{"id":487,"date":"2006-08-29T15:23:25","date_gmt":"2006-08-29T12:23:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=487"},"modified":"2006-09-01T11:03:03","modified_gmt":"2006-09-01T08:03:03","slug":"die-schweiz-und-andere-inseln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/08\/29\/die-schweiz-und-andere-inseln\/","title":{"rendered":"Die Schweiz und andere Inseln"},"content":{"rendered":"<p><a align=\"left\" href=\"http:\/\/www.aleksandramir.info\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/69\/228049049_3ec6558827.jpg\" alt=\"Schweiz als Asteroid\" \/><br \/>\n<\/a><\/p>\n<p>Fr\u00fcher, in langweiligen Schulstunden, hab ich auch gerne Comics und Landkarten gezeichnet: Mit Filzstift oder Kugelschreiber, auf Ringbuchbl\u00e4tter in DIN A 5 oder, wenn grade nichts anderes zur Hand war, an den Rand oder auf die Umschl\u00e4ge von Schulheften und Lehrb\u00fcchern. (Das Argument meiner Eltern, dass solche Verzierungen die Weiterverkaufbarkeit von Lehrmaterialien erheblich einschr\u00e4nken, wollte mir auch nach lautstarken Diskussionen nicht so recht einleuchten.) Der Zusammenhang zwischen Comics und Landkarten ergab sich dabei von selbst: Weil das Talent f\u00fcr die kartographische Darstellung von echten L\u00e4ndern nicht ausreichte, hab ich lieber Staaten aufgemalt, die allenfalls in Comics existierten. Ich bezweifle, dass es irgendwo eine vollst\u00e4ndigere Erfassung der Topographie Syldaviens gibt als in der Loseblattsammlung, die in einem kleinen Schuhkarton im Keller vor sich hin gilbt.<!--more--><\/p>\n<p>Die Bilder von <a href=\"http:\/\/www.aleksandramir.info\">Aleksandra Mir<\/a> kann ich darum nur mit ein bi\u00dfchen Neid betrachten. So h\u00e4tte ich damals auch gerne gezeichnet: Mit sch\u00f6nen dicken und sehr schwarzen Filzern, in gro\u00dfen Formaten (bis zu 20 Quadratmeter) und in einem bunten Mashup von Comic, Hochkunst und Kartographie. <a href=\"http:\/\/www.kunsthaus.ch\/cgi-bin\/kunsthaus?ID=H7z1XdRHZmQAAB0KhVsAAAAf&#038;Q=&#038;S=1:1:1658::0:5:::1::&#038;P=0&#038;MT=main\">Die Schweiz und andere Inseln<\/a> hei\u00dft eine aktuelle Ausstellung im <a href=\"http:\/\/www.kunsthaus.ch\/\">Kunsthaus Z\u00fcrich<\/a>. F\u00fcr mich eine der spannendsten und originellsten Ausstellungen dieses Jahres, nicht zuletzt deshalb, weil man da sehen kann, dass der Weg von der Kartographie zur Karikatur viel k\u00fcrzer ist, als man so denkt, und weil nat\u00fcrlich auch reale Staaten ihre ausgedachten, mythischen und phantastischen Aspekte haben, die man als Comic kommentiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/70\/226954472_f61ddd2bf0.jpg\" alt=\"China als Archipel\" \/><\/p>\n<p>Inseln sind die Comic-Figuren unter den Landschaften: Klar abgegrenzt, mit \u00fcberschaubaren Eigenschaften und darum hervorragend geeignet, Raum und Zeit nach eigenen Regeln zu organisieren. Kein Wunder, dass Schrifsteller die Insel gerne als Szenerie w\u00e4hlen, wenn es darum geht, von Utopien zu reden. Und dass sich die Insel darum als Metapher auch auf L\u00e4nder anwenden l\u00e4\u00dft, die sich nicht durch K\u00fcstenlinien, sondern durch Ideologien abgegrenzen. Schon im <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/schiller\/tell\/tell32.htm\">Wilhelm Tell<\/a> ist die Rede von der Schweiz als &#8222;selge Insel [&#8230;] wo sich die Falschheit noch nicht hingefunden&#8220;. Alexandra Mir \u00fcbersetzt das ins Bild der <em>Insula Svizzera<\/em> inmitten eines st\u00fcrmischen Ozeans, das auch im Olaus Magnus nicht schlecht aufgehoben w\u00e4re. Auf einem anderen Bild schwebt die Schweiz als (freilich etwas ausgezackter) Asteroid durch eine glamour\u00f6se Planeten-Party.<\/p>\n<p>Inseln lassen sich aber auch anderswo finden: Von oben betrachtet werden die chinesischen Millionenst\u00e4dte zu einem Milchstra\u00dfen-Archipel aus Stecknadelk\u00f6pfen, die man nur noch anhand von Icons differenzieren kann. Ein anderes Bild verfremdet B\u00f6cklins <em>Toteninsel<\/em> ins Logo einer Metal-Band. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auch Epochen insular werden. Das kann man in der Z\u00fcrcher Ausstellung auch hier und da sehen. (Online sollte man sich ein paar der <a href=\"http:\/\/www.saatchi-gallery.co.uk\/artists\/aleksandra_mir.htm\">USA-Bilder<\/a> Mirs angucken).<\/p>\n<p>Das Festland schaut immer ein bi\u00dfchen sehns\u00fcchtig auf die Insel: Die Uhren gehen langsamer dort, das Gras ist immer gr\u00fcner und die Filzstifte immer dicker. Man kann sogar versuchen, sich <a href=\"http:\/\/www.theworld.ae\/\">die ganze Welt als Insel nachzubauen<\/a>. Und wenn das nicht klappt, eine Insel kapern, um sich ihren Reichtum anzueignen oder, als dritte M\u00f6glichkeit, die Seligen dort ein bi\u00dfchen \u00e4rgern, in dem man ihr Paradies wieder mit dem Alltag kurzschlie\u00dft, so wie das die protestierenden Studenten gemacht haben, als sie die Tom-Sawyer-Insel in Disneyland besetzten, um gegen den Vietnam-Krieg zu demonstrieren (auch davon gibt es ein Bild auf der Ausstellung).<\/p>\n<p>Wem die Insel nicht ausreicht, dem bleiben dann noch die Berge:<\/p>\n<blockquote><p>so scheinen diese jenen gleich,<br \/>\nnur mit dem unterscheid allein,<br \/>\ndasz inseln berg&#8216; im wasserreich,<br \/>\nund die gebirg im luftreich inseln sein.<\/p>\n<p>&#8211; Barthold Hinrich Brockes<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher, in langweiligen Schulstunden, hab ich auch gerne Comics und Landkarten gezeichnet: Mit Filzstift oder Kugelschreiber, auf Ringbuchbl\u00e4tter in DIN A 5 oder, wenn grade nichts anderes zur Hand war, an den Rand oder auf die Umschl\u00e4ge von Schulheften und Lehrb\u00fcchern. 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