{"id":494,"date":"2006-09-04T17:01:55","date_gmt":"2006-09-04T14:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=494"},"modified":"2006-09-04T19:00:44","modified_gmt":"2006-09-04T16:00:44","slug":"montaigne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/09\/04\/montaigne\/","title":{"rendered":"Montaigne"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/wirres.net\">Herr ix<\/a> hat B\u00f6rne als <a href=\"http:\/\/wirres.net\/article\/articleview\/3889\/1\/6\/\">Urvater aller ins Internet schreibenden entdeckt<\/a>. Recht so, und man k\u00f6nnte noch hinzuf\u00fcgen, dass die <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/redirect.html?link_code=ur2&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;location=\/gp\/search%3F%26index=books-de%26keywords=b%F6rne%20briefe%20aus%20paris%26_encoding=UTF8\">Briefe aus Paris<\/a> eine wunderbare und sehr lesenswerte Urform von etwas Blogartigem sind und bestimmt, wenn B\u00f6rne es gekonnt h\u00e4tte, auch ins Internet geschrieben worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/3\/34\/Michel_de_Montaigne_1.jpg\/180px-Michel_de_Montaigne_1.jpg\" alt=\"Montaigne\" \/>Spitzfindig wie ich bin, muss ich nat\u00fcrlich darauf hinweisen, dass die \u00dcberschrift (&#8222;blogger im 18. jahrhundert&#8220;) nicht wirklich stimmt, weil B\u00f6rne h\u00f6chstens ganz kurz im 18. und sehr viel im 19. Jahrhundert geschrieben hat. Und dass es, wenn man schon auf die Suche nach Urv\u00e4tern oder -m\u00fcttern geht, mindestens einen gibt, der noch fr\u00fcher damit angefangen hat, sich selbst zum Thema zu machen und alles zu notieren, was ihm dazu einf\u00e4llt: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michel_de_Montaigne\">Michel de Montaigne<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p>Bei dem findet sich tats\u00e4chlich schon fast alles, was heute so ins Internet geschrieben wird. Die technologische Voraussetzung war damals nat\u00fcrlich eine andere, n\u00e4mlich das In-gedruckte-B\u00fccher-schreiben-k\u00f6nnen. Das war damals freilich noch eine relativ neue Technologie: Als Montaigne 1533 zur Welt kam, lag das Erscheinen der Gutenberg-Bibel gerade mal 80 Jahre zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Etwa um 1570 beginnt Montaigne damit, alles aufzuschreiben, was ihn interessiert, inklusive zahlreicher Links und Trackbacks zu allen wichtigen Philosophen und Historikern. 1580 erscheinen die ersten zwei B\u00e4nde seiner <em>Essais<\/em>, 1588 ein dritter, und auch danach arbeitet er st\u00e4ndig weiter an alten und neuen Texten. Worum es ihm geht, sagt er schon im Vorwort des ersten Bandes:<\/p>\n<blockquote><p>So bin ich selbst, Leser, der einzige Inhalt meines Buches\n<\/p><\/blockquote>\n<p>N\u00e4mlich:<\/p>\n<blockquote><p>Ich will, da\u00df man mich darin in meiner schlichten, nat\u00fcrlichen und gew\u00f6hnlichen Art sehe, ohne Gesuchtheit und Geziertheit: denn ich bin es, den ich darstelle. Meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein unbefangenes Wesen, soweit es nur die \u00f6ffentliche Schicklichkeit erlaubt hat.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn man \u00fcber sich selbst schreibt, wird logischerweise alles zum Thema, und so geht es auch Montaigne.<\/p>\n<p>Er schreibt \u00fcber M\u00e4nner und Frauen:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn ein Mann einer Frau verspricht, sie ewig zu lieben, dann setzt er voraus, da\u00df sie immer liebenswert bleiben wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Frauen und M\u00e4nner:<\/p>\n<blockquote><p>Die Frauen haben nicht unrecht, wenn sie sich den Vorschriften nicht f\u00fcgen wollen, welche in der Welt eingef\u00fchrt sind. Weil die M\u00e4nner sie verfa\u00dft haben, ohne die Frauen zu fragen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Beziehungskisten:<\/p>\n<blockquote><p>Die Ehe ist wie ein K\u00e4fig: man sieht die V\u00f6gel drau\u00dfen verzweifelt flattern, um reinzukommen, und die drinnen wollen mit der gleichen Verzweiflung raus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Politik:<\/p>\n<blockquote><p>Politik ist ein weites Feld f\u00fcr Zank und Streit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Authentizit\u00e4t:<\/p>\n<blockquote><p>Gewi\u00df, ich widerspreche mir zuweilen. Aber der Wahrheit widerspreche ich nie.