{"id":502,"date":"2006-09-20T15:19:17","date_gmt":"2006-09-20T12:19:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=502"},"modified":"2006-09-20T22:25:59","modified_gmt":"2006-09-20T19:25:59","slug":"gimme-indo-rock","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/09\/20\/gimme-indo-rock\/","title":{"rendered":"Gimme Indo-Rock"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/81\/248129801_7a8758e2b4_m.jpg\" alt=\"Javalins\" \/><br \/>\n<font size=1>The Javalins<\/font><\/p>\n<p>\u00dcber den <a href=\"http:\/\/www.spreeblick.com\/2006\/09\/19\/asiatische-sixties\">Spreeblick<\/a> bin ich <a href=\"http:\/\/www.tofu-magazine.net\/newVersion\/pages\/gogo.html\">auf dieser Website<\/a> mit Sixties-Sounds aus Hong Kong, Singapur und Macao gelandet. Und dabei fiel mir ein, dass es vor \u00c4onen mal eine weitere Spielart s\u00fcdostasiatischer Pop-Tradition gegeben hat. Eine, die auch in Deutschland einige Wellen geschlagen hat. Denn es geh\u00f6rt zu den vergessenen Aspekten der Pop-Geschichte, dass die Fr\u00fchzeit des Rock&#8217;n&#8217;Roll hierzulande ganz nachhaltig von Bands gepr\u00e4gt worden ist, deren Mitglieder aus S\u00fcdostasien stammten.<!--more--><\/p>\n<p>Aus Indonesien, um genau zu sein: Wer in den sp\u00e4ten 50ern und fr\u00fchen 60ern im S\u00fcden Deutschlands lebte und einen GI-Club in der N\u00e4he hatte, der wird mit einiger Wahrscheinlichkeit die ersten Rock&#8217;n&#8217;Roll-T\u00f6ne von Musikern geh\u00f6rt haben, die nicht aus Nashville oder Memphis kamen, sondern aus Djakarta oder Ambon. Oder wenigstens Den Haag oder Rotterdam.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/80\/248154852_b6ac57c4e8_m.jpg\" alt=\"Oety\" \/><br \/>\n<font size=1>Oety &#038; His Real Rockers<\/font><\/p>\n<p>1949 hatten die Niederl\u00e4nder, nach einem langen und blutigen B\u00fcrgerkrieg, ihre Kolonialherrschaft in Indonesien aufgegeben. Die Beziehungen zwischen den s\u00fcdostasiatischen Inseln und der ehemaligen Kolonialmacht blieben aber noch lange komplex. Viele Indonesier zog es in die Niederlande, vor allem in den 50er Jahren. Ein gro\u00dfer Teil kam von den Molukken: Die Molukker, vorwiegend christlich gepr\u00e4gt, standen der vor allem javanisch gepr\u00e4gten Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung zwiesp\u00e4ltig gegen\u00fcber, einige sympathisierten sogar offen mit der Kolonialmacht. Der Versuch, einen eigenen Staat auszurufen (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Republik_Maluku_Selatan\">Maluku Selatan<\/a>), wurde von indonesischen Truppen mit Waffengewalt niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Das Ende des zweiten Weltkriegs und der Abzug der Japaner hatte auch die Amerikaner nach Indonesien gebracht, und damit auch amerikanische Pop-Kultur. Nat\u00fcrlich hatte es in Indonesien vorher schon popul\u00e4re Musik gegeben: <a href=\"http:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Krontjong\">Krontjong<\/a> vor allem. Krontjong wird gerne vereinfacht als der Versuch beschrieben, traditionelle indonesische Musik auf europ\u00e4ischen Instrumenten nachzuspielen. Portugiesische Seeleute hatten die Gitarre nach Indonesien gebracht, au\u00dferdem ihre sentimentalen <em>Fado<\/em>&#8211; und <em>Saudade<\/em>-Lieder. Mit der Gitarre konnte man Ensembles besetzen, die kleiner und flexibler waren als etwa die einheimischen Gamelan-Orchester, und die Fados boten eine neue M\u00f6glichkeit, Songs und Melodien zu strukturieren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/82\/248159631_f97ea9f383_m.jpg\" alt=\"Swallows\" \/><br \/>\n<font size=1>The Swallows in Essen 1963<\/font><\/p>\n<p>Krontjong war selbst schon eine multikulturelle Musik, und in den indonesischen Communities von Rotterdam und Den Haag, wo sich