{"id":557,"date":"2011-03-10T19:58:15","date_gmt":"2011-03-10T16:58:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=557"},"modified":"2011-03-10T19:58:15","modified_gmt":"2011-03-10T16:58:15","slug":"eine-reise-in-polen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/03\/10\/eine-reise-in-polen\/","title":{"rendered":"Eine Reise in Polen"},"content":{"rendered":"<p>So beginnt eine Reise:<\/p>\n<blockquote><p>Im langen Eisenbahnwagen schaukle ich \u00fcber die Schienen. Der Zug ist wie ein Pfeil von Berlin losgelassen. Der Schienenstrang ist unendlich. Nun schie\u00dfe ich, schaukle mit Holz- und Eisenwerk, in einer gurgelnden R\u00f6hre, in die Nacht hinein.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber dann:<\/p>\n<blockquote><p>Ich \u2013 bin nicht da. Ich \u2013 bin nicht im Zug. Wir prasseln \u00fcber Br\u00fccken. Ich \u2013 bin nicht mitgeflogen. Noch nicht. Ich stehe noch am Schlesischen Bahnhof.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da verreist einer, der, so scheint es, gar nicht wirklich unterwegs sein m\u00f6chte. &#8222;Ich bin gefangen. Der Zug tr\u00e4gt mich fort&#8220;, schreibt er, und seine Gedanken kommen kaum hinterher: &#8222;Ich denke an meine Absichten. Aber es sind jetzt nicht meine Absichten, ich erkenne sie nicht.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p>Alfred D\u00f6blin ist der Name des Mannes, der da &#8222;auf dem gr\u00fcnen Polster, zwischen Lederkoffern, Handtaschen, Plaids, M\u00e4nteln, Schirmen&#8220; sitzt. D\u00f6blin, der sich nur selten, ohne es zu m\u00fcssen, aus Berlin fortbewegte, hat sich ausnahmsweise auf eine lange Reise begeben. Gut zwei Monate wird er in Polen verbringen und dar\u00fcber ein Buch schreiben, <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3423128194\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3423128194\">Reise in Polen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3423128194\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>. Es ist das Jahr 1924, was wir aus dem Text selbst allerdings ebenso wenig erfahren wie den Anlass der Reise. Erst 25 Jahre sp\u00e4ter wird er in seiner Autobiographie, die sinnigerweise <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3423122250\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3423122250\">Schicksalsreise<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3423122250\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> hei\u00dft, erz\u00e4hlen, was ihn ins \u00f6stliche Nachbarland brachte.<\/p>\n<p>In Berlin kam es &#8222;in der ersten H\u00e4lfte der zwanziger Jahre [zu] pogromartigen Vorg\u00e4ngen, im Osten der Stadt, in der Gollnowstra\u00dfe und Umgebung&#8220;, und &#8222;der Nazismus [stie\u00df] seinen ersten Schrei aus&#8220;. Im November 1923 hatte ein aufgehetzter Mob durch die Stra\u00dfen des Scheunenviertels randaliert und j\u00fcdische Passanten (oder wer nach Meinung des Mobs danach aussah) angegriffen und misshandelt. Ereignisse, die zeigten, dass Antisemitismus kein sterbendes Ph\u00e4nomen war, das sich mit fortschreitender Assimilierung der Juden von selbst erledigen w\u00fcrde (wie D\u00f6blin selbst noch im <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3423024267\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3423024267\">Deutschen Maskenball<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3423024267\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> gehofft hatte).