{"id":573,"date":"2007-03-20T00:45:21","date_gmt":"2007-03-19T21:45:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=573"},"modified":"2007-03-20T00:45:21","modified_gmt":"2007-03-19T21:45:21","slug":"sjuramareili","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/03\/20\/sjuramareili\/","title":{"rendered":"s&#8217;Juramareili"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/150\/424602092_6c71000017_o.jpg\" alt=\"Juramareili\" \/><\/p>\n<p>Passiert mir selten, dass ich aus einem Theaterst\u00fcck komme und gleich das Buch dazu haben m\u00f6chte. Noch dazu, wenn das St\u00fcck in Mundart geschrieben ist. Aber das <em>Juramareili<\/em> von Paul Haller ist eine Entdeckung: Ein ganz wunderbarer Text, ein d\u00fcsterer und kr\u00e4ftiger Totentanz aus der Schweizer Provinz, aufgef\u00fchrt in einem tausend Verse langen Epos im Aargauer Dialekt. Wiederentdeckt hat ihn die Aarauer Gruppe <a href=\"http:\/\/www.szenart.ch\">Szenart<\/a> und in einer ebenso sch\u00f6nen Auff\u00fchrung auf die B\u00fchne gebracht, aber dazu gleich.<!--more--><\/p>\n<p>Es geht auf Leben und Tod in diesem St\u00fcck, aber gelebt und gestorben wird in armseligen und unspektakul\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen. Ein Vater kommt ins Gef\u00e4ngnis, eine Mutter stirbt an der Schwindsucht, eine \u00fcberforderte Kusine nimmt Marie und ihre Schwester auf. Marie versucht einen kleinen Anlauf, um aus der Armseligkeit ihres Lebens auszubrechen, aber sie kommt nicht viel weiter als bis zu einer B\u00fcrgersfamilie in der Welschschweiz. Dort muss sie wieder gehen, als sie krank wird, und so versinkt ihr Leben wieder in Banalit\u00e4t und Glanzlosigkeit. Nicht mal ein echtes Liebesdrama g\u00f6nnt ihr das Schicksal: Der flotte T\u00e4nzer, der es ihr angetan hat, taucht einfach nicht mehr auf. Stattdessen kommt der Vater zur\u00fcck und will die T\u00f6chter wieder zu sich nehmen, aber nicht mal daraus entfaltet sich ein echter Konflikt, es ist nur die Randale eine prahlerischen S\u00e4ufers. Am Ende sind trotzdem zwei Menschen tod: Der Vater geht ins Wasser, Marie stirbt am Blutsturz, und beide Tode folgen keiner \u00fcbergeordneten (und vielleicht tr\u00f6stenden) Logik, sondern sie stehen nur f\u00fcr die Hilflosigkeit und Kommunikationsunf\u00e4higkeit der Protagonisten.<\/p>\n<p>Armut bedeutet nicht nur, dass das Leben einem materiellee Dinge vorenth\u00e4lt, sondern auch Pathos, Glanz und Gr\u00f6\u00dfe. Sie recken sich ein bi\u00dfchen, die Protagonisten in Hallers St\u00fcck, sie machen ein paar Dehn\u00fcbungen, um aus dem Elend auszubrechen, aber sie sacken auch schnell wieder in sich zusammen. Haller schreibt das alles auf, und er will, hat man das Gef\u00fchl, alles m\u00f6gliche in seinem Schreiben vers\u00f6hnen: Er will seinen Figuren ein bi\u00dfchen von dem Pathos g\u00f6nnen, das ihnen vom Leben vorenthalten wird, und zugleich will er so n\u00fcchtern und pr\u00e4zise wie m\u00f6glich diagnostizieren, was das Elend mit den Menschen macht. Er schreibt im Dialekt, um eine authentische und unmittelbare Stimme zu finden, und zwingt doch alles in gebundene Verse und strenge Form. Er malt die Natur, als ob er durch die Kulisse dem haltlosen Dahintreiben seiner Protagonisten einen Sinn unterschieben k\u00f6nnte, aber wenn am Schluss ein Lichtstrahl auf die Begr\u00e4bnisgesellschaft f\u00e4llt, die Marie zu Grabe tr\u00e4gt, dann wei\u00df man nicht, ob das himmlische Sympathie ist oder das zynische Zwinkern Gottes: Nicht mal mehr im Scheitern ist Trost.<\/p>\n<p>Der Text lebt aus diesen unvers\u00f6hnten Gegens\u00e4tzen, aus dem Blick in den d\u00f6rflichen Mikrokosmos und dem Versuch, darin eine kosmische Ordnung zu erkennen. Mich hat es nicht wenig an einen anderes gro\u00dfes alemannisches Epos erinnert: An Hebels nachtschwarzes Zwiegespr\u00e4ch zwischen Vater und Sohn \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.zimmermann-thomas.de\/alemannisch\/t-h-verg.htm\">Verg\u00e4nglichkeit<\/a>. Aber Hebel will noch in der Katastrophe die g\u00f6ttliche F\u00fcgung erkennen; bei Haller l\u00e4uft eine Maschinerie, von der man nicht wei\u00df, ob sie einer inneren Logik folgt oder blo\u00df einer Mechanik.<\/p>\n<p>Dass der Text soviel Kraft entfalten kann, liegt auch an der Inszenierung. Die gibt sich sehr minimalistisch und zur\u00fcckhaltend: Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler lesen abwechselnd den Text, spielen mit und in den Figuren und den W\u00f6rtern, aber vorsichtig und behutsam, als h\u00e4tten sie Angst, zuviel Gewicht darauf zu legen und dadurch das innere Momentum auszubremsen. Statt einer Kulisse gibt es nur einen offenen Raum, Lampenschirme liegen auf dem Boden und m\u00fcssen von den Schauspielern selbst an den herabh\u00e4ngenden Halterungen befestigt werden, um zumindest ein bi\u00dfchen Glanz in den Raum zu bekommen. Es ist eine sauber gearbeitete und genaue Inszenierung, und ich behaupte mal, selbst wenn man den Text nicht versteht &#8211; wie es dem Gro\u00dfteil des kleinen Publikums in der K\u00f6lner <a href=\"http:\/\/www.altefeuerwachekoeln.de\/\">Feuerwache<\/a> gegangen ist -, dann kann man immer noch der Musikalit\u00e4t und Genauigkeit dieser Moritat folgen.<\/p>\n<p>Ich habe mir jedenfalls am selben Abend noch einen Band mit Haller-Texten bestellt. Davon will ich mehr lesen.<\/p>\n<p><font size=1>Foto: <a href=\"http:\/\/www.theaterfoto.ch\/\">Bernhard Fuchs<\/a><\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Passiert mir selten, dass ich aus einem Theaterst\u00fcck komme und gleich das Buch dazu haben m\u00f6chte. Noch dazu, wenn das St\u00fcck in Mundart geschrieben ist. 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