{"id":555,"date":"2007-01-24T14:01:43","date_gmt":"2007-01-24T11:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=555"},"modified":"2007-01-24T14:22:04","modified_gmt":"2007-01-24T11:22:04","slug":"strandrauber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/01\/24\/strandrauber\/","title":{"rendered":"Strandr\u00e4uber"},"content":{"rendered":"<p>Es ist immer seltsam, wenn Orte, die man kennt, in den Nachrichten auftauchen. Branscombe ist ein englisches Idyll, zumindest im Sommer: Sanfte, gr\u00fcne H\u00fcgel. Reetgedeckte H\u00e4uschen. Eine trutzige Kirche mit halb verwitterten Grabsteinen ringsum. Vor anderthalb Jahren war ich ein paar Mal dort, in dem schmalen Tal, dem man gar nicht anmerkt, dass es an der K\u00fcste liegt: Es l\u00e4uft fast parallell zum Strand und \u00f6ffnet sich erst ganz am Ende zum Strand hin. Die M\u00fcndung des Fl\u00fcsschens ist ein beliebtes Ausflugsziel, zwischen den Klippen der Steilk\u00fcste hat sich eine kleine Furt eingegraben, es gibt ein Lokal mit Biergarten, ein paar Schritte weiter ist ein Campingplatz, auf dem viele dieser gro\u00dfen englischen Caravans stehen, viel zu gro\u00df, um sie durch die schmalen Str\u00e4\u00dfchen in S\u00fcdengland zu transportieren (weswegen die meisten auch dauerhaft hier stehen und im Notfall eher verkauft als woandershin transportiert werden).<!--more--><\/p>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/www.southwestcoastpath.com\/\">South West Coast Path<\/a> kommt hier vorbei und durchquert einige seiner spektakul\u00e4rsten Abschnitte: Wei\u00dfe Kalkfelsen haben sich zwischen die ansonsten tiefroten Klippen der S\u00fcdk\u00fcste geschoben, von der Landspitze des <em>Beer Head<\/em> kann man bis zum Dartmoor und zur Isle of Portland sehen, und im Gebiet <em>Under Hooken<\/em>, direkt am Campingplatz, schl\u00e4ngelt sich der Pfad durch dichtes und wild wucherndes Gestr\u00fcpp, dass sich auf dem Abraum eines riesigen Feldbruches angesiedelt hat.<\/p>\n<p>Die ganze Szenerie wirkt derma\u00dfen bilderbuchsch\u00f6n, dass man Branscombe auch f\u00fcr eine Inszenierung halten k\u00f6nnte, einen <em>theme park<\/em> englischer Dorfromantik. Was auch nicht ganz verkehrt ist: Man lebt hier ganz gut vom Tourismus, die Idylle wird s\u00e4uberlich gepflegt, viele H\u00e4uschen sind mit \u00f6ffentlichen Geldern hergerichtet und museal aufgeputzt worden, bei Wettbewerben \u00e0 la &#8222;Unser Dorf soll sch\u00f6ner werden&#8220; hat Branscombe diverse Auszeichnungen gewonnen, glaubt man den Brosch\u00fcren des Fremdenverkehrs. Damit man vom Tourismus noch ein bi\u00dfchen besser leben kann, hat man in der ganzen Region die Inszenierung noch eine Stufe weitergedreht und sich einen schicken Namen gegeben &#8211; <a href=\"http:\/\/www.jurassiccoast.com\/\">Jurassic Coast<\/a> &#8211; und ist sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe erkl\u00e4rt worden, weil man an den Klippen wie in einem (tja) Bilderbuch verschiedene Phasen der Erdgeschichte betrachten kann (und nat\u00fcrlich nicht nur den Jura).<\/p>\n<p>Zumindest lebt man von den Fremden besser als von den m\u00fchseligen Gesch\u00e4ftszweigen fr\u00fcherer Zeiten, zu denen neben der Landwirtschaft vor allem auch Schmuggel und Piraterie geh\u00f6rten. Und dann gab es da nat\u00fcrlich noch das Strandgut, dass nach St\u00fcrmen unter den Steilfelsen angesp\u00fclt wurde. Damit die Ernte m\u00f6glichst reichhaltig wurde, half man noch nach, in dem man auf den Steilfelsen falsche Feuerzeichen setzte und die Schiffer in die Irre f\u00fchrte. Das war eine Familienangelegenheit: Frauen machten die Feuer, die Kinder standen Schmiere im Hinterlandund leisteten Spitzeldienste, und die M\u00e4nner fuhren mit den Booten raus, wenn tats\u00e4chlich ein Schiff auf Grund gelaufen war.