{"id":511,"date":"2006-10-23T16:15:36","date_gmt":"2006-10-23T13:15:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=511"},"modified":"2006-10-28T02:58:58","modified_gmt":"2006-10-27T23:58:58","slug":"strada-del-duca","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/10\/23\/strada-del-duca\/","title":{"rendered":"Strada del Duca"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/87\/274908511_3ed6fe2dd2.jpg\" alt=\"Strada del Duca\" \/><\/p>\n<p>Auf Googles Italien-Karten kann man nicht nur <a href=\"?p=504\">eine Bahnlinie entdecken<\/a>, die schon seit 50 Jahren nicht mehr existiert. Hier ist noch so ein Kuriosum: Auf <a href=\"http:\/\/maps.google.it\/?ie=UTF8&#038;z=14&#038;ll=44.12863,10.623608&#038;spn=0.025875,0.058537&#038;om=1\">diesem Kartenausschnitt<\/a> sieht man eine kleine Stra\u00dfe eingezeichnet, die in Nord-S\u00fcd-Richtung verl\u00e4uft. Das ist die <em>Strada del Duca<\/em>, eine Verbindungsroute vom modenesischen Appennin ins Hinterland von Lucca. Und die sieht auf gro\u00dfen Teilen der Strecke ungef\u00e4hr so aus:<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/88\/268860433_1da23f14ce.jpg\" alt=\"Strada del Duca\" \/><\/p>\n<p>Mit dem Auto kommt man hier also nur schlecht r\u00fcber. Daf\u00fcr ist diese Route ein stra\u00dfenbauliches Monument (und au\u00dferdem eine der sch\u00f6nsten Routen durch diesen Teil des Appennin, aber dazu komme ich gleich noch): Die <em>Strada del Duca<\/em> sieht noch fast genauso aus wie zu ihrer Er\u00f6ffnung im Jahr 1823. Die Trasse ist mit groben, fast unbehauenen und ungleichm\u00e4\u00dfigen Steinen gepflastert. Wer sich hier motorisiert entlang bewegen will, braucht ein gel\u00e4ndeg\u00e4ngiges Fahrzeug. Und auch f\u00fcr Radler ist die Strecke recht anspruchsvoll: Man muss schon ein bi\u00dfchen Geschick und Gleichgewichtssinn mitbringen, um zwischen den dicken und teilweise weit herausguckenden Pflastersteinen zu navigieren.<\/p>\n<p>Dass die Stra\u00dfe fast im Originalzustand erhalten blieb, liegt daran, dass sie eigentlich Ergebnis einer stra\u00dfenbaulichen Fehlplanung war und nie die Rolle gespielt hat, die man ihr zugedacht hatte. Die <em>Strada del Duca<\/em> (manchmal auch <em>Strada del Granduca<\/em>, <em>Strada della Duchessa<\/em> oder <em>Via della Foce<\/em>) entstand zwischen 1819 und 1823, als die Herzogt\u00fcmer Lucca und Modena politisch und \u00f6konomisch n\u00e4her zusammenr\u00fccken wollten. Herzogin Maria Luisa von Lucca, Bourbonin und Infantin von Spanien, schlug ihrem Nachbarn, dem Herzog Franz von Modena, den Bau der Stra\u00dfe vor, um beide Herzogt\u00fcmer zu verbinden, ohne das Territorium der Toskana (mit der beide nicht im besten Verh\u00e4ltnis standen) zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/268860440\/\" title=\"Photo Sharing\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/106\/268860440_97a63b9332.jpg\" width=\"333\" height=\"500\" alt=\"Foce a Giovo\" \/><\/a><\/p>\n<p>Man fand eine passierbare Route \u00fcber den Foce a Giovo, einen \u00fcber 1.600 Meter hohen Sattel zwischen den Gipfeln des Monte Rondinaio und der Alpe delle Tre Potenze. F\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse war die Stra\u00dfe sehr <em>state of the art<\/em>, inklusive Rast- und Verpflegungsst\u00e4tten entlang der Strecke. Die gab es vielleicht auch deshalb, weil sich beide Herrscher, erz\u00e4hlt die \u00f6rtliche Folklore, nicht nur politisch n\u00e4her kommen wollten. Allerdings hatten sie bis zur feierlichen Er\u00f6ffnung der Stra\u00dfe nur brieflichen Kontakt gepflegt. Als sie sich auf dem Foce erstmals gegen\u00fcber standen, bemerkte Maria Luisa die grauen Schl\u00e4fen des Herzogs von Modena und kommentierte das mit der s\u00fcffisanten Bemerkung: &#8222;Auf den Gipfeln liegt schon Schnee.