{"id":499,"date":"2006-09-14T18:32:29","date_gmt":"2006-09-14T15:32:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=499"},"modified":"2006-09-14T18:32:29","modified_gmt":"2006-09-14T15:32:29","slug":"angriff-aufs-belpaese","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/09\/14\/angriff-aufs-belpaese\/","title":{"rendered":"Angriff aufs Belpaese"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/44\/148431864_0dd40e31fc.jpg\" alt=\"Matera\" \/><br \/>\n<font size=1>Matera<\/font><\/p>\n<p>Nicht nur in K\u00f6ln: Auch in Italien will die UNESCO <a href=\"http:\/\/www.unesco.it\/blog\/2006\/09\/patrimonio-unesco-siti-italiani.html\">in Zukunft genauer hinschauen<\/a>, wie man es mit dem Denkmalschutz der als <a href=\"http:\/\/whc.unesco.org\/\">Weltkulturerbe<\/a> ausgewiesenen Orte h\u00e4lt. Davon gibt es 41 in Italien, so viele wie in keinem anderen Land der Welt, und die meisten davon schreiben ihre Auszeichnung auch stolz in die Werbeprospekte. Aus gutem Grund, wenn die Behauptung der <a href=\"http:\/\/www.repubblica.it\/2006\/09\/sezioni\/spettacoli_e_cultura\/allarme-unesco\/allarme-unesco\/allarme-unesco.html\">Repubblica<\/a> stimmt, dass man damit den Zustrom von Touristen um 30 Prozent steigern kann.<!--more--><\/p>\n<p>Ob diese Zahl nun wirklich stichhaltig ist, sei mal dahingestellt: Schaden tut das UNESCO-Label dem Fremdenverkehr sicher nicht. Wo viele Fremde verkehren, wachsen nat\u00fcrlich auch die Begehrlichkeiten der lokalen Wirtschaft, und Tourismus und Denkmalschutz sind zwei unsichere Bettgenossen. Und so hat Italien nicht nur die meisten <em>world heritage sites<\/em>, sondern inzwischen auch mehr Abmahnungen als irgend ein anderes Land: Die UNESCO h\u00e4lt einige Entwicklungen f\u00fcr bedenklich genug, um ein paar medienwirksame Verwarnungen auszusprechen, auch in Richtung einiger Kommunen und Regionen, die ich gut kenne.<\/p>\n<p>San Gimignano zum Beispiel, das &#8222;Manhattan des Mittelalters&#8220;, wo man in der Altstadt bisweilen tats\u00e4chlich das Gef\u00fchl haben kann, so vielen Menschen \u00fcber den Weg zu laufen wie im echten Manhattan. Das echte Manhattan hat freilich keine mittelalterliche Altstadt mit engen Gassen und echten Sodoma-Fresken an den W\u00e4nden. Der B\u00fcrgermeister von San Gimignano kann die Aufregung allerdings nicht verstehen: Eigentlich k\u00f6nne man nur an Ostern von echtem Rummel sprechen, au\u00dferdem habe die UNESCO auch nicht reagiert, als die Kommune vor ein paar Jahren den Bau eines Hotels in einem historischen Geb\u00e4ude verhindern wollte.<\/p>\n<p>Es sind aber nicht nur die unmittelbaren Konsequenzen des Massentourismus, die von der UNESCO ger\u00fcgt werden. Vor allem Bauvorhaben stehen ganz oben auf der Liste der bedrohlichen Faktoren. Und das mit gutem Grund, denn unter der Berlusconi-Administration hat die Immobilienspekulation einen deutlichen Aufschwung erhalten. Die Folgen kann man zum Beispiel an der Amalfik\u00fcste erkennen, ohne Zweifel eine der sch\u00f6nsten und spektakul\u00e4rsten K\u00fcstenlandschaften in Europa. Das wissen auch viele Immobilienspekulanten, und trotz strenger Richtlinien finden sich immer noch Mittel und Wege, Grundst\u00fccke zu erschlie\u00dfen und mit Villen, Ferienwohnungen und Hotels einzubetonieren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/24\/53452788_683a14b58a.jpg\" alt=\"Val d'Orcia\" \/><\/p>\n<p>Eine andere Landschaft von ganz eigenem Charakter ist das Val d&#8217;Orcia: Hier ist die Toskana so toskanisch wie auf den Postkarten, und einer der idyllischsten Flecken ist das D\u00f6rfchen <a