{"id":528,"date":"2006-11-28T13:39:28","date_gmt":"2006-11-28T10:39:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=528"},"modified":"2006-12-14T20:47:21","modified_gmt":"2006-12-14T17:47:21","slug":"sigrids-risiken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/11\/28\/sigrids-risiken\/","title":{"rendered":"Sigrids Risiken"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/108\/307150328_a430da2595_m.jpg\" alt=\"Sigrids Risiken\" \/><br \/>\n<font size=1>Ceci n&#8217;est pas un Programmheft<\/font><\/p>\n<p>Es gibt wohl kaum jemand, der das Sitzen im Wartezimmer nicht als Zeitverschwendung empfindet. Auch deswegen, weil man im Wartezimmer vor allem deshalb sitzt, um den K\u00f6rper begutachten und reparieren zu lassen, was einen dann wieder daran erinnert, dass man den eben auch nur f\u00fcr eine begrenzte Zeit zur Verf\u00fcgung hat. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man im Wartezimmer so schnell auf grunds\u00e4tzliche Dinge zu sprechen kommt, wenn man mit den Umsitzenden zu plaudern anf\u00e4ngt, und biographische Details erf\u00e4hrt, an die man selbst der investigativste Reporter nur selten herankommt. Man kann nat\u00fcrlich aus lauter Langeweile auch in den herumliegenden Zeitschriften bl\u00e4ttern, aber da wird man ebenfalls nur mit Details aus dem Leben anderer Leute konfrontiert.<!--more--><\/p>\n<p>Sigrid k\u00f6nnte so ein Substrat eines langen Wartezimmeraufenthaltes einschliesslich ausgiebiger Zeitschriftenlekt\u00fcre sein. Sigrid ist die Hauptfigur eines St\u00fccks von Klaus Fehling, das &#8222;Sigrids Risiken&#8220; heisst und eigentlich die Auskopplung aus einem umfassenderen Projekt ist, aber das lassen Sie sich <a href=\"http:\/\/wiki.luftschiff.org\/index.php?title=Sigrids_Risiken\">lieber von ihm selbst erkl\u00e4ren<\/a>.<\/p>\n<p>Wir lernen Sigrid in einem Wartezimmer kennen: In einer Arztpraxis im Norden von K\u00f6ln, die ausnahmsweise am sp\u00e4ten Abend ge\u00f6ffnet hat, um Fehlings St\u00fcck darin stattfinden zu lassen. Am Eingang bekommt man statt eines Programmheftes eine Pillenschachtel ausgeh\u00e4ndigt, und darin findet man einen Beipackzettel, der \u00fcber den Inhalt des St\u00fcckes informiert und auch \u00fcber die Risiken und Nebenwirkungen, die f\u00fcr die Mitwirkenden gelten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/102\/307150331_13c7c9eb1f_m.jpg\" alt=\"Sigrids Risiken\" \/><br \/>\n<font size=1>Dies ist keine Arztpraxis<\/font><\/p>\n<p>Verk\u00f6rpert wird Sigrid von <a href=\"http:\/\/www.heidrun-grote.de\/\">Heidrun Grote<\/a>, und die hat diesen K\u00f6rper ins Wartezimmer bewegt, um ein paar Rezepte f\u00fcr die Mutter abzuholen. Aber dann wird Sigrid pl\u00f6tzlich selbst zur Patientin, muss nach einem Schw\u00e4cheanfall auf eine Untersuchung warten und im Wartezimmer die Zeit totschlagen. Also erz\u00e4hlt sie uns ihre Biographie, und die zickzackt wie eine Fieberkurve durch mehrere Themen, die vor einiger Zeit in den Wartezimmerzeitschriften herumgereicht wurden (mittlerweile aber &#8211; \u00e4hnlich wie Sigrid &#8211; wieder in einen Erm\u00fcdungs- und Ersch\u00f6pfungszustand geraten zu sein scheinen): Das Schicksal der Kriegsgeneration, deren beharrliches Ausweichen einer Auseinandersetzung mit dem Erlebten und Erfahrenen, das ihrer Kinder, der Rebellion um &#8217;68 und deren Zuspitzung im Terrorismus der RAF, die Brechung der Perspektive durch den neuen Terrorismus der abst\u00fcrzenden Flugzeuge und explodierenden Bahnh\u00f6fe.