{"id":496,"date":"2006-09-06T14:06:22","date_gmt":"2006-09-06T11:06:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=496"},"modified":"2006-10-28T02:46:46","modified_gmt":"2006-10-27T23:46:46","slug":"bad-ems","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/09\/06\/bad-ems\/","title":{"rendered":"Bad Ems"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/235258934\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/88\/235258934_554cfd971d.jpg\" alt=\"Bad Ems\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Was halten Sie von Ems?&#8220; &#8211; &#8222;Man erk\u00e4ltet sich dort abends zu leicht.&#8220;<br \/>\n<font size=1>&#8211; Ludwig B\u00f6rne, <em>Die Schwefelb\u00e4der bei Montmorency<\/em><\/font><\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht liegt es am mittelm\u00e4\u00dfigen Wetter, an den Wolken, die so dicht \u00fcber dem Tal h\u00e4ngen, als ob der Himmel diese Stadt noch tiefer in den engen Talkessel hineindr\u00fccken oder einfach nur unsichtbar machen wollte. Jedenfalls habe ich schon lange nicht mehr einen so melancholischen Ort gesehen wie Bad Ems.<!--more--><\/p>\n<p>Fr\u00fcher war hier die High Society Europas: Russische Zaren. Deutsche Kaiser. Franz\u00f6sische Diplomaten, Frankfurter Bankiers, englische Fr\u00e4uleins und Lords. Die hatten viel Geld und viel Zeit und Langeweile, also kamen auch Musiker her, Maler und Dichter. Die Korrespondenten der Modebl\u00e4tter sa\u00dfen in den Caf\u00e9s, protokollierten die Passanten und wer nicht gesehen wurde, kam in den damaligen In- und Out-Listen in die rechte Spalte. Abends ging man in den Marmorsaal des Kurhauses und tanzte so wild, dass einer preu\u00dfischen Landjunkerin schon mal schwindlig werden konnte.<\/p>\n<blockquote><p>Effi war nun schon in die f\u00fcnfte Woche fort und schrieb gl\u00fcckliche, beinahe \u00fcberm\u00fctige Briefe, namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems, wo man doch unter Menschen sei, das hei\u00dft unter M\u00e4nnern, von denen sich in Schwalbach nur ausnahmsweise was gezeigt habe.<br \/>\n<font size=1>Theodor Fontane, <em>Effi Briest<\/em><\/font><\/p><\/blockquote>\n<p>Viele H\u00e4user tragen noch die Namen der Orte, aus denen die prominenten G\u00e4ste kamen: Russischer Hof. Haus London. Haus Meran. F\u00fcr die vielen Russen in der Stadt wurde sogar eigens eine Kirche gebaut, und ihre goldene Kuppel ist das einzige, was hier noch ein bi\u00dfchen Glanz verstr\u00f6mt. Der Russische Hof dagegen hat dicht gemacht, und im Haus London sitzt heute das <a href=\"www.statistik.rlp.de\/ \">Statistische Landesamt<\/a> und z\u00e4hlt nach, wie viele Einzelh\u00e4ndler in der Stadt wieder pleite gegangen sind.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/88\/235244020_836951ded8.jpg\" alt=\"Bad Ems\" \/><\/p>\n<p>Zum Beispiel der Jeans-Laden am Bahnfhofsvorplatz, neben dessen Schaufenster eine Plakette h\u00e4ngt: Dostojewsky war hier. Und so lange ist es vermutlich auch her, dass jemand an diesem Platz einkaufen war. Die Stadtv\u00e4ter haben den H\u00e4ndlern auch keinen Gefallen getan, in dem sie das Areal in eine gesichts- und farblose Fl\u00e4che mit dem Charme eines Supermarkt-Parkplatzes verwandelt haben.