<\/p>\n<p>Das Novemberprogrom war f\u00fcr ihn Anlass, sich ausf\u00fchrlicher mit der elterlichen Religion auseinander zu setzen als er es bisher getan hatte: &#8222;Ich fand, ich m\u00fc\u00dfte mich einmal \u00fcber die Juden orientieren&#8220;. Aber in seinem Umfeld scheint es niemanden zu geben, der ihm dabei eine Hilfe sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<blockquote><p>Ich konnte meine Bekannten, die sich Juden nannten, nicht Juden nennen. Sie waren es dem Glauben nach nicht, ihrer Sprache nach nicht, sie waren vielleicht Reste eines untergegangenen Volkes, die l\u00e4ngst in die neue Umgebung eingegangen waren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Prozess der Assimilation, auf den D\u00f6blin zuvor noch gesetzt hatte, erweist sich ihm jetzt als durchaus ambivalenter Prozess: Die &#8222;neue Umgebung&#8220; ist ein fragiles Zuhause, das nicht vor Ausgrenzungen und Ausschreitungen sch\u00fctzt. Aber die Identifikation mit der Rolle, die einem nominell zugewiesen wird, gelingt auch nicht mehr, weil daf\u00fcr nur noch &#8222;Reste&#8220; zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich fragte also mich und fragte andere: Wo gibt es Juden? Man sagte mir: In Polen. Ich bin darauf nach Polen gefahren.&#8220; Die Reise, zu der D\u00f6blin aufbricht, ist eine Art anthropologische Exkursion in eigener Sache. In keinem Land Europas leben damals so viele Juden wie in Polen: Sie machen etwa zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung aus, in manchen St\u00e4dten sogar gut ein Drittel. Warschau ist nach New York die Stadt mit den meisten j\u00fcdischen Einwohnern. In Polen hat sich ein \u00fcberaus reichhaltiges j\u00fcdisches Leben entwickelt, aufgef\u00e4chert in unz\u00e4hlige geistige, religi\u00f6se und kulturelle Richtungen. Aus der Distanz hat D\u00f6blin diese Vielfalt schon bewundert: Im Fr\u00fchjahr 1924 schw\u00e4rmt er in einem Vortrag \u00fcber <em>Zionismus und westliche Kultur<\/em> gar vom Ideal einer &#8222;j\u00fcdischen Ostrepublik&#8220;, da Pal\u00e4stina &#8222;unpraktisch f\u00fcr die L\u00f6sung der ganzen Judenfrage&#8220; sei.<\/p>\n<p>So f\u00e4hrt er nach Polen, um sich vor Ort einmal umzuschauen. Aber es ist eine schwierige Reise, und er kommt, merkt man, in den St\u00e4dten, die er besucht, nie richtig an. In den j\u00fcdischen Gemeinden, die er besucht, begegnet man ihm eher distanziert, bisweilen gar mi\u00dftrauisch und feindselig. Die Sprachbarriere macht es ihm schwierig, Kontakte zu kn\u00fcpfen, und es ist bezeichnend, das die meisten Gespr\u00e4chspartner, die er zitiert, anonym bleiben. &#8222;Wie gerne w\u00fcrde ich mehr Polnisches, mehr Litauisches, mehr Russisches sehen&#8220;, klagt er in Wilna. &#8222;Aber die Sprache behindert mich. Und man f\u00fchrt mich wenig. Au\u00dferhalb Warschaus werde ich so schlecht beh\u00fctet.&#8220; Und ihm &#8222;f\u00e4llt ein, es w\u00e4re ein Fortschritt, wenn man vereinbarte: in allen L\u00e4ndern lehren die Schulen als zweite Sprache neben der Landessprache ein und dieselbe: \u00fcberall Englisch, Esperanto, oder was man will&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist der Besuch in einem jungen Land, das selbst auf der Suche nach seiner Identit\u00e4t ist: Erst seit 1918 ist Polen wieder ein eigenst\u00e4ndiger Staat, ein wiederauferstandener Ph\u00f6nix, der noch auf wackligen Beinen steht und seine Rolle nach innen und au\u00dfen definieren muss. D\u00f6blin staunt \u00fcber das &#8222;ungeheure organisatorische Werk von ma\u00dfloser Schwierigkeit&#8220;, das der junge Staat zu leisten habe, und beobachtet &#8222;eine stolze Freude, das Werk zu bew\u00e4ltigen. Eine