{"id":509,"date":"2006-10-19T13:46:51","date_gmt":"2006-10-19T10:46:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=509"},"modified":"2006-10-19T14:00:00","modified_gmt":"2006-10-19T11:00:00","slug":"bilder-eines-massakers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/10\/19\/bilder-eines-massakers\/","title":{"rendered":"Bilder eines Massakers"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/102\/273764823_3d730df119_m.jpg\" alt=\"Matteo di Giovanni\" \/><\/p>\n<p>Ende Juli 1480 landeten gro\u00dfe osmanische Flottenverb\u00e4nde an der apulischen K\u00fcste. Ziel der Mission war die Einnahme der Hafenstadt Otranto, an der engsten Stelle der Adria gelegen, nur 70 Kilometer von der K\u00fcste Albaniens entfernt. In Otranto gab es eine spanische Garnison, aber die konnte der \u00dcbermacht wenig entgegen setzen. Zwei Wochen dauerte die Belagerung, dann gab die Stadt auf. Viele hundert Einwohner wurden umgebracht, vor allem junge M\u00e4nner. Allein 800 lie\u00dfen die Besatzer enthaupten, weil sie, wie es in den Chroniken hei\u00dft, nicht zum Islam konvertieren wollten.<!--more--><\/p>\n<p>Es mag naheliegen, im Massaker von Otranto eine Art vormodernen 11. September sehen zu wollen, und bis heute taucht es routinem\u00e4\u00dfig in Auflistungen auf, die dem Islam eine besonders kriegerische oder grausame Haltung beimessen wollen. Dazu muss man schon einige fundamentale Unterschiede zwischen Ereignissen, die \u00fcber 500 Jahre auseinander liegen, unter den Tisch fallen lassen. (Und die Tatsache, dass christliche Heerscharen auch nicht gerade zimperlich sein konnten, etwa in Volterra 1473, in Prato 1512 oder bei der Pl\u00fcnderung Roms 1527, um nur ein paar Beispiele aus dem zeitlichen Umfeld zu nennen.)<\/p>\n<p>Politisch und milit\u00e4risch war die Besetzung Otrantos nur eine Episode: Im Jahr darauf zogen sich die osmanischen Truppen wieder zur\u00fcck. In einem Punkt l\u00e4\u00dft sich allerdings wirklich eine Verbindungslinie zu 9\/11 ziehen: Auch damals gab es auf die Ereignisse ein lautes Echo, das Massker wurde als Beleg f\u00fcr eine Bedrohung der Christenheit insgesamt gedeutet. War nicht erst 1453 Konstantinopel, das Rom des Ostens, gefallen? Mu\u00dfte der Angriff auf Otranto also nicht als ein Angriff auf das andere Rom erscheinen?<\/p>\n<p>Ein biblisches Motiv findet sich darum h\u00e4ufig in den Kunstwerken dieser Zeit: Der Kindermord von Bethlehem, der als Pr\u00e4figuration des Blutbads in Otranto gesehen wurde. Ein Maler aus Siena hat sich gleich mehrfach mit diesem Thema besch\u00e4ftigt: Matteo di Giovanni, zun\u00e4chst in einem Mosaik f\u00fcr den grandiosen Marmorfu\u00dfboden des Domes (das bisweilen auch Francesco di Giorgio zugeschrieben wird), au\u00dferdem in drei Altarbildern, zwei f\u00fcr Bettelordenkirchen in Siena, eins f\u00fcr die napolitanische Kirche Santa Maria della Formello.<\/p>\n<p>Die beiden senesischen Altarbilder sind k\u00fcrzlich restauriert worden, und das Museum im alten Hospiz Santa Maria della Scala hat das zum Anla\u00df f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.santamariadellascala.com\/w2d3\/v3\/view\/sms\/esposizioni\/incorso\/byid--47\/single_list_content.html\">eine  spannende Ausstellung<\/a> genommen. Spannend ist die Ausstellung, weil sie die Beobachtung erlaubt, wie sich in der Chronologie von Matteos Auseinandersetzung mit dem Sujet die Akzente verschieben und entwickeln.<\/p>\n<p>\u00dcber Matteos Biographie gibt es wenig zu sagen. Warum hat er sich mehrfach mit dem Thema besch\u00e4ftigt? Pers\u00f6nliche Betroffenheit? Oder einfach nur eine Sache der Nachfrage? Das Umfeld, in dem er arbeitet, konnte durchweg ein Interesse an einer propagandistischen Aufarbeitung des Themas haben: Dombaumeister Alberto Aringhieri geh\u00f6rte dem Johanniterorden an, die m\u00e4chtige Familie Spannocchi stand dem Haus Aragon nahe, aus dessen napolitanischem Zweig wiederum der Auftrag f\u00fcr das Bild in Neapel kam.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/113\/273764821_8886893191_o.jpg\" alt=\"Matteo di Giovanni\" \/>Matteo ist ein effizienter Propagandist: Der Kontrast zwischen den Mariengestalten der M\u00fctter und den fratzenhaften Gesichtern der M\u00f6rder ist deutlich genug. Er komponiert die K\u00f6rper, den Raum und die Farben mit einem \u00e4hnlichen Elan, den man auch bei breughelschen Bauernbildern finden kann. Interessant sind die Nuancen, etwa wenn er Herodes und seine Soldaten mal in einem eindeutig orientalischen Ambiente, mal in einem schwerer festzumachenden Rittertum \u00fcbersetzt. Neben Herodes sehen wir mal einen alten Mann, der wohl die resignierende Weisheit vorstellen soll, ein anderes Mal steht ein junger Mann daneben, in der Kleidung eines wohlhabenden B\u00fcrgers, daneben, der dem Treiben wie ein sorgenvoller Humanist zuschaut.<\/p>\n<p>Es gibt einen <a href=\"http:\/\/www.libroco.it\/cgi-bin\/dettaglio.cgi?lingua=en&#038;codiceweb=442661212674460\">sch\u00f6nen Katalog<\/a> zur Ausstellung, der diese und andere Fragen diskutiert. Die Ausstellung l\u00e4uft noch bis zum 5. November.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende Juli 1480 landeten gro\u00dfe osmanische Flottenverb\u00e4nde an der apulischen K\u00fcste. 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