{"id":486,"date":"2006-08-28T14:21:44","date_gmt":"2006-08-28T11:21:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=486"},"modified":"2006-08-28T14:40:47","modified_gmt":"2006-08-28T11:40:47","slug":"brecht-und-fussball","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/08\/28\/brecht-und-fussball\/","title":{"rendered":"Brecht und Fussball"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Im September 1997 f\u00e4lschte ich f\u00fcrs <em>Folio<\/em> einen Text von Bertolt Brecht. In diesem Jahr fand ich ihn im Fifa-Kulturprogramm zur WM wieder.<\/p><\/blockquote>\n<p>wundert sich <a href=\"http:\/\/www.nzzfolio.ch\/www\/21b625ad-36bc-48ea-b615-1c30cd0b472d\/showarticle\/bbbdc79d-0674-402b-b4f1-1ed0845c96db.aspx\">Constantin Seibt<\/a>. Das <a href=\"http:\/\/www.nzzfolio.ch\">Folio<\/a> ist eine Monatszeitschrift aus dem Verlag der <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\">Neuen Z\u00fcrcher Zeitung<\/a>. Dort gibt es eine Rubrik &#8222;Fundst\u00fccke&#8220;, in der Seibt eine Reihe literarischer Parodien ver\u00f6ffentlicht hat, unter anderem eben eine Brecht&#8217;sche <a href=\"http:\/\/www.nzzfolio.ch\/www\/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470\/showarticle\/52bbbad3-4428-45c3-b5b4-8c4c441a0fed.aspx\">Hymne auf den Fussballsport<\/a>: Darin erkl\u00e4rt er das Spiel Schalke &#8211; Arminia Hannover zum &#8222;Kulturerlebnis des Jahres 1929&#8220; und Fussball zum &#8222;Anschauungsunterricht f\u00fcr Revolution\u00e4re&#8220;, &#8222;als Kunstform den traditionellen Formen Literatur, Theater, Malerei, Musik bei weitem \u00fcberlegen&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Nur Archivaren ist vermutlich aufgefallen, dass das Spiel nicht 1929, sondern erst im Sommer 1930 stattfand. Jedenfalls unternahm der Text eine kuriose Reise, die \u00fcber Fanzines, Schalke-Foren und <a href=\"http:\/\/kutter.antville.org\/20020602\/\">Blogs<\/a> tats\u00e4chlich bis in den <a href=\"http:\/\/www.youth2006.com\/fileadmin\/downloads\/Der_Katalog_Kunst_und__Kulturprogramm.pdf\">Katalog der Bundesregierung zur WM 2006<\/a> f\u00fchrte, wo er vom &#8222;bekennenden Schalker&#8220; Peter Lohmeyer ausf\u00fchrlich zitiert wird.<\/p>\n<p>Lohmeyer hatte den Text vielleicht von S\u00f6nke Wortmann, jedenfalls hat der ihn auch <a href=\"http:\/\/www.literarischer-salon.uni-hannover.de\/presse\/i08.html\">schon mal vorgetragen<\/a>, oder von <a href=\"http:\/\/www.moritzeggert.de\/\">Moritz Eggert<\/a>, der sein Fussballoratorium <a href=\"http:\/\/www.2005.ruhrtriennale.de\/de\/programm\/2005\/die-tiefe-des-raumes-fussball-oratorium\/\">Die Tiefe des Raumes<\/a> mit dem Pseudo-Brecht beglaubigte. Der Lyriker <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/autoren\/autor.cfm?id=3612\">Albert Ostermaier<\/a> hat den Text ebenfalls entdeckt und Zitate daraus ins Gedicht <a href=\"http:\/\/www.goethe.de\/kue\/lit\/dos\/bbr\/de1471956.htm\">abseitsfalle oder: brecht passt zu benn<\/a> montiert. Weitere Bruchst\u00fccke tauchten in diversen Feuilletons auf, zum Beispiel in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2005\/40\/K-Fu_a7ball\">Zeit<\/a> und im <a href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/daten\/2006\/01\/05\/519970.html\">Hamburger Abendblatt<\/a>.<\/p>\n<p>&#8222;Kein schlechtes Resultat f\u00fcr eine bescheidene F\u00e4lschung&#8220;, meint Seibt, und hat seine eigene Vermutung, wie die Parodie so weit kommen konnte:<\/p>\n<blockquote><p>Kultur ben\u00f6tigt zwei Rohstoffe: Geld und Zitate. F\u00fcr die Fussballkultur 2006 gab es zwar eine F\u00fclle an Euro, aber ein Nichts an Tradition.<\/p><\/blockquote>\n<p>Denn<\/p>\n<blockquote><p>die wenigen deutschen Schriftsteller, die \u2013 wie Franz Kafka \u2013 begeisterte Fussballkenner waren, schrieben fast nichts zum Thema. Die wenigen, die schrieben, verstanden nichts von Fussball.<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder h\u00f6chstens so viel wie das deutsche Feuilleton von Brecht.<\/p>\n<p>Nun hat&#8217;s solche Pannen ja immer schon mal gegeben. &#8222;Wer nie schreibt, macht nie Fehler&#8220;, soll Gerd Bucerius gesagt haben, so zitiert ihn jedenfalls <a href=\"hermes.zeit.de\/pdf\/index.php?doc=\/2003\/38\/L-Raddatz\">Theo Sommer<\/a>, und der zitiert sowas nat\u00fcrlich gerne (einmal um Fritz J. Raddatz in Schutz zu nehmen, weil der mal Goethe mit der Eisenbahn fahren lie\u00df, und dann, um sich selbst hinter Raddatz verkriechen zu k\u00f6nnen). Das Kraus-Zitat mit dem Feuilleton, der Glatze und den Locken muss man nicht noch mal erw\u00e4hnen, h\u00f6chstens erg\u00e4nzen dadurch, dass Feuilletons sowieso nur deswegen existieren, weil man die Glatzen nicht sehen will und darum denkt, da m\u00fcssten jetzt Locken hin.<\/p>\n<p>Der Wunsch, im millionenschweren Spektakel mehr zu sehen als eben nur ein millionenschweres Spektakel (oder die Hoffnung, von den Millionen ein paar Cents abzuzweigen) macht halt auch blind gegen die M\u00f6glichkeit, mal in einer Brecht-Ausgabe nachzulesen, was der nun tats\u00e4chlich \u00fcber Fussball geschrieben hat. Der hat doch doch auch Werbung f\u00fcr Autos getextet, also wird&#8217;s schon stimmen. Und so kommt&#8217;s eben dazu, dass Blogs, Foren und Fanzines auch mal die stille Post machen f\u00fcr Kataloge, die von der Bundesregierung herausgegeben werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 1997 f\u00e4lschte ich f\u00fcrs Folio einen Text von Bertolt Brecht. 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