{"id":529,"date":"2006-11-30T12:50:58","date_gmt":"2006-11-30T09:50:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=529"},"modified":"2006-11-30T12:50:58","modified_gmt":"2006-11-30T09:50:58","slug":"import-received","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/11\/30\/import-received\/","title":{"rendered":"Import Received"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/116\/309742379_d89139d56d_m.jpg\" alt=\"MacBook Pro\" \/><\/p>\n<p>Ich hab es. Mein neues MacBook. Gestern kam es an, und jetzt steht es auf dem Sideboard, iPod eingest\u00f6pselt, und ich lasse es mit dem Mozart-Requiem warmlaufen: &#8222;Ad te omnis caro veniet&#8220;, so baut man sich einen Privataltar des Konsumerismus. Bei diesem schlichten Design k\u00f6nnte man ohnehin meinen, das sympathetische <em>Modell<\/em> eines Computers vor sich zu haben, und nicht den Computer selbst. So was \u00c4hnliches wie bei den selbstgeschnitzten Kopfh\u00f6rern des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cargo-Kult\">Cargo-Kults<\/a> in Melanesien.<\/p>\n<p>Auch das slickste Design braucht jemanden, der es zusammenschraubt. Mein MacBook war vor einer Woche noch in Shanghai, das wei\u00df ich vom Tracking-Service des Spediteurs, der es hergebracht hat.<!--more--> &#8222;Consignment Received At Transit Point&#8220;, ist der erste Eintrag dort, am 22. November, um 13:45 in Shanghai. Vermutlich war das MacBook vorher sogar noch etwas weiter westlich, in <a href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?q=31.316667,120.6&#038;ie=UTF8&#038;z=12&#038;ll=31.316688,120.600014&#038;spn=0.120547,0.346069&#038;t=k&#038;om=1&#038;iwloc=addr\" >Suzhou<\/a>. Suzhou, das ist eine der Boomtowns im <a href=\"http:\/\/www.suzhou.gov.cn\/English\/index.shtml\">Jangtse-Becken<\/a>. Sechs Millionen Einwohner. Unter den sechs Millionen jemand, der mein MacBook zusammengeschraubt hat, noch jemand, der es zwischen die Styropor-Platten gepackt und in den Pappkarton geschoben hat, und irgendwie ist es dann ja auch noch zum Transit Point gebracht worden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/wowstanley\/78898462\/\"><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/36\/78898462_5537b825d5_m_d.jpg\" alt=\"Suzhou\" \/><font size=1>Foto: ?stanley<\/font><\/a>Die Reisef\u00fchrer loben Sunzhou: Stadt der G\u00e4rten, Venedig des Ostens, die Altstadt von Kan\u00e4len durchzogen. Wenn man bei Flickr <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/search\/?q=Suzhou&#038;w=all&#038;s=int\">ein bisschen st\u00f6bert<\/a>, findet man einige sch\u00f6ne Bilder von den G\u00e4rten, den Parks, den Kan\u00e4len, auch von den neuen Hochh\u00e4usern. Viele der alten Bauwerke verschwinden aber zur Zeit in der Bau- und Spekulationswelle, die der wirtschaftliche Aufschwung gebracht hat, und machen Platz f\u00fcr Wolkenkratzer, wie dem <a href=\"http:\/\/www.skyscrapers.cn\/city\/asia\/cn\/suzhou\/suzhou_skyscrapers_Gate_of_the_Orient.htm\">Tor des Ostens<\/a>, das n\u00e4chstes Jahr fertig gestellt und 278 Meter hoch sein soll. Es sieht ein bi\u00dfchen aus wie angetrunkene Twin Tower, die nach einer durchzechten Nacht nicht mehr so gut auf den Beinen stehen und sich aneinander festklammern m\u00fcssen. Oder wie das Monster aus einem ganz schlechten Horrorfilm namens &#8222;Die R\u00fcckkehr der Todesjeans&#8220;. