{"id":489,"date":"2006-08-31T01:15:26","date_gmt":"2006-08-30T22:15:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=489"},"modified":"2006-08-31T10:20:01","modified_gmt":"2006-08-31T07:20:01","slug":"the-king-of-kitsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/08\/31\/the-king-of-kitsch\/","title":{"rendered":"The King of Kitsch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.tretchikoff.co.uk\/\"><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/69\/229157107_eb2cb99db5_m.jpg\" alt=\"Tretchikoff\" \/><\/a>Vladimir Tretchikoff ist gestorben. Im deutschen Feuilleton war dar\u00fcber nichts zu lesen, obwohl Tretchikoff, wie die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Vladimir Tretchikoff\">Wikipedia<\/a> erz\u00e4hlt, einer der kommerziell erfolgreichsten K\u00fcnstler aller Zeiten war, und seine Popularit\u00e4t nicht weit von der Picassos entfernt. Dazu mu\u00df man als Kriterium f\u00fcr die Popularit\u00e4t eines K\u00fcnstlers allerdings gelten lassen, wie viele Kunstdrucke von seinen Bildern verkauft wurden: Und Tretchikoffs seltsames, gr\u00fcngesichtiges <em>Chinese Girl<\/em> (ab und zu auch <em>Green Lady<\/em> genannt) soll so oft verkauft worden wie kaum ein anderes Kunstposter sonst, h\u00e4ufiger noch als die <em>Mona Lisa<\/em> oder Picassos Kind mit Friedenstaube.<!--more--><\/p>\n<p>Dass man seinen Tod in Deutschland nicht zur Kenntnis genommen hat, liegt wohl daran, dass sein Ruhm vor allem auf den angels\u00e4chsischen Raum begrenzt war. Aber da geh\u00f6ren seine Bilder zu Ikonen dessen, was man an den Sechzigern schrill oder schrecklich fand. Die <em>Green Lady<\/em> hat sich als Symbol der Pop-\u00c4ra schon so verselbst\u00e4ndigt, dass sie wie ein Hinweisschild in diversen Filmen platziert ist, die in dieser Zeit spielen oder sich auf ihre \u00c4sthetik beziehen: Angefangen vom Klassiker <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0060086\/\">Alfie<\/a> (selbst schon ein grandioses Pop-Dokument) bis zu <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0120735\/\">Lock, Stock and Two Smoking Barrels<\/a>.<\/p>\n<p>Das Revival der Space-Age-Bachelor-Kultur hat auch Tretchikoffs Bilder wieder cool aussehen lassen, und es gibt einige Lofts und Lounges in London, wo man ihm \u00fcber den Weg laufen kann. Was aus der heutigen Perspektive wie ein r\u00fchrender Wohnzimmer-Exotismus aussieht, stand nat\u00fcrlich auch f\u00fcr eine postkoloniale Spie\u00dfigkeit und Muffigkeit (weshalb zum Beispiel <a href=\"http:\/\/www.chumba.com\">Chumbawumba<\/a> schon vor der Retro-Cocktail-Welle die <em>Green Lady<\/em> aufs Cover ihrer wunderbaren LP <em>Slap!<\/em> setzten). Master of the Mantelpiece, King of Kitsch &#8211; Tretchikoff selbst hat sich allerdings nie damit begn\u00fcgen wollen, nur als Dekorationsk\u00fcnstler wahrgenommen zu werden. Sein Werk manifestiere einen &#8222;symbolischen Realismus&#8220;, behauptete er standhaft, tat jede Kritik als &#8222;Bullshit&#8220; und den Neid &#8222;gescheiterter K\u00fcnstler&#8220;.<\/p>\n<p>Immerhin konnte Tretchikoff nachweisen, dass er den Hauch von Exotik und Abenteuer, den seine K\u00e4ufer in ihre guten Stuben importieren wollten, selbst h\u00e4ufig genug versp\u00fcrt hat, zumindest in der ersten H\u00e4lfte seines Lebens: Er stammte aus dem heutigen Kasachstan, floh mit seinen Eltern vor der russischen Revolution nach China, arbeitete als Zeichner und Karikaturist f\u00fcr eine englischsprachige Zeitung in Shanghai und ging mit seiner Frau Natalie Telpregoff &#8211; Fl\u00fcchtling aus Russland wie er &#8211; nach Singapur, um erst f\u00fcr eine britische Werbeagentur und dann f\u00fcr die Propaganda ihrer Majest\u00e4t zu arbeiten.