<\/p>\n<p>An vielen Namen von Felsen oder Klippen kann man noch erkennen, dass es sich um recht dauerhafte Wirtschaftszweige gehandelt haben muss: Brandy Head, Coal Point. Im benachbarten Beer waren die Schmuggel- und Piratenclans so tief verwurzelt in der Dorfgesellschaft, dass sich die Staatsgewalt bis weit ins 19. Jahrhundert nur selten zu Razzien vorbeitraute. (Was den k\u00f6niglichen Hof, insbesondere Queen Victoria, nicht davon abhielt, ein besonderes Faible f\u00fcr <em>beer lace<\/em> zu entwickeln, die Spitzendeckchen und -t\u00fccher, an denen die Einwohnerinnen von Beer kl\u00f6ppelten, vielleicht auch, wenn sie grade oben auf den Klippen das Feuer bewachten.)<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich alles in die Folklore dieser Gegend eingesunken, und in der Regel wird es nur noch f\u00fcr die Touristen aufbereitet. Aber vor ein paar Tagen ist Kyrill auch \u00fcber die <em>Jurassic Coast<\/em> hinweggezogen, ein Frachtschiff ist dadurch in Seenot geraten und mu\u00dfte in die N\u00e4he der K\u00fcste geschleppt werden. Das Schiff hei\u00dft <em>MSC Napoli<\/em>, und das passt nat\u00fcrlich irgendwie in eine Landschaft, wo es auch eine lange Tradition flexibler Auslegung von Recht und Gesetz gibt. Ein Teil der Ladung kippte ins Wasser und trieb an Land, und jetzt kann man auf einmal <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/leonneal\/sets\/72157594491650208\/\">Bilder sehen<\/a>, die wie ein <a href=\"http:\/\/www.dailymail.co.uk\/pages\/live\/articles\/news\/news.html?in_article_id=430961&#038;in_page_id=1770\">Update der alten Piratengeschichten<\/a> wirken: Eine Dutzendschaft von Leuten macht sich \u00fcber die Kisten und K\u00e4sten her und nimmt mit, was mitzunehmen ist.<\/p>\n<p>Und mitzunehmen gibt es einiges: Weinf\u00e4sser, Autoersatzteile, fabrikneue BMW-Motorr\u00e4der, m\u00f6glicherweise allerdings auch hochgiftige Chemikalien. Die Polizei stand weitgehend tatenlos danehmen: F\u00fcr die Motorr\u00e4der zum Beispiel konnten einige der Pl\u00fcnderer Papiere vorweisen &#8211; wo immer sie die auch herhatten, aber wie gesagt, man hat da ja Erfahrung im Organisieren solcher Aktionen. Mittlerweile ist <a href=\"http:\/\/www.southwestcoastpath.com\/main\/useful_info\/NewsEnlargement.cfm?a_id=55\">der K\u00fcstenabschnitt<\/a> wohl gesperrt worden, was aber nicht viel bringen wird: Es gibt genug Schleichwege aus dem Hinterland, um an die entscheidenden Stellen zu kommen. Der <em>Spiegel<\/em> hat aus der <em>Daily Mail<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/0,1518,461702,00.html\">Liste von Fundst\u00fccken<\/a>, die mittlerweile bei Ebay aufgetaucht sind. (F\u00fcr die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/0,1518,461302,00.html\">anderswo aufgestellte<\/a> Behauptung, auch ein Traktor sei angesp\u00fclt worden, hat der <em>Spiegel<\/em> allerdings <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/leonneal\/365830479\/\">wohl bei diesem Bild<\/a> nicht genau hingeguckt: Da ist nur ein Spielzeugtraktor zu sehen.)<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen wird sich die ganze Geschichte wieder beruhigen, und die Gefahr einer Naturkatastrophe scheint wenigstens weitgehend abgewendet worden zu sein (wenn auch <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/leonneal\/366324889\/in\/photostream\/\">leider nicht ganz<\/a>). Ich werde in diesem Jahr vermutlich auch wieder da in der N\u00e4he vorbei kommen. Und dann gibt es ein paar Geschichten mehr zu erz\u00e4hlen, \u00fcber die Schmuggler, die Pl\u00fcnderer und die Piraten von Devon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist immer seltsam, wenn Orte, die man kennt, in den Nachrichten auftauchen. Branscombe ist ein englisches Idyll, zumindest im Sommer: Sanfte, gr\u00fcne H\u00fcgel. Reetgedeckte H\u00e4uschen. Eine trutzige Kirche mit halb verwitterten Grabsteinen ringsum. 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