eine Vielzahl weiterer Einfl\u00fcsse dazu addierte, wurde daraus der passende Soundtrack f\u00fcr eine Generation, die \u00e4hnlich zwischen den Welten hing wie vielleicht kurdische oder kosovarische Kids heute: Von der westlichen Mode und Kultur fasziniert, aber auch selbstbewu\u00dft dabei, eine eigene Identit\u00e4t zu entwickeln. Aus dieser M\u00e9lange enstand eine neue und eigenst\u00e4ndige Musik, rebellisch wie Rock&#8217;n&#8217;Roll, aber Melodie und Rhythmus h\u00f6rbar aus der eigenen Tradition gef\u00fcttert. Das faszinierte auch die eingeborenen Holl\u00e4nder, und bald gab es einen Namen f\u00fcr diesen neuen Stil: Indo-Rock.<\/p>\n<p>In den F\u00fcnfzigern gab es kaum eine holl\u00e4ndische Stadt, in der nicht irgendwo am Wochenende eine Indo-Band auftrat. Aber die Niederlande sind klein, und irgendwann sprach sich unter den Musikern herum, dass man \u00f6stlich der Grenze noch mehr Geld verdienen konnte. Die Betreiber der amerikanischen Soldaten-Bars in Deutschland hatten n\u00e4mlich ein besonderes Problem: Einerseits wollten ihre G\u00e4ste die Musik h\u00f6ren, die ihnen auch beim Soldatensender AFN vorgespielt wurde. Andererseits war es schwierig, amerikanische Bands und Musiker nach Europa zu bringen. Nicht nur wegen des finanziellen und organisatorischen Aufwands: Bands aus dem amerikanischen S\u00fcden hatten schon wegen ihrer Hautfarbe eine Reiseproblem. Die indonesischen Bands waren der perfekte Ersatz: Sie spielten Rock&#8217;n&#8217;Roll und sie brachten einen Schu\u00df Exotik mit.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/79\/248122138_4ad2fe9a09_m.jpg\" alt=\"Hap Cats\" \/><br \/>\n<font size=1>Die Hap Cats auf dem Oktoberfest<\/font><\/p>\n<p>Und sie kamen in Scharen, auch weil die Bar-Besitzer in Deutschland oft l\u00e4ngerfristige Vertr\u00e4ge boten. Manchmal konnte man eine ganze Woche, einen ganzen Monat an einer Adresse durchspielen. In den Niederlanden bekam man meist nur den Zuschlag f\u00fcr ein, zwei Auftritte an einem Wochenende. Und sie waren nicht nur talentierte Musiker, sondern auch begnadete Entertainer: Fester Teil ihres Programms waren halb gymnastische, halb slapstickreife Einlagen, wie sie auch ein Little Richard nicht besser hinbekommen h\u00e4tte. Sie spielten mit Z\u00e4hnen und F\u00fc\u00dfen. Sie spielten auf dem R\u00fccken oder im Spagat, sie choreographierten kleine Tanz-Einlagen oder sprangen einfach wild durch die Gegend. Das europ\u00e4ische Publikum hatte so etwas noch nie gesehen. Die Indo-Rocker traten bald nicht nur in kleinen verr\u00e4ucherten Kaschemmen auf, sondern auch in gr\u00f6\u00dferen Hallen und in Festzelten. 1958 waren die Tielman Brothers Teil des Programms im niederl\u00e4ndischen Pavillon auf der Weltausstellung in Br\u00fcssel. Eigentlich waren sie nur als Pausen-Intermezzo gedacht, aber sie m\u00fcssen so abger\u00e4umt haben, dass sich der eigentliche Haupt-Act &#8211; eine brave Hawaii-Kapelle &#8211; nicht mehr aus der Garderobe traute.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/92\/248122139_7e8df67a70_m.jpg\" alt=\"Tielman Brothers\" \/><br \/>\n<font size=1>The Tielman Brothers<\/font><\/p>\n<p>Die Tielman Brothers waren die K\u00f6nige der Szene, und das zu Recht. Andy Tielman war ein Klangfetischist und Bastler, st\u00e4ndig auf der Suche nach dem definitiven Sound, der st\u00e4ndig an seiner Jazzmaster schraubte und bohrte, weil sie ihm zu d\u00fcnn klang und er zehn Saiten aufziehen wollte. (Und der eine Zeit lang mit einem Handtuch \u00fcber der Kopfplatte spielte, weil er nicht wollte, dass man seine Basteleien nachmachte.) Die Tielmans waren popul\u00e4r genug, um auch ein paar deutschsprachige Songs aufzunehmen (&#8222;Warum weinst Du, kleine Tamara?