<\/p><\/blockquote>\n<p>Seine Selbstzweifel:<\/p>\n<blockquote><p>Ich wei\u00df wohl was ich fliehe, aber nicht was ich suche.<\/p><\/blockquote>\n<p>Seine Launen:<\/p>\n<blockquote><p>Meine Albernheiten nehme ich nicht wichtiger als sie es verdienen. Das ist ihr Gl\u00fcck.<\/p><\/blockquote>\n<p>Seine Nierensteine:<\/p>\n<blockquote><p>Wei\u00df man denn, was einen gesund gemacht hat? Die Heilkunst, das Schicksal, der Zufall oder Omas Gebet?<\/p><\/blockquote>\n<p>Seine Freunde:<\/p>\n<blockquote><p>Zur Unterhaltung bei Tisch will ich einen unterhaltsamen, nicht einen vorsichtigen Gast; im Bett lieber eine sch\u00f6ne als eine gute Frau; f\u00fcr die wissenschaftliche Diskussion kommt es mir auf die geistigen F\u00e4higkeiten an; im Notfall kann ich dabei auf charakterlichen Anstand verzichten: \u00e4hnlich ist es auch sonst.<\/p><\/blockquote>\n<p>Seine Feinde:<\/p>\n<blockquote><p>Wer einen mageren Leib hat, tr\u00e4gt gern einen ausgestopften Wams, und denen, welchen die Materie schwindet, schwellen die Worte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ab und zu ist er genervt, weil sein <del datetime=\"2006-09-04T12:59:22+00:00\">Computer<\/del> Sekret\u00e4r bockt\/abst\u00fcrzt:<\/p>\n<blockquote><p>Man muss der Unehrlichkeit oder Unvorsichtigkeit seines Bedienten immer ein wenig Spielraum lassen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dann wieder tut er geheimnisvoll:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist jetzt nicht die Zeit, von dem zu sprechen, was ich verstehe, und auf dasjenige, wozu es jetzt Zeit w\u00e4re, verstehe ich mich nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht f\u00e4llt ihm dann grade einfach nichts ein:<\/p>\n<blockquote><p>Was n\u00fctzen mir die Farben, wenn ich nicht wei\u00df, was ich malen soll?<\/p><\/blockquote>\n<p>Daf\u00fcr gibt&#8217;s ja immer noch Katzencontent:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn ich mit meiner Katze spiele, wer wei\u00df, ob sie sich nicht noch mehr mit mir die Zeit vertreibt als ich mir mit ihr?<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder was ihm gestern abend so aufgefallen ist:<\/p>\n<blockquote><p>Wer nicht wartet, bis er Durst hat, der hat keine rechte Freude an einem guten Trunk.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und wo ihm die besten Ideen kommen, ist auch klar:<\/p>\n<blockquote><p>Auf dem h\u00f6chsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Arsch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mehr mu\u00df man nicht sagen. Au\u00dfer eben festzuhalten, dass wenn es einen <em>grand p\u00e8re<\/em> der Bloggertums gibt, es dieser ist: Michel de Montaigne. Und ihm dann doch das letzte Wort zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<blockquote><p>Jedem kann es passieren, da\u00df er einmal Unsinn redet; schlimm wird es erst, wenn er es feierlich tut.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr ix hat B\u00f6rne als Urvater aller ins Internet schreibenden entdeckt. Recht so, und man k\u00f6nnte noch hinzuf\u00fcgen, dass die Briefe aus Paris eine wunderbare und sehr lesenswerte Urform von etwas Blogartigem sind und bestimmt, wenn B\u00f6rne es gekonnt h\u00e4tte, auch ins Internet geschrieben worden w\u00e4ren. 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