{"id":570,"date":"2007-03-09T01:39:21","date_gmt":"2007-03-08T22:39:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=570"},"modified":"2007-03-09T01:39:21","modified_gmt":"2007-03-08T22:39:21","slug":"boca-do-inferno","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/03\/09\/boca-do-inferno\/","title":{"rendered":"Boca do Inferno"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/168\/397045236_718959fdb2.jpg\" alt=\"Boca do Inferno\" \/><\/p>\n<p>Ein Sonntagnachmittagsausflugsidyll: Der Himmel leuchtet touristenprospektblau und es ist angenehm mild. Vom Atlantik schlendert nur eine leichte Brise vorbei, in etwa so gem\u00fctlich wie die Familien, die an der K\u00fcstenstra\u00dfe entlang flanieren. Hier ist noch nicht viel los: Das Ausflugslokal und der Kiosk daneben wirken irgendwie vorl\u00e4ufig, die Kastanienverk\u00e4ufer am Stra\u00dfenhand plaudern \u00fcber Fu\u00dfball und in einem komischen, d\u00fcsteren Markthalle stehen schlecht gelaunte Textilienh\u00e4ndler und warten noch vergeblich auf Kundschaft f\u00fcr ihren Ausschuss an Lederjacken und billigen T-Shirts. Ein paar Treppen f\u00fchren hinunter zu einer Aussichtsplattform, von der aus man einen Blick auf die Steilk\u00fcste werfen kann, und auf die tief eingeschnittene Kluft, die <a href=\"http:\/\/maps.google.com\/?ie=UTF8&#038;z=18&#038;ll=38.694985,-9.45815&#038;spn=0.003098,0.00648&#038;t=h&#038;om=1\">diesem Punkt hier<\/a> ihren Namen gegeben hat: Boca do Inferno, H\u00f6llenschlund.<!--more--><\/p>\n<p>Man ahnt nur noch von ferne, wie dieser Punkt zu so einem d\u00e4monischen Namen kommen konnte. Der Atlantik wirft sich zwar noch mit Schwung gegen die r\u00f6tlichen Felsen und zischt und rauscht auch ganz ordentlich. Aber in diesem idyllischen und domestizierten Umfeld klingt das eher so, als ob er nur seinem touristischen Auftrag gerecht werden m\u00f6chte. Und man versteht gar nicht, wie ausgerechnet hier, an einem so milde infernalischen Ort, ein Mann wie Aleister Crowley auf die Idee kommen konnte, seinen Selbstmord zu inszenieren. Und eine sonderbare und skurrile Anekdote aufzuf\u00fchren, die gar nicht so richtig zum Image eines Gro\u00dfmeisters des Magick passen will, sondern eher wie ein etwas alberner Streich wirkt. Immerhin war es ihm gelungen, Fernando Pessoa zum Mitmachen zu bringen.<\/p>\n<p>Als Crowley hier war, im Sommer 1930, gab es die Aussichtsplattform nat\u00fcrlich noch nicht, schon gar nicht das Restaurant, den Kiosk und den Kleidermarkt. Und es gab auch nicht die kleine Steintafel, die am Treppenabgang zur Plattform angebracht ist, und auf der sich folgender Text findet:<\/p>\n<blockquote><p>\nYear I4. Sun in the Scales<br \/>\nL.G.P.<br \/>\nI cannot live without thee. The other Mouth of Hell will catch me.  It will not be as hot as thine.<br \/>\nHisos<br \/>\nTu Li Yu <\/p><\/blockquote>\n<p>Das sind die Zeilen des Abschiedsbriefs, den Crowley auf den Felsen deponierte, sorgf\u00e4ltig unter seiner pers\u00f6nlichen Zigarettenschachtel platziert, um nicht davongeweht zu werden. Adressiert war der Brief an Hanni Jaeger, seine damalige Geliebte und &#8222;Scarlett Woman&#8220;, und zus\u00e4tzlich zu den kryptischen Formulierungen war das Papier mit r\u00e4tselhaften Symbolen \u00fcbers\u00e4t.