{"id":559,"date":"2007-01-26T20:40:38","date_gmt":"2007-01-26T17:40:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=559"},"modified":"2007-01-26T20:40:38","modified_gmt":"2007-01-26T17:40:38","slug":"like-blogs-never-happened","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/01\/26\/like-blogs-never-happened\/","title":{"rendered":"Like Blogs never happened"},"content":{"rendered":"<p>Jochen Reinecke findet in der <em>FAZ<\/em> die Wertsch\u00e4tzung, die Blogs entgegengebracht wird, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub7F4BEE0E0C39429A8565089709B70C44\/Doc~E952C5F07445E45EB9B4E0EA8A811D7A5~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">stark \u00fcbertrieben<\/a>.<\/p>\n<blockquote><p>Fr\u00fcher hie\u00df es beim bunten Abend gern \u201eJekami\u201c. Das Grundprinzip ist dasselbe geblieben: Jeder kann mitmachen. Nur organisiert sich das Ganze jetzt weltweit in Internet-Tageb\u00fcchern, so genannten Weblogs. Dabei geht es zu wie in der Punkmusik: Jeder, der vor zwanzig Jahren eine Gitarre halten konnte, ansonsten aber v\u00f6llig unmusikalisch war, hatte zumindest theoretisch die Chance, ber\u00fchmt zu werden. Genauso kann heute jeder, der einen Computer und einen Internetzugang besitzt, Texte halbwegs professionell layouten und publizieren. Was die Texte taugen, steht auf einem anderen Blatt.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>G\u00e4hn. Mal abgesehen davon, dass da jemand Punk wohl nicht wirklich verstanden hat, sondern nur ein angegammeltes Klischee abgreift: Ich w\u00e4re da an seiner Stelle vorsichtig mit dem Vergleich zu Punk. Denn wenn man den mal ein bi\u00dfchen weiterdenkt, k\u00f6nnte man auf die Idee kommen, dass es da doch vielleicht mehr Parallellen gibt, als der Medienindustrie lieb sein kann.<\/p>\n<p>Soviel stimmt ja: Der Do-It-Yourself-Aspekt ist etwas, das Punks und Blogs gemeinsam haben. Man k\u00f6nnte noch anderes nennen, vor allem, dass es darauf hinauslief, Vorgaben und Strukturen der etablierten Medien nicht einfach so hinzunehmen, sondern eigene aufzubauen, mit unabh\u00e4ngigen Labels und Vertrieben, mit Netzwerken von Bands und Clubs, und nicht zuletzt mit den zahllosen Fanzines, die r\u00fcckblickend betrachtet ja auch was von gedruckten Blogs haben.<\/p>\n<p>Klar, Fanzines, unabh\u00e4ngige Labels und so was gab es nicht erst im Punk. Sicher, bei den wenigsten Fanzines reichte der Radius \u00fcber den Copyshop hinaus, in dem sie hergestellt wurden. Aber Punk hat dazu beigetragen, solche Aktivit\u00e4ten aufzuwerten und mit einer Haltung zu versehen und fest im popkulturellen Bewu\u00dftsein zu verankern.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte ja mal dar\u00fcber nachdenken, ob es der Musikindustrie nicht vielleicht auch deswegen so schlecht geht, weil sie nicht kapiert hat, wie sie mit Entwicklungen, die durch Punk angesto\u00dfen, zugespitzt oder beschleunigt wurden, umgehen soll. Sondern stattdessen hinnehmen musste, dass andere Bewegungen kamen (HipHop, Techno, was auch immer), die daran ankn\u00fcpfen und eigene Haltungen entwickeln konnten. Das hat zumindest dazu gef\u00fchrt, dass es f\u00fcr die Musikindustrie nicht mehr so einfach ist, die Existenzberechtigung der Branche zu erkl\u00e4ren und zwischen Fischzug und Kriegszug zu einer klaren Strategie zu finden. Es gibt noch einen Mainstream, aber er hat nicht mehr die gleiche integrative Wucht.<\/p>\n<p>Insofern ist es albern, die Irrelevanz von Blogs mit der geringen Zahl der Leser belegen zu wollen. Ein Blog mit zwei Lesern w\u00e4re kein Problem. Ein paar Millionen davon schon eher: Weil das m\u00f6glicherweise auch ein paar Millionen Leser sind, die keine Lust oder kein Interesse mehr daran haben, sich die Welt durch die Zeitung erkl\u00e4ren zu lassen. Die Frage ist also eher, ob das Aufkommen der Blogs f\u00fcr eine Dynamik steht, die sich die Medienh\u00e4user schon mal genauer angucken m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Solche Entwicklungen haben in der Regel einen l\u00e4ngeren Atem als Feuilletonredakteure, die sich naser\u00fcmpfend auf ihr &#8222;breites Allgemeinwissen, professionelle Recherche, ein gewisses Arbeitsethos&#8220; berufen. Wie&#8217;s um die &#8222;professionelle Recherche&#8220; gelegentlich bestellt ist, konnte man lustigerweise an der <a href=\"http:\/\/wirres.net\/article\/articleview\/4186\/1\/6\/\">Bebilderung dieses Artikels<\/a> ganz gut beobachten. Und was journalistisches Allgemeinwissen und Arbeitsethos