Freude, die ich heftig mitf\u00fchle&#8220;. Andererseits bemerkt er auch die Widerspr\u00fcchlichkeiten, Inkonsequenzen und Nervosit\u00e4ten, die dieser Prozess an den Tag bringt. Lange genug haben sich die Polen als das Schmerzensvolk Europas gef\u00fchlt, als unterdr\u00fcckte Minderheiten in den L\u00e4ndern, auf die sie verteilt waren &#8211; jetzt haben sie einen Staat bekommen, in dem es seinerseits Minorit\u00e4ten gibt, die auf ihre Selbstbestimmungsrechte pochen. Es ist die Geschichte aller revolution\u00e4ren Prozesse: Wenn das Ideal zur Realit\u00e4t geworden ist, kommen im Alltag eben auch &#8222;alle Attribute eines gew\u00f6hnlichen Lebewesens&#8220; zum Vorschein &#8211; auch der &#8222;f\u00fcrchterlicher Appetit des Hungrigen und die Gedankenlosigkeit, die zu Dyspepsie und Durchf\u00e4llen f\u00fchrt&#8220;.<\/p>\n<p>Ein exemplarischer Streit wird beispielsweise um den Aufbau einer ukrainischen Universit\u00e4t gef\u00fchrt: Der polnische Staat will sie den Ukrainern durchaus zugestehen, aber gerade nicht in Lemberg, wo das geistige Zentrum der polnischen Ukraine liegt, sondern lieber weiter weg in Krakau, weil dort die Gefahr einer Fraternisierung mit lokalen Nationalisten nicht so gro\u00df sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>1922, zwei Jahre vor D\u00f6blins Reise, wurde der erste frei gew\u00e4hlte polnische Staatspr\u00e4sident Gabriel Narutowicz auf dem Weg zur Vereidigung von einem Attent\u00e4ter erschossen. Nationalistische Kreise hatten Narutowicz ins Visier genommen, weil er zu seiner Wahl auch die Stimmen von nichtpolnischen Abgeordneten in Anspruch nahm. &#8222;Es war eine Antwort auf die Frage: wer in Polen herrschen soll, eine Staatsnation oder ein Konnubium von V\u00f6lkern. Der Schu\u00df entschied f\u00fcr die Staatsnation&#8220;, sagt D\u00f6blin.<\/p>\n<blockquote><p>[Polen] ist ein Jahrhundert unterjocht gewesen. Das Gef\u00fchl der Zusammengeh\u00f6rigkeit hat es erhalten. Jetzt zeigt es \u2013 trotz allem wie verst\u00e4ndlich \u2013 eine \u00dcberempfindlichkeit im Nationalen. Es ist v\u00f6llig wie ein Mensch der einen Unfall erlitten hat und unter einer Schreckneurose steht. Aber gerade Polen, von Minorit\u00e4ten, Wirtschaftselend, starken Nachbarn bedr\u00e4ngt, mu\u00df, um stabil zu werden, zu klugen und modernen L\u00f6sungen kommen. Es wird nicht anders stabil.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein erster Schritt zu einer modernen L\u00f6sung w\u00e4re, den Staat nicht zu wichtig zu nehmen, vor allem nicht als Verk\u00f6rperung eines Volkswillens oder einer Nationalit\u00e4t:<\/p>\n<blockquote><p>Der Staatsbegriff von heute ist zu erweichen. Zu banalisieren. Die Grenzen selber eine Tyrannenmacht. [&#8230;] Das Leben der V\u00f6lker hat in dieser Epoche l\u00e4ngst die politischen Grenzen \u00fcberlagert. Der alte Staat steht noch dazwischen, dick, selbstgef\u00e4llig und bewundert, ein abgelebter Mammut, ein tr\u00e4ger Ichthyosaurus, den die Gehirne von heute beseitigen m\u00fcssen. Aber dringender ist der Einzelmensch, das Ich, anzurufen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Geschichte der Moderne ist f\u00fcr D\u00f6blin vor allem die einer zerst\u00f6rerischen Dynamik, allerdings nicht nur im negativen Sinne: Alte, \u00fcberlebte Ordnungen sind zusammengebrochen und verschwunden. Dadurch sind Freir\u00e4ume entstanden, aber diese mit neuen Formen und Strukturen zu f\u00fcllen, ist eine langwierige Aufgabe:<\/p>\n<blockquote><p>Man wird noch lange schreien \u00fcber Materialismus. In ihm ist Leere; wer sieht