<\/p>\n<p>Crowley und Jaeger waren im August nach Portugal gereist. Warum, wei\u00df man nicht genau, m\u00f6glicherweise gab es ein paar Anh\u00e4nger Crowleys dort, die von Meister Therion pers\u00f6nlich ein paar nette Rituale durchgef\u00fchrt haben wollten. Jedenfalls verbrachten beide einige Zeit in <a href=\"http:\/\/maps.google.com\/?ie=UTF8&#038;z=13&#038;ll=38.797845,-9.387646&#038;spn=0.099002,0.207367&#038;t=h&#038;om=1\">Sintra<\/a>, einer kleinen Sommerfrische in den Bergen unweit von Lissabon, wo sich auch die st\u00e4dtische Prominenz gerne aufhielt.<\/p>\n<p>In Lissabon traf Crowley mit Pessoa zusammen. Korrespondiert hatten die beiden schon vorher, aus einem kuriosen Grund: Pessoas Interesse an okkulten und spiritistischen Dingen hatte ihn auf Crowleys Schriften sto\u00dfen lassen. Und, ganz akribischer B\u00fccherwurm, hatte er einen Fehler in einem Horoskop entdeckt, das Crowley verfasst hatte. Einen Brief dar\u00fcber schickte er nach England und bekam von Crowley eine freundliche Antwort.<\/p>\n<p>Wie oft die beiden zusammen getroffen sind und was dabei diskutiert wurde, wei\u00df man nicht so genau. Es gibt ein h\u00fcbsches Bild, das die beiden in Pessoas Lieblingscaf\u00e9, dem <a href=\"http:\/\/lazer.publico.clix.pt\/artigo.asp?id=12257\">Brasileira<\/a>, beim <a href=\"http:\/\/kotkavuori.blogspot.com\/2006\/10\/pranksters-at-boca-do-inferno.html\">Schachspielen<\/a> zeigt. Irgendwann im Verlauf einer solchen Partie wird Crowley vielleicht zum ersten Mal davon erz\u00e4hlt haben, dass er einen Selbstmord inszenieren wollte. Am 21. September jedenfalls notiert er in sein Tagebuch:<\/p>\n<blockquote><p>I decided to do a suicide stunt to annoy Hanni. Arrange details with Pessoa.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit Hanni hatte er sich n\u00e4mlich kurz zuvor verkracht. Das war nichts Ungew\u00f6hnliches, Krach gab es zwischen den beiden \u00f6fter. Aber diesmal folgte auf den Streit keine Vers\u00f6hnung, Hanni hatte ihn verlassen oder wollte zumindest weg. (Eine verl\u00e4ssliche Chronologie gibt es da nicht.) Crowley scheint das schwer getroffen zu haben: &#8222;I am quite in love with this Hanni&#8220;, hatte er kurz zuvor noch in sein Tagebuch geschrieben.<\/p>\n<p>Es gibt aber, muss man an dieser Stelle einschieben, auch andere Spekulationen, nach denen die Geschichte mit Hanni nur der \u00e4u\u00dfere Anlass war. Schon im Jahr davor soll er <a href=\"http:\/\/www.redflame93.com\/Dickie.html\">dar\u00fcber spekuliert haben<\/a>, wie er durch einen vorget\u00e4uschten Selbstmord f\u00fcr Publicity und h\u00f6here Verkaufszahlen seiner B\u00fccher sorgen k\u00f6nnte. Eine andere Vermutung ist, dass Crowley im ein oder anderen Hotel die Zeche geprellt haben k\u00f6nnte und durch seinen angeblichen Tod seinen Gl\u00e4ubigern davonkommen wollte.<\/p>\n<p>Welche Details Crowley mit Pessoa arrangiert hat, auch dar\u00fcber l\u00e4\u00dft sich blo\u00df spekulieren. Hat Pessoa ihm vielleicht die passende Stelle geschildert und den Schlund der H\u00f6lle als den angemessenen Ort f\u00fcr den Selbstmord eines Meisters der schwarzen Magie ausgewiesen? In jedem Fall war Pessoa derjenige, der die Geschichte an die Presse gab. Und er erkl\u00e4rte den nachfragenden Journalisten bereitwillig die seltsamen Symbole und Abk\u00fcrzungen auf der Abschiedsnotiz. Auch den merkw\u00fcrdigen Namen &#8222;Tu Li Yu&#8220; am Ende? Machte er daraus eines der mystischen Pseudonyme, mit denen sich Crowley schm\u00fcckte? Oder den Namen eines chinesischen Weisen, dessen Reinkarnation Crowley sein wollte? Wu\u00dfte er, dass Crowley da einfach eine neckische Abschiedsformel verballhornt hatte: Toodle-oo, so ein kleines Zwinkern aus den Zeilen.