&#8220;), aber am besten waren sie dann, wenn sie ihren instrumentalen Gamelan-Rumble produzierten. Und das kann man sich auch ansehen: Auf YouTube gibt es einige grandiose Momente zu bewundern, zum Beispiel den Klassiker <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FALutagdHNw\">Black Eyes<\/a> und den fabelhaften <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YvC2_nsVJv0\">Rollin&#8216; Rock<\/a>.<\/p>\n<p>Andere Pioniere waren die <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hgfc4eHseNg\">Hap Cats<\/a>, die Black Dynamites (die auch <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FGdgX1mJAIw\">Los Indonesios<\/a> nannten), Oety (oder Oeti) &#038; His Real Rockers, <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=CyIhVRpFRco&#038;mode=related&#038;search=\">Electric Johnny &#038; His Skyrockets<\/a> und die Crazy Rockers (die hier den <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qNeUuQegG5Y\">Dritten Mann<\/a> meucheln).<\/p>\n<p>Hier und da kann man auch noch Platten aus dieser Zeit erwischen, zum Beispiel diese <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B0009XPAXA?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B0009XPAXA\">Best-Of-Compilation<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B0009XPAXA\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> der Tielman Brothers. Holl\u00e4ndische Second-Hand-L\u00e4den sind da in der Regel sehr gut sortiert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/86\/248157335_ae0ae095d2_m.jpg\" alt=\"Crazy Rockers\" \/><br \/>\n<font size=1>Die Crazy Rockers auf einem Weinfest in Frankfurt<\/font><\/p>\n<p>Viele dieser Bands und Musiker sind immer noch aktiv, und wenn man bei YouTube mal <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/results?search_query=indorock\">nach Indo-Rock sucht<\/a>, wird man auch ein paar Retro-Bands finden, die in den Achtzigern und Neunzigern gestartet sind.  Mitte der Sechziger allerdings begann die Popularit\u00e4t des Indo-Rock zu schwinden, wenigstens hier in Deutschland. Warum das so war, ist schwierig zu sagen. Gegen Ende der Sechziger k\u00fcndigte sich langsam die britische Beat-Invasion an, und original englische Bands bekam man schon eher mal nach Deutschland. Den Indo-Rockern wurde da vielleicht zum Verh\u00e4ngnis, das sie sich zu bereitwillig als Kopien amerikanischer Bands hatten vermarkten lassen und mit dem Erfolg ihre Musik zu glatt in Richtungen b\u00fcrsteten, die ihnen von Schlager- und Entertainment-Produzenten vorgegeben wurden. Ab Mitte der Sechziger war zunehmend die Luft raus, es gab zu viele Bands, die auch alle irgendwie \u00e4hnlich klangen: Das Originelle am Indo-Rock war zu einer Formel geworden.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr fast ein Jahrzehnt, so von 1958 bis 1967, waren die indonesischen Rocker die K\u00f6nige des Rock&#8217;n&#8217;Roll. Und im \u00d6dland der deutschen Nachkriegs-Popul\u00e4rkultur waren sie die wahren Missionare des Beats. Daf\u00fcr kann man ihnen ruhig auch heute noch ein bi\u00dfchen Tribut zollen.<\/p>\n<p>(Viele Infos und alle Bilder hier im Text stammen von der fantastischen und sehr detaillierten, leider fast nur holl\u00e4ndischen, Website von <a href=\"http:\/\/indorock.pmouse.nl\/\">Piet Muys<\/a>, wo es eine lange <a href=\"http:\/\/indorock.pmouse.nl\/indo-rock-gallery.htm\">Liste und Galerie von Indo-Rock-Bands<\/a> gibt.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The Javalins \u00dcber den Spreeblick bin ich auf dieser Website mit Sixties-Sounds aus Hong Kong, Singapur und Macao gelandet. Und dabei fiel mir ein, dass es vor \u00c4onen mal eine weitere Spielart s\u00fcdostasiatischer Pop-Tradition gegeben hat. Eine, die auch in Deutschland einige Wellen geschlagen hat. 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