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/105\/309742377_1428ac38c5_m.jpg\" alt=\"MacBook Pro\" \/><br \/>\nWie wohnt und arbeitet es sich in so einer Boomtown zwischen lauschigen Kan\u00e4len und Todesjeans? Ich lese aber noch ein bi\u00dfchen weiter, zum Beispiel in der Wikipedia, wo unter anderem steht, dass die Altstadt kaum noch bewohnt sein soll, weil alle in die neuen Viertel in den Au\u00dfenbezirken ziehen.<\/p>\n<p>Interessant ist, dass der Boom mitgetragen wird von Unternehmern, die urspr\u00fcnglich aus Taiwan stammen. Bei allem S\u00e4belrasseln und Theaterdonner, das zwischen Festland und Insel gelegentlich stattfindet, gibt es schon l\u00e4ngst eine Diplomatie der Spekulanten, die von den g\u00fcnstigen L\u00f6hnen auf dem Festland profitieren wollen. Quanta hei\u00dft ein solches Unternehmen, Foxconn ist ein anderes. Beide sind Vertragspartner von Apple, sie bauen iPods, MacMinis und manchmal auch MacBooks.<\/p>\n<p>Das geht nicht immer sauber ab, muss man vermuten. Foxconn bekam vor ein paar Monaten einige schlechte Presse: Die Arbeitsbedingungen seien unzumutbar, hie\u00df es in einer chinesischen Zeitung. Bei Foxconn verstand man da keinen Spa\u00df, verlangte 3,7 Millionen Dollar Entsch\u00e4digung und lie\u00df sogar per Gerichtsbeschlu\u00df die Konten der verantwortlichen Journalisten einfrieren. Kritische Presse hat es in China nicht eben leicht, aber in diesem Fall gab es doch genug \u00f6ffentlichen Druck, und mittlerweile ist man wieder ein gutes St\u00fcck zur\u00fcckgerudert. Auch Apple bekam ein paar Schrammen ab: Es ist eben eines, <em>Codes of Conduct<\/em> herauszugeben, und ein anderes, deren Umsetzung nachzupr\u00fcfen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/109\/309742387_8fb44fd47c_m.jpg\" alt=\"MacBook Pro\" \/><br \/>\nWas aus den Journalisten geworden ist, wei\u00df ich nicht. Auch nicht, wie die Arbeit in den Fabriken von Suzhou zur Zeit aussieht. Nicht ausgeschlossen, dass die Arbeitsbedingungen im Moment wieder auf einem Sweatshop-Niveau angekommen sind. Es geht auf Weihnachten zu, die europ\u00e4ische und amerikanische Kundschaft will ihre Gadgets haben, in Blogs und Foren wird schon kr\u00e4ftig gequengelt \u00fcber lange Lieferzeiten, und ich bin nicht der einzige, der die spartanische Lyrik des Tracking-Logs ausdeutet, als w\u00e4ren es tiefsinnige, konfuzianische Spruchweisheiten: &#8222;Shipped From Originating Depot&#8220;, &#8222;Potential Connection Delay&#8220;, &#8222;Import Received&#8220;.<\/p>\n<p>Aber so eilig habe ich es doch eigentlich nicht. Man k\u00f6nnte doch auch mal so einen kleinen Button einrichten, mit dem man in China anrufen k\u00f6nnte, um auszurichten, dass es doch gar nicht so dringend ist. W\u00e4r doch nett, wenn man zwischendurch auch ein paar freundliche Dinge mitteilen k\u00f6nnte. Sch\u00f6ne Gr\u00fcsse, n\u00e4chste Woche habe ich eh nicht so viel Zeit, auf das Paket zu warten, als trinkt ruhig noch ein bisschen Tee, und geht die sch\u00f6nen G\u00e4rten angucken, das passt schon.<\/p>\n<p>Oder man k\u00f6nnte nett gr\u00fcssen und sagen, dass es dann doch sehr fix ging, schneller als erwartet, danke vielmals, und noch mal sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe. Was ich habe, ist dieses schnelle Ding hier, und ich fliege \u00fcber Satellitenbilder von Suzhou, drehe, wende und kippe ganze Stadtviertel, dass die Wolkenkratzer wackeln. Was die Leute in Suzhou haben, ist hoffentlich ein ordentlicher Feierabend. Und Zeit f\u00fcr die G\u00e4rten. Import Received.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/116\/309742382_5c5296e397_m.jpg\" alt=\"MacBook Pro\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hab es. Mein neues MacBook. 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