es nicht. Aber in dieser Leere k\u00fcndigt sich die Zukunft an; darum mag ich das romantische Geschrei nicht. Man wird das Unkraut zur Zeit unter die F\u00fc\u00dfe bekommen und zertreten. Viel l\u00e4nger braucht das neue Denken, um Erkenntnis und Gef\u00fchl zu werden, als um Maschine zu werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das &#8222;neue Denken&#8220; muss, wenn es mehr als eine zerst\u00f6rerische Maschine sein soll, an die Essenz menschlicher Existenz gebunden sein. Worin die besteht, erschlie\u00dft sich D\u00f6blin in der Betrachtung des gekreuzigten Jesus in der Marienkirche von Krakau:<\/p>\n<blockquote><p>Leid ist in der Welt, Schmerz, menschlich-tierisches ringendes Gef\u00fchl ist in der Welt. Das ist der tote Mann oben, Christus. Seine Wunden, seine Hinrichtung, seine durchbohrten Knochen. Entsetzen geht von ihm aus. [&#8230;] Schrecklich: und das ist \u00fcberall angeschrieben in den Kirchen, das Geheimnis so offen, alle k\u00f6nnen es lesen. Man mu\u00df Buntheit, Sch\u00f6nheit herum tun, um es zu ertragen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das bunte, vielf\u00e4ltige, widerspr\u00fcchliche j\u00fcdische Leben, das er in Polen betrachtet, scheint ihm wesentlicher von dieser Essenz durchdrungen zu sein als die politischen und materiellen Ambitionen seiner j\u00fcdischen Landsleute in Deutschland. Gerade weil den Juden \u00fcber Jahrhunderte ein eigener Staat versagt blieb, haben sie ihr Selbstverst\u00e4ndnis auf anderen Wegen formuliert, in der Religion, der Auslegung, der Mystik:<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe [dieses Volk] nicht gekannt, glaubte, das, was ich in Deutschland sah, die betriebsamen Leute w\u00e4ren die Juden, die H\u00e4ndler, die in Familiensinn schmoren und langsam verfetten, die flinken Intellektuellen, die zahllosen unsicheren ungl\u00fccklichen feinen Menschen. Ich sehe jetzt: das sind abgerissene Exemplare, degenerierende, weit weg vom Kern des Volkes, das hier lebt und sich erh\u00e4lt. [&#8230;] Was ging in diesen scheinbar kulturarmen Ostlandschaften vor. Wie flie\u00dft alles um das Geistige. Welch ungeheure Wichtigkeit mi\u00dft man dem Geistigen, Religi\u00f6sen zu. Nicht eine kleine Volksschicht, eine ganze Masse geistig gebunden. In diesem Religi\u00f6s-Geistigen ist das Volk so zentriert wie kaum ein anderes in seinem.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Assimilations- und Integrationsbem\u00fchungen der westeurop\u00e4ischen Juden erscheinen hier als eine Form der Degeneration, weil sie sich allein nach den materialistischen Ma\u00dfst\u00e4ben richten, die die kapitalistische Gesellschaft vorgibt. In Polen dagegen scheinen die Juden eine notwendige Distanz zu diesen Ma\u00dfst\u00e4ben gewahrt zu haben, einen bewussten &#8222;Verzicht auf Land und Staatlichkeit&#8220;. So sind sie zum &#8222;Volk, das den Tempel in sich tr\u00e4gt&#8220; geworden.<\/p>\n<blockquote><p>Die echtesten Juden warten schon lange nicht mehr auf den &#8222;Staat&#8220;. Man kann sich nur im Geistigen erhalten, darum mu\u00df man im Geistigen bleiben. Das Politische kann nicht das Himmlische erf\u00fcllen, Politik schafft nur Politik.<\/p><\/blockquote>\n<p>D\u00f6blin mokiert sich darum auch \u00fcber die &#8222;j\u00fcdischen Aufkl\u00e4rer&#8220;, die ihrerseits &#8222;\u00fcber die &#8218;dummen, r\u00fcckst\u00e4ndigen&#8216; Leute ihres eigenen Volks&#8220; lachen, aber nicht mehr einfordern k\u00f6nnen als politische Emanzipation.  