{"id":568,"date":"2010-10-26T17:31:44","date_gmt":"2010-10-26T14:31:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=568"},"modified":"2010-10-26T17:31:44","modified_gmt":"2010-10-26T14:31:44","slug":"catania","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/10\/26\/catania\/","title":{"rendered":"Catania"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1320\/5098172824_c2d3c71447_d.jpg\" rel=\"lightbox[Catania]\" title=\"Catania\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1320\/5098172824_c2d3c71447_d.jpg\" width=\"500\" height=\"333\" alt=\"Catania\" \/><\/a><\/p>\n<p>Den D\u00e4mon der Stadt haben wir nur kurz gesehen. Als wir aus dem Flugzeug stiegen, lag Catania in der Morgensonne, und dahinter thronte, schwarz und beeindruckend, der \u00c4tna. Es war ein bi\u00dfchen diesig, aber nicht bew\u00f6lkt, und die Gestalt und Ausma\u00dfe des Bergs waren so gut erkennbar wie wohl nur selten im Jahr. Er wirkte erstaunlicherweise nicht ganz so gigantisch wie ich ihn mir vorgestellt hatte, aber ehrfurchtgebietend genug. Zumal es im diffusen Morgenlicht so aussah, als ob die Stadt selbst von ihm produziert w\u00fcrde und die goldgelb und beige leuchtenden H\u00e4user kl\u00f6tzchenweise aus einer seiner Flanken herausstr\u00f6mten.<!--more--><\/p>\n<p>Nur wenig sp\u00e4ter, nachdem wir im Hotel eingecheckt und uns zu einem ersten kurzen Spaziergang durch die Innenstadt aufgemacht hatten, war der \u00c4tna schon wieder spurlos verschwunden und verbarg sich f\u00fcr den Rest unseres Urlaubs hinter einem dicken Schleier aus Dunst. Als w\u00e4re der Auftritt zur Landung Teil eines vorbestimmten Rituals gewesen, zu dem er sich f\u00fcr einen kurzen Moment herablie\u00df, um den Besuchern vorzuf\u00fchren, wer hier das Sagen hat und den n\u00f6tigen Tribut an Respekt und Anerkennung einzufordern. Aber offensichtlich waren wir nicht wichtig genug, um mehr zu Gesicht bekommen zu d\u00fcrfen, und so zog er sich wieder zur\u00fcck in entlegenere Sph\u00e4ren, zu denen Sterbliche keinen Zugang haben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1244\/5098192278_89efe7df2a_d.jpg\" rel=\"lightbox[Catania]\" title=\"Giardino Bellini\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1244\/5098192278_89efe7df2a_d.jpg\" width=\"500\" height=\"333\" alt=\"Giardino Bellini\" \/><\/a><\/p>\n<p>Umsonst pilgerten wir zu einem Ort, von dem man ihn eigentlich h\u00e4tte sehen m\u00fcssen, n\u00e4mlich dem wunderbaren Giardino Bellini an der Via Etnea. Es war sonnig und fast ein wenig sommerlich schw\u00fcl, der Park und die umliegenden H\u00e4user hell angestrahlt, aber da, wo wir den \u00c4tna vermuteten, sahen wir nichts als einen graublau verschwommenen Horizont. Also machten wir\u2019s wie die meisten Menschen um uns herum, dachten uns den Vulkan als etwas, von dessen Existenz man einfach ausgehen muss, um ansonsten die Dinge, die zu tun sind, m\u00f6glichst rasch und schn\u00f6rkellos zu erledigen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1382\/5098244106_d1ec031b53_d.jpg\" rel=\"lightbox[Catania]\" title=\"Fera o Luni\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1382\/5098244106_d1ec031b53_d.jpg\" width=\"500\" height=\"333\" alt=\"Fera o Luni\" \/><\/a><\/p>\n<p>Catania ist eine Stadt, die keine Gottesbeweise ben\u00f6tigt: Dass es \u00fcbermenschliche M\u00e4chte gibt, deren Zorn jederzeit unberechenbar losbrechen kann, wei\u00df man hier aus Erfahrung, aber man l\u00e4sst sich davon auch nicht bl\u00f6d machen. Die Stadt ist umtriebig, aber quirlig k\u00f6nnte man sie nicht nennen, und dem Ortsfremden m\u00f6gen die Menschen zun\u00e4chst weniger leutselig und aufgeschlossen erscheinen als anderswo in Italien. Vielleicht m\u00f6chte man hier aber nur schneller auf den Punkt kommen und die Zeit, von der man ja nie wissen kann, wie viel zur Verf\u00fcgung steht, effizienter nutzen.