00e4ngelt, ab und an mal \u00fcberspannt von einem Br\u00fcckle, \u00fcber das gelegentlich ein B\u00e4hnle hinwegrumpelt. 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