{"id":567,"date":"2007-02-22T13:49:11","date_gmt":"2007-02-22T10:49:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=567"},"modified":"2007-02-22T14:27:44","modified_gmt":"2007-02-22T11:27:44","slug":"567","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/02\/22\/567\/","title":{"rendered":"Lissabon"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/143\/397892807_d37ef6cbe1_b.jpg\" rel=\"lightbox[lissabon]\" title=\"Lissabon\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/143\/397892807_d37ef6cbe1.jpg\" width=\"500\" height=\"333\" alt=\"Lissabon\" \/><\/a><\/p>\n<p>Lissabon ist die Stadtwerdung des Grunge. Alles hier ist von einer dezenten und pittoresken Schrabbeligkeit. Es gibt kaum neue Geb\u00e4ude in der Stadt. Von den alten Bauten dagegen steht \u00fcber die H\u00e4lfte leer, viele davon offensichtlich schon sehr lange, als w\u00fcrde der Leerstand bewu\u00dft gepflegt und als touristischer Reiz inszeniert. (Das dem nicht ganz so ist und Wohnungsnot ein akutes Problem, kann man an einigen w\u00fctenden Graffiti und Demonstrationsaufrufen erkennen.)<!--more--><\/p>\n<p>Man kann es sehr gem\u00fctlich angehen lassen in Lissabon. Es ist zwar Karneval, aber so richtig viel ist nicht los. Au\u00dfer den Kindern ist kaum jemand verkleidet: Kleine Cowboys, Superm\u00e4nnchen, Prinze\u00dfchen, ausstaffiert mit Kost\u00fcmchen, die man f\u00fcr ein paar Euro in chinesischen Ramschl\u00e4den von der Stange kaufen kann. Vor einem dieser L\u00e4den steht ein kleines M\u00e4dchen, oder besser gesagt: eine Kreuzung aus niedlichem Frosch und leicht schmolligem Robin Hood, und bek\u00e4mpft die Langeweile mit dem Sch\u00e4len von Trauben.<\/p>\n<p>Im Bairro Alto hat das Wort &#8222;Vergn\u00fcgungsviertel&#8220; eher einen melancholischen Aspekt. Vielleicht liegt das daran, dass die Touristen mit den Taxis direkt vor die Fado-Lokale gefahren werden, jedenfalls sieht man auf den Stra\u00dfen nur einige Studenten, die die wenigen Dealer umschleichen. Auch die stehen eher melancholisch herum, als ob sie vom Fremdenverkehrsamt gezielt als Lokalkolorit hierhin delegiert wurden. Ergo spulen sie nur kurz die ein, zwei obligatorischen Fragen ab (&#8222;Hash? Wanna try?&#8220;), um sich dann wieder an die Hauswand zu lehnen und mit den Kollegen zu tratschen.<\/p>\n<p>(Dass es sich dabei um ein touristisches Feature handeln k\u00f6nnte, erkl\u00e4rt vielleicht auch, warum man hier h\u00e4ufiger als anderswo auch von \u00e4lteren Herrschaften angesprochen wird: H\u00f6flich strecken sie einem ein schokofarbenes Kl\u00fcmpchen entgegen, lassen es dann diskret wieder in der Manteltasche verschwinden und spazieren weiter.)<\/p>\n<p>Das Nachtleben der Einheimischen findet wohl eher unten am Tejo statt, wo in die ehemaligen Lagerschuppen und Werkshallen l\u00e4ngst Edeldiskos und Nobelrestaurants eingezogen sind. Das ist die einzige Gegend, wo sich Lissabon mal etwas Moderne g\u00f6nnt. Dann wird auch schon mal richtig hingeklotzt, wie bei den fetten Bunkern des Ansonsten gibt es kaum Neubauten, und die wenigen, die da sind, wirken hier deplatzierter als in anderen St\u00e4dten. Zum Beispiel der Appartementkomplex in der Rua do Alecrim, die zum Chiado hinauff\u00fchrt: Der sieht aus wie eine gigantische Nasszelle, weil man trotz der obsz\u00f6nen \u00dcberdimensionierung nicht darauf verzichten wollte, auf die lokalen Kachelfassaden Bezug zu nehmen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/127\/397023195_4b77d6ee4c_b.jpg\" rel=\"lightbox[lissabon]\" title=\"Lissabon\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/127\/397023195_4b77d6ee4c.jpg\" width=\"500\" height=\"333\" alt=\"Lissabon\" \/><\/a><\/p>\n<p>Davon abgesehen, r\u00e4kelt und streckt sich Lissabon \u00fcber ihre sieben H\u00fcgelchen, nach allen Regeln des H\u00fcbsch-Dahinr\u00e4kelns-und-Streckens. Gro\u00dfz\u00fcgig sind nette kleine und gr\u00f6\u00dfere Pl\u00e4tzchen \u00fcber die Stadt verstreut, und die Zahl der Aussichts- und Orientierungspunkte ist, verglichen mit anderen St\u00e4dten im S\u00fcden, wirklich erstaunlich. Die wenigen gro\u00dfen Boulevards und Pl\u00e4tze sind so geschickt in die Szenerie assimiliert, dass sie kaum auffallen. Und an der Pra\u00e7a do Com\u00e9rcio, unten am Flu\u00dfufer, schafft Lissabon das Kunstst\u00fcck, einen menschenleeren und zugigen Platz nicht g\u00e4hnend leer erscheinen zu lassen, sondern freundlich und voller Erwartung: Die goldgelben Prunkbauten ringsherum und die Statue der Tugend auf dem Mitteltor schlie\u00dfen sich zu einer Umarmung um den Besucher.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/126\/397025660_54054d8348_b.jpg\" rel=\"lightbox[lissabon]\" title=\"Lissabon\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/126\/397025660_54054d8348.jpg\" width=\"500\" height=\"333\" alt=\"Lissabon\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dass es auch h\u00e4\u00dfliche Hochhausbezirke gibt in Lissabon, merkt man erst, wenn man zum Flughafen f\u00e4hrt: So geschickt sind die hinter den H\u00fcgeln versteckt worden. Die h\u00e4\u00dflichsten Ausw\u00fcche der Industrie wurden gleich ganz konsequent auf die andere Seite des Tejo verbannt, ans s\u00fcdliche Ufer, so dass sie nur schemenhaft aus dem Dunst auftauchen.<\/p>\n<p>Der Tejo ist hier gro\u00df wie ein See, und der Reisef\u00fchrer erz\u00e4hlt, dass er von den Einheimischen auch <em>Mar da Palha<\/em> genannt wird: Strohmeer, weil er in der Sonne goldgelb leuchte. Das tut er eigentlich nicht, er schimmert eher silbern wie ein gro\u00dfes Tablett, das von den Sonnenstrahlen mit kleinen funkelnden Kratzern graviert wird. Es gibt hier auch noch andere Namen f\u00fcr den Fluss, die mehr mit dem zu tun haben, was mittlerweile in ihm schwimmt, aber die erw\u00e4hnt der Reisef\u00fchrer nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lissabon ist die Stadtwerdung des Grunge. Alles hier ist von einer dezenten und pittoresken Schrabbeligkeit. Es gibt kaum neue Geb\u00e4ude in der Stadt. 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