&#8220; Worauf der Herzog zur\u00fcckgab: &#8222;Wenn auf den Gipfeln Schnee liegt, geh\u00f6ren die K\u00fche ins Tal.&#8220;<\/p>\n<p>Diese herzoglichen Nettigkeiten waren aber nicht der Grund daf\u00fcr, dass die Strada in der Folge vernachl\u00e4ssigt wurde. Maria Luisa starb schon 1824, und ihr Sohn Karl hatte andere Priorit\u00e4ten, weil er f\u00fcr das Herzogtum Parma vorgesehen war. Au\u00dferdem erwies sich die Instandhaltung der Stra\u00dfe als schwierig: Der Foce a Giovo ist einer der h\u00f6chsten \u00dcberg\u00e4nge im Appennin, im Winter ist er fast immer verschneit, auch sonst bei schlechtem Wetter fast unpassierbar. Die Einigung Italiens schlie\u00dflich lie\u00df die Route vollends zur abgelegenen Nebenstrecke werden, es gab einfachere \u00dcberg\u00e4nge, vor allem den <a href=\"http:\/\/maps.google.it\/maps?f=q&#038;hl=de&#038;q=abetone&#038;ie=UTF8&#038;z=16&#038;ll=44.143676,10.664806&#038;spn=0.006375,0.021629&#038;om=1&#038;iwloc=A\">Abetone-Pass<\/a> etwas weiter \u00f6stlich.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck, mu\u00df man sagen: Die <em>Strada del Duca<\/em> ist darum eine der sch\u00f6nsten Strecken in diesem Teil des Appennins geblieben. Und eine der einsamsten dazu, zumindest an einem Wochentag im Oktober: Au\u00dfer einem Jeep der \u00f6rtlichen Forstversammlung, oder ein, zwei Anglern und Pilzsammlern begegnet man hier niemandem. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/115\/274908519_bc27db926d.jpg\" alt=\"Foce a Giovo\" \/><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde immer empfehlen, den Weg von der Nordseite her zu nehmen. Der Anstieg ist nicht ganz so steil und schl\u00e4ngelt sich behutsam durch die Buchen- und Kastanienw\u00e4lder in die Bel \u00c9tage des Appennin. Man muss dazu von der SS 12, <a href=\"http:\/\/maps.google.it\/maps?f=q&#038;hl=de&#038;q=&#038;ie=UTF8&#038;om=1&#038;z=14&#038;ll=44.148218,10.638371&#038;spn=0.025497,0.058537\">etwa auf der H\u00f6he des D\u00f6rfchens Faidello<\/a>, den Abzweig in Richtung Val di Luce nehmen. Nach kurzer Strecke erreicht man einen Parkplatz mit einer Wanderkarte: Die Strada del Duca beginnt mit der kleinen Steinbr\u00fccke, die hier \u00fcber den Bach f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe f\u00fchrt erst durch den Wald (hin und wieder kann man durch die B\u00e4ume den Corno alle Scale sehen), ab der Tausendmetermarke etwa kommt man in offeneres Gel\u00e4nde. Anfang Oktober steht das Laub hier schon in rotgoldenen Flammen, und doch bl\u00fchen auch noch zahllose Blumen. Man m\u00f6chte fast an jeder Ecke atemlos innehalten, weniger wegen der Anstrengung, sondern weil das Panorama so \u00fcberw\u00e4ltigend ist: Ringsherum stehen die Berge wie die W\u00e4nde eines Amphitheaters und schicken den Blick bis zur Poebene.