<\/p>\n<p>Die japanische Invasion 1941 markiert den dramatischsten Abschnitt von Tretchikoffs Leben: Seine Frau und die zweij\u00e4hrige Tochter Mimi konnten noch rechtzeitig evakuiert werden, er wollte eine Woche sp\u00e4ter selbst fliehen. Das war zu sp\u00e4t: Das Schiff, auf dem er sa\u00df, wurde torpediert und mit einer Handvoll \u00dcberlebender ruderte er 21 Tage an der K\u00fcste entlang auf der Suche nach einem sicheren Landeplatz. Als die Fl\u00fcchtlinge schlie\u00dflich ausgehungert, sonnenverbrannt und durchgefroren in Java an Land gingen, begr\u00fc\u00dfte sie ein nagelneues Plakat, dass die Besetzung der Insel durch Japan bekanntgab. Tretchikoff geriet in Gefangenschaft, f\u00fcr drei Wochen sogar in Isolationshaft.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/64\/229190400_2784d9621a_m.jpg\" alt=\"Lenka\" \/>Weil er sich als B\u00fcrger der Sowjetunion ausgab, lie\u00dfen ihn die Japaner schlie\u00dflich frei, und er kn\u00fcpfte Kontakte zur niederl\u00e4ndischen Kolonie in Indonesien. Er begann wieder zu malen, fand auch K\u00e4ufer f\u00fcr seine Bilder, so viele sogar, dass er mit der Arbeit kaum nachkam. Vor allem s\u00fcdostasiatische Sch\u00f6nheiten wollte die europ\u00e4ische Kundschaft von ihm. Eines seiner Modelle wurde seine Geliebte, Muse und geistige Sparringspartnerin: Leonora Fr\u00e9d\u00e9rique Henriette Moltemo, genannt &#8222;Lenka&#8220;, Tochter eines niederl\u00e4ndischen Vaters und einer malaiischen Mutter. An den Bildern dieser Zeit merkt man auch am deutlichsten den Wunsch, als ein &#8222;richtiger&#8220; K\u00fcnstler wahrgenommen zu werden und mit farblicher und formaler Komposition zu spielen. <\/p>\n<p>Als er 1948 erfuhr, dass Frau und Kind in S\u00fcdafrika lebten, entschloss er sich, den beiden nachzufolgen und Lenka zur\u00fcckzulassen. (Sie wird ihm erst einige Jahrzehnte sp\u00e4ter wieder begegnen.) Er ver\u00f6ffentlich ein Buch mit seinen Bildern, das wird ein Bestseller, und den kommerziellen Erfolg beutet er weidlich aus: Aus dem Auftragsmaler wird eine Malmaschine, die den Markt mit allem beliefert, was in den Nachkriegsjahren gew\u00fcnscht wird. Weichgezeichnete Blumenbilder, exotische Sch\u00f6nheiten, surreale Clownerien: Wenn man den Tretchikoff-Stil nachempfinden will, muss man im Kopf nur einen Mashup aus den Auslagen der Stra\u00dfenh\u00e4ndler am Montmartre basteln.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/80\/229157106_2fb57c675a_m.jpg\" alt=\"Ndbele\" \/><br \/>\nIn der Apartheid-Gesellschaft S\u00fcdafrikas m\u00f6gen seine Bilder einen besonderen Nerv getroffen haben: Neben den verkitschten Blumenbildern gibt es da zahlreiche Abbildungen schwarzer Krieger oder dunkelh\u00e4utiger Prinzessinen, mit Sonnenuntergang oder Leopardenfell im Hintergrund, mehr Riefenstahl als Gauguin. Diese Bilder stehen dann doch sehr repr\u00e4sentativ f\u00fcr den Geist einer Gesellschaft, die die Einheimischen h\u00f6chstens als folkloristisches Element dulden wollte und im eigenen Haus nur als Domestike oder Troph\u00e4e. Apartheid war aber nur die radikalisierte Version eines Unbehagens in den westlichen Gesellschaften, eine Art moralischer Torschlusspanik, weil sich abzeichnete, dass der &#8222;Fremde&#8220; und der &#8222;Exot&#8220; nicht mehr lange bereit sein w\u00fcrden, die Rollen, die man ihnen zugewiesen hatte, widerspruchslos weiter zu spielen. Daher der hysterische \u00dcberschwang, mit dem die Pop-Kultur diese Rollen und Klischees immer wieder herbeizitierte. Die dunkle Seite des Space Age Bachelors ist die eines swingenden Herrenmenschen, der die Welt zu seiner Auster macht. So gesehen war Tretchikoff vielleicht wirklich der deutlichste Repr\u00e4sentant seiner Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vladimir Tretchikoff ist gestorben. 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