<\/p>\n<p>Man mu\u00df f\u00fcrchten, dass die Stra\u00dfe, die am Kurhaus vorbei f\u00fchrt, nach einem \u00e4hnlichen Konzept umgestaltet wird: Hier soll wohl eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone entstehen, damit man an den paar Gesch\u00e4ften, die noch durchhalten, entlang flanieren kann. Im Moment ist alles Baustelle, und ein Windsto\u00df wirbelt eine gro\u00dfe Staubwolke auf, die einen schwarzen Film \u00fcber die Eisbecher und Milchkaffees auf den Tischen der Stra\u00dfencaf\u00e9s legt. Vor den Bechern sitzen verdrie\u00dflich dreinschauende Menschen, die aber ausharren werden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/90\/235278408_f3ba21c490_m.jpg\" alt=\"Bad Ems\" \/><\/p>\n<p>Der Marmorsaal im Kurhaus ist fast leer, nur an einem der Tische sitzt ein \u00e4lteres Ehepaar und h\u00f6rt drei Musikern zu, die auch nicht viel j\u00fcnger sind. Die Musiker haben zwei Keyboards und eine elektrisch verst\u00e4rkte Geige, und sie spielen &#8222;Ein bi\u00dfchen Frieden&#8220;.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe kann man sogar ein paar russisch sprechende Menschen h\u00f6ren. Aber sie sehen nicht so aus, als ob sie ganz freiwillig hier w\u00e4ren, wegen der Kuranwendungen sind sie jedenfalls nicht hergekommen. Einige der fr\u00fcheren Pensionen und Hotels beherbergen heute Asylbewerber und Aussiedler, andere sind in Mietsh\u00e4user umgewandelt, und wenn ich mir die Namen auf den T\u00fcrschildern anschaue, vermute ich mal, dass die Mieten nicht allzu hoch sind. Von den Bewohnern sitzen manche etwas traurig auf den Balkonen, rauchen und schauen auf die Stra\u00dfe. Ein bi\u00dfchen grimmig sehen sie dabei aus, vielleicht weil sie dar\u00fcber nachdenken, ob dieser Ort tats\u00e4chlich mal so gemeint war, wie er aussieht. Vielleicht versuchen sie sich auch nur, sehr konzentriert vorzustellen, wie das hier mal gewesen sein k\u00f6nnte, als noch was los war.<\/p>\n<blockquote><p>Afra begleitete Effi zum Bahnhof und lie\u00df sich fest versprechen, da\u00df die Frau Baronin im n\u00e4chsten Sommer wiederkommen wolle; wer mal in Ems gewesen, der komme immer wieder. Ems sei das Sch\u00f6nste, au\u00dfer Bonn.<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/235278423\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/82\/235278423_7f3119b14c_m.jpg\" alt=\"Bad Ems\" \/><\/a><br \/>\nAls wir zum Auto zur\u00fcckschlendern, kommt dann doch noch mal die Sonne durch die Wolken. Die Fassaden der H\u00e4user beginnen zu leuchten, als ob sie drauf gewartet h\u00e4tten, kurz durchatmen zu k\u00f6nnen. Ich schaue mir das Haus an, vor dem wir gerade stehen: Es ist eine Fachklinik f\u00fcr Rehabilitation.<\/p>\n<p>Wir fahren ab: Es ist schon sp\u00e4ter Abend, und dass das keine gute Zeit hier ist, kann man schon bei B\u00f6rne lesen.<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbOder Ems? Nicht wahr, Doktor, Ems, das hilft.\u00ab &#8211; \u00bbTrau Sie ihm nicht, Herr Graf, das Wasser allein tut&#8216; s dort nicht; die Nachtluft &#8211; die Nachtluft ist dort sch\u00e4dlich.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/89\/235258939_5c7320b093.jpg\" alt=\"Bad Ems\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Was halten Sie von Ems?&#8220; &#8211; &#8222;Man erk\u00e4ltet sich dort abends zu leicht.&#8220; &#8211; Ludwig B\u00f6rne, Die Schwefelb\u00e4der bei Montmorency Vielleicht liegt es am mittelm\u00e4\u00dfigen Wetter, an den Wolken, die so dicht \u00fcber dem Tal h\u00e4ngen, als ob der Himmel diese Stadt noch tiefer in den engen Talkessel hineindr\u00fccken oder einfach nur unsichtbar machen wollte. 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