href=\"http:\/\/www.monticchiello.it\/\">Monticchiello<\/a>, das zwischen Pienza und Montepulciano liegt. In den vergangenen Jahren r\u00f6hrten da die Baumaschinen: Ein Neubauviertel wurde angelegt, angeblich f\u00fcr den j\u00fcngeren Teil der Bev\u00f6lkerung Monticchiellos, aber so gro\u00dfz\u00fcgig geplant, dass vermutlich erstaunlich viele Grundst\u00fccke \u00fcbrigbleiben werden, die man auch an Ausw\u00e4rtige verkaufen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Matera, ganz im S\u00fcden des Stiefels, wird gemahnt, weil dort in sensibler N\u00e4he zu den legend\u00e4ren (und mit reichlicher Unterst\u00fctzung von UNESCO und EU restaurierten) Sassi ein Parkplatz angelegt werden soll, und auch die Liparischen Inseln und die Cinque Terre m\u00fcssen sich Kritik anh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Verantwortlichen in den betroffenen Kommunen reagieren meist defensiv, schlie\u00dflich wollen sie es sich mit der UNESCO nicht unn\u00f6tig verscherzen. (In K\u00f6ln hat man da ja am Anfang geglaubt, sich mehr Arroganz leisten zu k\u00f6nnen.) Man versucht, die Konsequenzen baulicher oder landschaftlicher Ver\u00e4nderungen herunterzuspielen oder st\u00fctzt sich auf wirtschaftliche Argumente. Die sind nat\u00fcrlich auch nicht ganz unberechtigt: Viele der betroffenen Orte liegen im l\u00e4ndlichen Raum, ausser Tourismus gibt es da nicht viel. Nicht ohne Grund ist Monticchiello zum Beispiel auch Hauptort einer k\u00fcnstlerischen Bewegung, die sich <em>teatro povero<\/em> nennt und in einer Zeit entstand, als die Menschen aus schierer wirtschaftlicher Not die Einsamkeit hier eher flohen als sich mit Reisebussen hindurch karren zu lassen.<\/p>\n<p>Und die Belebung des Fremdenverkehrs ist ja auch einer der zentralen Argumente, mit denen die UNESCO den Regionen die Wahrung ihrer Kultur- und Naturdenkm\u00e4ler plausibel machen will. (Aus diesem Grund nimmt sie es oft auch nicht so genau, wenn restaurierende Ma\u00dfnahmen zuviel des Guten leisten, wie man zum Beispiel in San Gimignano sehen kann: Da ist die Hauptstrasse zu einem Souvenirshop mit mittelalterlichem Flair disneyfiziert worden.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/21\/29480537_b14249edb4.jpg\" alt=\"Pfad der G\u00f6tter\" \/><\/p>\n<p>Wie schwierig es ist, das Bewahrenswerte an einer Landschaft zu definieren und in Einklang mit den Interessen der Menschen, die darin leben, zu bringen, dar\u00fcber hat ja erst David Blackbourn im Zusammenhang mit den <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=497\">Wasserbauma\u00dfnahmen in Deutschland<\/a> geschrieben. In Italien gibt es sicher eine unr\u00fchmliche Tradition der beschleunigten Aufopferung von Kultur und Natur f\u00fcr \u00f6konomische oder pers\u00f6nliche Vorhaben, und Kommunalpolitiker reagieren besonders gerne beleidigt, wenn Kritik von au\u00dfen herangetragen wird. Andererseits ist die Diskussion \u00fcber diese Themen in den letzten Jahren durchaus intensiver geworden, und nicht jedes Wolkenkuckucksheim l\u00e4\u00dft sich noch so einfach in die Gegend betonieren. Ich hoffe mal, dass die Intervention der UNESCO dazu f\u00fchrt, die Diskussion noch lebhafter zu f\u00fchren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matera Nicht nur in K\u00f6ln: Auch in Italien will die UNESCO in Zukunft genauer hinschauen, wie man es mit dem Denkmalschutz der als Weltkulturerbe ausgewiesenen Orte h\u00e4lt. Davon gibt es 41 in Italien, so viele wie in keinem anderen Land der Welt, und die meisten davon schreiben ihre Auszeichnung auch stolz in die Werbeprospekte. 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