<\/p>\n<p>Sigrid ist n\u00e4mlich nicht nur Tochter und Patientin, sondern auch ehemalige Terroristin oder wenigstens Sympathisantin. Zwischenzeitlich, erz\u00e4hlt sie uns, sei sie sogar in die DDR emigriert, weil sie eine Kommode ihrer Mutter in eine konspirative Wohnung ger\u00e4umt hatte. Oder so \u00e4hnlich, das St\u00fcck nimmt es da nicht so genau. Das Motiv mit der Kommode soll uns, vermute ich, auch eher an den realen Zusammenhang erinnern, als Anspielung auf die sogenannten &#8222;Hamburger Tanten&#8220;, Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt und eben Sigrid Sternebeck, die bei mehreren Aktionen der RAF logistische Aufgaben \u00fcbernommen haben, zum Beispiel die Einrichtung konspirativer Wohnungen.<\/p>\n<p>Von Sternebeck gibt es \u00fcbrigens dazu <a href=\"http:\/\/hosting.zkm.de\/ctrlspace\/d\/texts\/29\">einen ganz interessanten Text<\/a> zu finden, in dem sie \u00fcber einige Anforderungen an die Wohnungssuche und -einrichtung erz\u00e4hlt, vor allem \u00fcber den Aufwand, der getrieben musste, um eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Unsichtbarkeit und Unauff\u00e4lligkeit herzustellen. Vor Jahren gab es mal einen Text von Diedrich Diederichsen, eine Rezension der Erinnerungen von Peter-J\u00fcrgen Boock, in der es unter anderem auch um die Paradoxie ging, dass gerade die vehementesten Gegner der deutschen Nachkriegsgesellschaft deren Rituale so detailliert wie m\u00f6glich zu kopieren versuchten, um mit ihrer Mimikri nicht aufzufallen. Oder wie Sternebeck schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Der Flur hinter der Wohnungst\u00fcr musste Seriosit\u00e4t ausstrahlen. Garderobe, Spiegel L\u00e4ufer, ein Regenschirm, dazu ein kleines Bild oder Poster f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Touch &#8211; fertig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie wollten Revolution\u00e4re sein, und dazu mussten sie Spie\u00dfer werden: Das war wohl die paradoxeste Seite der RAF, und man kommt ihr in Sigrids Monolog ein bisschen n\u00e4her. Auch wenn da vielleicht ein bisschen viele Motive auf einmal angespielt werden, aber Gespr\u00e4che im Wartezimmer m\u00e4andern ja auch oft vom Nachbarschaftsklatsch in die Weltgeschichte. Grote und Regisseur Stefan Kraft haben den Text klugerweise auch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig belastet, sondern in eine kleine musikalische Fuge umgestaltet, in der Grote mit drei (nicht immer klar abgegrenzten) Stimmen spricht, sich selber zitiert, Textpassagen wiederholt und variier, und aus dem man unter anderem mitnehmen kann, dass es selbst in der Resignation keinen Grund gibt, nicht aufzustehen und trotzig <em>Bella Ciao<\/em> zu singen.<\/p>\n<p>Das passt schon ganz gut in das Ambiente dieser Praxis mit dem Charme eines Einwohnermeldeamtes. Danach kommt man dann raus und steht auf der Hauptstra\u00dfe in Weidenpesch. Auch so ein Viertel, mit dem die Zeit eher unbarmherzig umgegangen ist. Hier und da sind ein paar Sch\u00f6nheitsreparaturen durchgef\u00fchrt worden, aber um alle Narben und Schorfwunden auszukurieren, m\u00fcsste man die ganze Ecke hier mal in die Kur schicken. Was nichts am Fatalismus der Einwohner \u00e4ndert.<\/p>\n<blockquote><p>Gott hat geholfen<br \/>\nGott hilft weiter<\/p><\/blockquote>\n<p>steht \u00fcber einem der H\u00e4user, und in einer K\u00fcche brennt noch Licht. Und das bringt einen auf den Gedanken, dass die Geschichte von Sigrids Generation vielleicht in den Wartezimmern enden wird. Aber ihre entscheidenden Kapitel haben sich dann doch wohl eher in den K\u00fcchen der Studenten-WGs zugetragen. Aber das kann man auch schon bei Sigrid Sternebeck nachlesen:<\/p>\n<blockquote><p>In einer perfekt ausgestatteten K\u00fcche zu agieren, war auch mal sch\u00f6n. Illegale wollen schon mal was Selbstgekochtes essen.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ceci n&#8217;est pas un Programmheft Es gibt wohl kaum jemand, der das Sitzen im Wartezimmer nicht als Zeitverschwendung empfindet. 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