Diese &#8222;aufgekl\u00e4rten Herren&#8220; machen auf ihn<\/p>\n<blockquote><p>den Eindruck von Negern, die mit den Glasperlen paradieren, die ihnen die Matrosen schenken, mit den schmutzigen Stulpen an ihren schlenkernden Armen, mit dem eingebeulten, funkelnagelneuen Zylinder auf dem Kopf. Wie arm, wie sch\u00e4big, unw\u00fcrdig und seellos verw\u00fcstet die westliche Welt ist, die ihnen diese Stulpen schenkt: woher sollen sie es wissen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er &#8222;schl\u00fcrft&#8220; lieber die Geschichten und &#8222;alten M\u00e4rchen&#8220; von wundert\u00e4tigen Rabbis und chassidischen Mystikern, besucht alte Synagogen und schw\u00e4rmt vom &#8222;alten Glauben einer Verbundenheit, ja Identit\u00e4t von Wort und Realit\u00e4t&#8220;, vom &#8222;Ausflu\u00df eines mystischen Gef\u00fchls&#8220;. Es scheint hier, als ob er dem polnischen Judentum eine \u00e4hnliche Rolle zuweisen wolle, wie sie die Romantik den Deutschen zusprach, indem sie das deutsche Nationalbewusstsein in der Kultur, nicht in der Politik, entfaltet sehen wollte. Aber das polnische Judentum ist f\u00fcr D\u00f6blin keine geistige Avantgarde oder dergleichen: Es ist den Juden nur gelungen, unter den besonderen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in Polen und Osteuropa eine heterogene und vielf\u00e4ltige kulturelle Substanz zu bewahren, die \u00fcber einen blo\u00dfen politischen Pragmatismus und Materialismus hinausweist. Die Zukunft der Welt, zitiert er einen &#8222;jungen jiddischen Literaten&#8220;, liege nicht in der Gr\u00fcndung eines Staates, wie der Zionismus es fordere:<\/p>\n<blockquote><p>Sie werden Soldaten, Staatsm\u00e4nner und Industriearbeiter stellen; die wird die Welt dann mehr haben. Aber Spinoza, Bergson werden sie nicht z\u00fcchten. [&#8230;] Die Welt mu\u00df aufgemenscht werden. [&#8230;] So wird auch die j\u00fcdische gro\u00dfe Schwierigkeit behoben werden. Ohne Zerst\u00f6rung der Substanz.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine tr\u00fcgerische Hoffnung: D\u00f6blins Reisebericht erz\u00e4hlt von einer untergegangenen Welt. 1939 geht die zweite polnische Republik nach dem deutschen \u00dcberfall unter. Polen mu\u00dfte ein weiteres Mal wiederauferstehen, und dabei wurde es gleich noch ein paar hundert Kilometer nach Westen verschoben. Einige der St\u00e4dte auf D\u00f6blins Route sind l\u00e4ngst nicht mehr polnisch. Wilna, Lemberg, Drohobytsch, andere sind es seither geworden, wie auch sein Geburtsort Stettin.<\/p>\n<p>Das j\u00fcdische Leben in Polen ist hingegen fast vollst\u00e4ndig vernichtet. Mit Beklemmung denkt man beim Lesen von D\u00f6blins Reisebericht daran, dass viele der Menschen, die er beobachtet &#8211; die Passanten, Gl\u00e4ubigen, Sch\u00fcler, Kaufleute, K\u00fcnstler, denen er unterwegs begegnet \u2013 vermutlich nur wenige Jahre sp\u00e4ter in deutschen Konzentrationslagern ums Leben kommen werden. Die &#8222;Aufmenschung&#8220;, die D\u00f6blin sich w\u00fcnschte, die Schaffung einer humanen Gesellschaft, in der sich religi\u00f6se und nationale Grenzen \u00fcberwinden lie\u00dfen, ging im nationalsozialistischen Terror der Entmenschung zu Grunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So beginnt eine Reise: Im langen Eisenbahnwagen schaukle ich \u00fcber die Schienen. Der Zug ist wie ein Pfeil von Berlin losgelassen. Der Schienenstrang ist unendlich. Nun schie\u00dfe ich, schaukle mit Holz- und Eisenwerk, in einer gurgelnden R\u00f6hre, in die Nacht hinein. Aber dann: Ich \u2013 bin nicht da. Ich \u2013 bin nicht im Zug. 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