<\/p>\n<p>Die Presse greift die Geschichte gerne auf: Crowley ist zwar keine gro\u00dfe Ber\u00fchmtheit, aber als satanische Skandalnudel, die dem zeitungslesenden B\u00fcrgertum ein paar gruselige Schauer \u00fcber den R\u00fccken jagt, taugt er doch. Und damit ist die Geschichte auch eigentlich zu Ende, denn zu einer richtigen Pointe will es nicht kommen. Schon kurz nach seinem angeblichen Selbstmord war Crowley nach Deutschland abgereist, und Hanni mit ihm. Pessoa meldet am 1. Oktober per Telegramm brav Vollzug:<\/p>\n<blockquote><p>Letter cigarette case identified Crowley&#8217;s discovered evening 25th place coast Mouth Hell police investgating doubt suicide though nothing definite ascertained.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und damit scheint der Kontakt zwischen den beiden auch weitgehend beendet Vielleicht war Pessoa die ganze Geschichte anschlie\u00dfend auch peinlich, zumal sich Crowley in Deutschland keine besondere M\u00fche gegeben zu haben scheint, das Spielchen weiter zu treiben. Vielleicht war dem stillen Intellektuellen Pessoa das Schillernde und Inszenierte an der Pers\u00f6nlichkeit Crowleys auch einfach zu viel. Immerhin erscheint 1931 noch die portugiesische \u00dcbersetzung eines Gedichts von Crowley, <a href=\"http:\/\/www.insite.com.br\/art\/pessoa\/coligidas\/trad\/925.html\">Hino a Pa<\/a>, im Gedichtband <em>Presen\u00e7a<\/em>.<\/p>\n<p>Von all dem ahnen die braven Ausfl\u00fcgler nichts, die Erinnerungstafel an der Treppe bemerkt kaum jemand. Wer hat sie da angebracht? Wem war diese skurrile Anekdote eine Steintafel mit gu\u00dfeisernen Buchstaben wert? Ist das so ein kleines Memento, dass auch Dichter und Gurus gerne mal alberne Momente haben? Dann ist so ein touristischer Tummelplatz vielleicht sogar der beste Platz daf\u00fcr. Und da meine ich, im Rauschen des Atlantik auch ein leises Kichern zu h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Sonntagnachmittagsausflugsidyll: Der Himmel leuchtet touristenprospektblau und es ist angenehm mild. Vom Atlantik schlendert nur eine leichte Brise vorbei, in etwa so gem\u00fctlich wie die Familien, die an der K\u00fcstenstra\u00dfe entlang flanieren. Hier ist noch nicht viel los: Das Ausflugslokal und der Kiosk daneben wirken irgendwie vorl\u00e4ufig, die Kastanienverk\u00e4ufer am Stra\u00dfenhand plaudern \u00fcber Fu\u00dfball und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-570","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/570","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=570"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/570\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=570"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=570"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=570"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}