<\/p>\n<p>Die Pa\u00dfh\u00f6he ist ein scharf eingeschnittener Spalt zwischen der langgestreckten Femminamorta und dem zuckerhutf\u00f6rmigen Monte Rondinaio. Hier zweigt ein schmaler Weg zur Alpe Tre Potenze und dem Passo d&#8217;Annibale ab. Der Pass hei\u00dft nat\u00fcrlich so, weil Hannibal hier r\u00fcbergekommen sein soll. M\u00f6glicherweise war er tats\u00e4chlich in der Gegend, aber dann hat er wohl eher einen anderen \u00dcbergang, etwas weiter \u00f6stlich, benutzt. Der Abzweig ist \u00fcbrigens auf der Google-Karte auch sichtbar, was da <a href=\"http:\/\/maps.google.it\/maps?f=q&#038;hl=de&#038;q=abetone&#038;ie=UTF8&#038;z=16&#038;ll=44.120127,10.616655&#038;spn=0.006377,0.021629&#038;om=1&#038;iwloc=A\">wie eine kleine Stichstra\u00dfe aussieht<\/a>, ist allerdings noch weniger befahrbar als die <em>Strada del Duca<\/em>:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/95\/266330640_8a7f92d118.jpg\" alt=\"Passo d'Annibale\" \/><\/p>\n<p>Auf der lucchesischen Seite f\u00e4llt die Stra\u00dfe in steilen Serpentinen ins Tal. Die Strecke ist nicht ganz einfach, die Kurven sind durch den losen Schotter teilweise sehr rutschig, hier und da liegen dicke Felsbrocken auf dem Weg. Daf\u00fcr ist der Ausblick grandios, vor allem <a href=\"http:\/\/maps.google.it\/maps?f=q&#038;hl=de&#038;q=&#038;ie=UTF8&#038;om=1&#038;z=17&#038;ll=44.112517,10.609564&#038;spn=0.003189,0.007317\">hier an dieser Stelle<\/a>, wo die Stra\u00dfe wie ein Balkon \u00fcber dem tief unten liegenden Talboden h\u00e4ngt. Man sieht ein paar verlorene Bauernkaten, ansonsten scheint der Blick ins Endlose zu gehen: Eine H\u00fcgelkette reiht sich am Horizont hinter die andere ein, erst ganz hinten, im Dunst, kann man den Monte Pisano ausmachen, zu dessen F\u00fc\u00dfen Lucca und Pisa liegen.<\/p>\n<p>Bis nach Lucca geht es jetzt nur noch bergab: Erst auf Schotter, dann auf rauhem Asphalt mit tiefen Schlagl\u00f6chern, \u00fcber enge und schmale Str\u00e4\u00dfchen. Es gibt nur wenige D\u00f6rfer hier hinten im Val Fegana: Ein Wegweiser nennt den Namen Tereglio, aber das h\u00e4ngt so versteckt \u00fcber der Stra\u00dfe, dass man es fast \u00fcbersieht. Montefegatesi leuchtet von einem der Berge auf der gegen\u00fcberliegenden Seite: Von hier aus kann man absteigen zum spektakul\u00e4ren Canyon des Orrido dei Botri.<\/p>\n<p>F\u00fcr den gibt es heute aber keine Zeit mehr. Bis nach Lucca ist es noch ein gutes St\u00fcck, und im schmalen Tal wird es bereits schattig und frisch. Also schnell raus ins breitere Serchio-Tal, wo man, schneller als einem lieb ist, wieder von der Zivilisation eingefangen wird: Der Schnellstra\u00dfe, die aus der Garfagnana kommt, kleinst\u00e4dtische Industrie rund um Bagni di Lucca, touristische Reisebusse an der Ponte di Maddalena. Noch mal schnell zur\u00fcckschauen: Aber die Berge bilden schon eine geschlossene Mauer, und den kleinen Durchstich der Strada del Duca kann man nicht mehr erkennen von hier aus.<\/p>\n<p><strong>Nachtrag:<\/strong><br \/>\nEin paar Informationen (auf italienisch) zur Geschichte der Strada und eine Wanderroute auf den nahegelegenen Monte Rondinaio gibt es <a href=\"http:\/\/www.alpiapuane.com\/php\/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=259&#038;Itemid=26\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Googles Italien-Karten kann man nicht nur eine Bahnlinie entdecken, die schon seit 50 Jahren nicht mehr existiert. Hier ist noch so ein Kuriosum: Auf diesem Kartenausschnitt sieht man eine kleine Stra\u00dfe eingezeichnet, die in Nord-S\u00fcd-Richtung verl\u00e4uft. Das ist die Strada del Duca, eine Verbindungsroute vom modenesischen Appennin ins Hinterland von Lucca. 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