<\/p>\n<p>Konsequenterweise ist die Stadt ebenso pragmatisch und zweckorientiert angelegt wie sie sich gibt. Es gibt wenige italienische St\u00e4dte, in denen man sich so wenig verlaufen kann wie hier. Den Grundri\u00df kapiert man schnell: Die wichtigsten Stra\u00dfen sind schnurgerade von Westen nach Osten oder von Norden nach S\u00fcden ausgerichtet. Die Seitenstra\u00dfen verlieren sich nicht in verwirrenden Labyrinthen und Sackgassen, sondern f\u00fchren meist ohne gro\u00dfe Umschweife zu den Hauptachsen zur\u00fcck.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4127\/5097925361_027d1c93ea_d.jpg\" rel=\"lightbox[Catania]\" title=\"Collegio dei Gesuiti\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4127\/5097925361_027d1c93ea_d.jpg\" width=\"500\" height=\"333\" alt=\"Collegio dei Gesuiti\" \/><\/a><\/p>\n<p>Was f\u00fcr die Stra\u00dfen gilt, l\u00e4sst sich auch von den H\u00e4usern sagen. Catania ist eine Stadt des Barocks, aber das bedeutet hier eine sehr kontrollierte Ekstase, nicht \u00fcberschw\u00e4ngliche oder manieristische Opulenz. Gestalterische Vielfalt und formaler Reichtum werden immer wieder geb\u00e4ndigt durch eine fast n\u00fcchtern wirkende Stilsicherheit: Die Klarheit der Fassade dient als fest umrissener Tanzplatz, auf dem Figuren und Formen in Bewegung geraten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1379\/5098266444_6c09bac3c9_d.jpg\" rel=\"lightbox[Catania]\" title=\"Fontana dell'Elefante\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1379\/5098266444_6c09bac3c9_d.jpg\" width=\"333\" height=\"500\" alt=\"Fontana dell'Elefante\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es ist bezeichnend, dass das Wahrzeichen der Stadt einerseits eines ihrer kaprizi\u00f6sesten Monumente ist und es andererseits an der wichtigsten Stelle steht: Der Brunnen mit dem Elefanten aus schwarzem Lavagestein, einer r\u00f6mischen Skulptur, die man nach der verheerenden Vulkankatastrophe von 1669 aus dem Schutt gezogen hat und der seltsamerweise ein Obelisk auf den R\u00fccken gesetzt wurde. Was wie eine alberne Spielerei aussehen k\u00f6nnte, thront hier un\u00fcbersehbar mitten auf dem Domplatz, der so ein Zentrum bekommt und die umstehenden weltlichen und geistlichen Pal\u00e4ste zum Reigen verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1252\/5097684675_c4d3ec41d1_d.jpg\" rel=\"lightbox[Catania]\" title=\"Fontana dell'Amenano\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1252\/5097684675_c4d3ec41d1_d.jpg\" width=\"500\" height=\"333\" alt=\"Fontana dell'Amenano\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht steht der Lava-Elefant ja auch f\u00fcr den Vulkan selbst, und der Obelisk f\u00fcr die Stadt, deren Ordnung und Eleganz fest auf dem R\u00fccken Ganeshas steht, so lange der nicht in eine seiner unw\u00e4gbaren Launen ausbricht. Ein weiterer Brunnen befindet sich am Rande des Platzes: Die Fontana dell&#8217;Amenano, benannt nach dem Fluss Catanias, der unter das Pflaster der Stra\u00dfen verbannt wurde, aber hier sprudeln darf wie ein \u00fcberaktives Kind, dem man endlich das Spielen erlaubt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den D\u00e4mon der Stadt haben wir nur kurz gesehen. Als wir aus dem Flugzeug stiegen, lag Catania in der Morgensonne, und dahinter thronte, schwarz und beeindruckend, der \u00c4tna. Es war ein bi\u00dfchen diesig, aber nicht bew\u00f6lkt, und die Gestalt und Ausma\u00dfe des Bergs waren so gut erkennbar wie wohl nur selten im Jahr. 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