{"id":575,"date":"2007-03-21T02:38:30","date_gmt":"2007-03-20T23:38:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=575"},"modified":"2007-03-21T02:38:30","modified_gmt":"2007-03-20T23:38:30","slug":"der-lar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/03\/21\/der-lar\/","title":{"rendered":"Der Lar"},"content":{"rendered":"<p>Wilhelm Raabe &#8211; der deutsche Tschechow? Ich bin gerade auf den <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/raabe\/lar\/lar.htm\">Lar<\/a> gesto\u00dfen, Raabes &#8222;Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte&#8220; von 1889. Die steht unter dem sch\u00f6nen Motto<\/p>\n<blockquote><p>O bitte, schreiben auch Sie doch wieder mal ein Buch, in welchem sie sich kriegen<\/p><\/blockquote>\n<p>und setzt mit einer ganz wunderbaren Skizze modernen Gelehrtentums an:<\/p>\n<blockquote><p>In den B\u00fcchern sitzt solch ein mit dem deutschen Alterthum sich besch\u00e4ftigender Universit\u00e4tsprofessor gew\u00f6hnlich in einem Museo und Heimwesen, bei dem Einem unwillk\u00fcrlich der Name <em>Altdorf<\/em> im Sinn und in der Phantasie aufsteigt. Wenn der gelehrte Mann aus den Fenstern seiner Studirstube nicht die Kr\u00e4hen im Schnee auf dem klosterhof\u00e4hnlichen kleinen Marktplatz spazieren gehen sieht, so blickt und riecht er in bl\u00fchende Lindenb\u00e4ume und hat bei angez\u00fcndeter Lampe Abends das Fenster zu schlie\u00dfen, um nicht bei seiner gr\u00fcblerischen Arbeit zu sehr durch das gefl\u00fcgelte vielgestaltige n\u00e4chtliche Schwarmgesindel aus der Wissenschaft des Kollegen der Insektologie, gegen\u00fcber am Marktplatz, gest\u00f6rt zu werden. [&#8230;] Professor Dr. Kohl sah Zeit seines Lebens weder im Winter noch im Sommer aus irgend einen zu seinen Studien passenden Klosterhof hinaus; er hatte sich ganz wie Unsereiner mit seinen Idealen und Realit\u00e4ten in den ganz gew\u00f6hnlichen Miethskasernen des neunzehnten Jahrhunderts, und zwar meistens im dritten Stockwerk, zu behelfen. [&#8230;] Das ist kein Vergn\u00fcgen f\u00fcr einen scheu angelegten Menschen. Zumal wenn er eine Frau hat, die den Fehdehandschuh, welchen ihr das heutige Leben jeden Tag vor die F\u00fc\u00dfe wirft, jedesmal wacker aufnimmt und \u2013 das Bessere immer drei H\u00e4user oder drei Gassen weiterab liegend w\u00e4hnt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Man sieht diesen scheu angelegten Menschen f\u00f6rmlich vor sich, wie er in der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit seiner Mietwohnung im dritten Stock an einem Vortrag \u00fcber die Sch\u00e4dlichkeit des Tabaks br\u00fctet (oder doch eher an einer &#8222;Abhandlung \u00fcber den Stra\u00dfburger Eidschwur Ludwigs des Deutschen&#8220;). Hinter der spitzwegerlichen Schrulligkeit lauert die Erkenntnis, dass die Idealit\u00e4ten und Realit\u00e4ten des neunzehnten Jahrhunderts nicht viel Platz lassen, um den Kopf weit heraus zu strecken. So sardonisch werden jedenfalls nur wenige Figuren von ihren Autoren aus dem Weg:<\/p>\n<blockquote><p>Von dem Tode des Professors Dr. Kohl hatte die Welt doch Notiz genommen. Die Lokalbl\u00e4tter hatten die Nachricht von seinem Ableben mit einigen weiteren Ausf\u00fchrungen \u00fcber Tag und Jahr seiner Geburt, \u00fcber seinen Studiengang, \u00fcber seine verdienstlichen litterarischen Leistungen begleitet. Die Fachzeitungen hatten ausf\u00fchrliche Nekrologe gebracht und seiner Bedeutung f\u00fcr seine Wissenschaft einen w\u00fcrdigen Raum gegeben. Auch m\u00fcndlich war mit Anerkennung von ihm gesprochen worden: er geh\u00f6rte zu den Todten, die eine Spur, wenn auch eine nicht von Horizont zu Horizont reichende, hinter sich lassen. Seine alte m\u00fcrrische Frau lie\u00df gar keine Spur hinter sich. Ihr Name erschien nur noch einmal in der Kirchenliste; und dann noch einmal in der Zeitung, n\u00e4mlich als der Tag der Versteigerung ihres Nachlasses dem Publikum bekannt gemacht wurde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber man stirbt ja auch nicht, um eine Spur zu hinterlassen.<\/p>\n<blockquote><p>Wir haben Alle jeden Augenblick wenn nicht die Lust, so da\u00df Bed\u00fcrfni\u00df, uns zu ver\u00e4ndern. Wir legen uns von der rechten auf die linke Seite und von der linken auf die rechte; und zuletzt legen wir uns von der Erde in dieselbe, aus dem Leben in den Tod: auch nur aus tief innerlichstem, wenn auch nur selten mehr als dunkel empfundenem Bed\u00fcrfni\u00df nach Ver\u00e4nderung.<\/p><\/blockquote>\n<p>(tbc.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Raabe &#8211; der deutsche Tschechow? Ich bin gerade auf den Lar gesto\u00dfen, Raabes &#8222;Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte&#8220; von 1889. 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