angeht: Da leidet die Sparte nicht erst seit den Zeiten der <a href=\"http:\/\/corpus1.aac.ac.at\/fackel\/\">Fackel<\/a> an ma\u00dfloser Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Es mag sein, dass es rund um die Blogosph\u00e4re einige Ph\u00e4nomene gibt, die man kritisch betrachten muss. Aber wenn es darum geht, festzustellen, wie &#8222;relevant&#8220; oder &#8222;folgenreich&#8220; das alles ist: W\u00e4re es da nicht spannender, mal genauer nachzufragen, wof\u00fcr Blogs eigentlich genau stehen, statt naser\u00fcmpfend \u00fcber &#8222;Krawallblogger&#8220; zu l\u00e4stern und das Benehmen in Newsgroups besser zu finden? (Wie relevant sind die eigentlich?)<\/p>\n<p>&#8222;Vielerorts war zu erfahren, Blogger seien die neuen Journalisten&#8220;, mokiert sich Reinecke. Das ist eine unsinnige Behauptung, in der Tat. Denn das Besondere an den Blogs ist gerade, dass sie kein Journalismus sind. Und viele Journalisten kriegen bei dem Thema vielleicht gerade deshalb so viel Schaum vor den Mund, weil sie das als Provokation empfinden, als implizite Frage, wof\u00fcr man Journalisten \u00fcberhaupt braucht. Und weil das eine Frage ist, auf die ihnen keine Antwort einf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Es ist doch kein Zufall, dass so ein Medium wie Blogs gerade zu einem Zeitpunkt popul\u00e4r wird, wo Zeitungsverlage mit sinkenden Auflagen und Fernsehanstalten mit sinkenden Zuschauerzahlen zu k\u00e4mpfen haben. Gerade dass die &#8222;Relevanz&#8220; von Blogs nicht me\u00dfbar ist oder allenfalls in mikroskopisch kleinen Dosen, wenn man die Instrumente anlegt, mit denen die Medien gewohnt ist zu messen &#8211; gerade das macht sie f\u00fcr die traditionellen Medien so brisant: Die leben davon, dass es der Zugang zu einer gro\u00dfen Zahl von Lesern und Zuschauern \u00fcber ein paar wenige und leicht erreichbare Punkte m\u00f6glich ist. Wenn sich \u00d6ffentlichkeit auseinanderdividiert in Myriaden von Subszenen, dann wird es schwierig, den \u00dcberblick zu behalten.<\/p>\n<p>(F\u00fcr die Plattenindustrie ist das ja schon ein Problem: Es gibt keine echte musikalische Avantgarde mehr, die man einfach so anzapfen k\u00f6nnte, um st\u00e4ndig auf dem Laufenden zu bleiben. Bei anderen Medien mag das noch nicht so deutlich sichtbar sein. Es &#8222;wird nur wahrgenommen, was in der Zeitung steht oder im Fernsehen l\u00e4uft&#8220;, behauptet Reinecke. Na ja, geht so. Wie viele Themen schaffen es aus dem Feuilleton der FAZ bis in die &#8222;Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lkerung&#8220;? Gilt nicht auch f\u00fcr die Mainstream-Medien, dass es ihnen immer schwerer f\u00e4llt, die Deutungshoheit, die sie beanspruchen, auch zu halten?<\/p>\n<p>Und kommt es wirklich darauf an, ob zum Beispiel jemand wie Don Alphonso nun das StudiVZ tats\u00e4chlich besiegt hat, oder ob er da gegen Windm\u00fchlen angerannt ist, die auf dem Immobilienmarkt dann doch noch als Schn\u00e4ppchen weg gingen? Daraus einen Vorwurf zu stricken, w\u00e4re ungef\u00e4hr so albern wie den Sex Pistols vorzuwerfen, dass die Queen immer noch auf dem Thron sitzt. Das Interessante ist doch, dass solche Texte \u00fcberhaupt eine Resonanz erzeugen k\u00f6nnen, die in diesem Fall sogar bis in Teile der Mainstream-Medien hineinreicht, obwohl sie gar nicht nach deren Regeln publiziert werden.<\/p>\n<p>Aber so nonchalant wie Reinecke tut, sind die Medien ja gar nicht. Dass da etwas in Bewegung ist, haben die meisten schon kapiert, sie wissen nur nicht so richtig, was. Lustig ist, dass ausgerechnet unter einem Text, der uns die Irrelevanz von Blogs und Kommentaren erkl\u00e4ren will, so ein Hinweis steht:<\/p>\n<blockquote><p>Bitte kommentieren Sie diesen Beitrag und schreiben Sie auf diese Weise an ihm mit. <\/p><\/blockquote>\n<p>Aber wie das so ist, wenn man erst n\u00f6rgelt und dann einfach nach\u00e4fft: Richtig \u00fcberzeugt klingt das nicht. Sondern eher ziemlich hilflos:<\/p>\n<blockquote><p>Dies ist der dritte Versuch von FAZ.NET, Online- und Printproduktion miteinander zu verbinden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ach je. Mensch Leute. Macht doch endlich mit. Sonst m\u00fcssen die das immer wieder versuchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jochen Reinecke findet in der FAZ die Wertsch\u00e4tzung, die Blogs entgegengebracht wird, stark \u00fcbertrieben. Fr\u00fcher hie\u00df es beim bunten Abend gern \u201eJekami\u201c. 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