{"id":605,"date":"2007-07-02T16:01:08","date_gmt":"2007-07-02T13:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=605"},"modified":"2007-07-06T17:31:37","modified_gmt":"2007-07-06T14:31:37","slug":"die-geschichte-meiner-einschatzung-des-diesjahrigen-literatur-sommers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/07\/02\/die-geschichte-meiner-einschatzung-des-diesjahrigen-literatur-sommers\/","title":{"rendered":"Die Geschichte meiner Einsch\u00e4tzung des diesj\u00e4hrigen Literatur-Sommers"},"content":{"rendered":"<p>Also, ich fand den <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/texte\/stories\/200772\/\">Text von PeterLicht<\/a> gut. Das gleich mal zu Anfang. Eine sch\u00f6n verquere Fantasie, die die Apokalypse auf dem Sofa beginnen l\u00e4sst und die Welt in den Abgrund st\u00fcrzt, um danach in Ruhe zu fr\u00fchst\u00fccken. Ich erinnere mich dunkel, dass PeterLicht irgendwo gesagt hat, dass ihn von allen literarischen Epochen die Romantik am meisten interessiere (oder so \u00e4hnlich). Finde ich sehr passend: Vor einigen Wochen habe ich ein paar M\u00e4rchen von Clemens Brentano gelesen, und da gibt es ein \u00e4hnlich fr\u00f6hlich dilettierendes Vergn\u00fcgen daran, bizarre Welten aufzubauen und dann wieder zu zerfleddern.<\/p>\n<p>Seltsam, dass ausgerechnet dieser Text die Spannungen in der Jury zum Knistern gebracht hat. Vor allem Corino scheint der Text &#8211; oder doch eher die Selbstinszenierung des Autors? &#8211; so ver\u00e4rgert zu haben, dass er den Rest des Wettbewerbs nur noch als literarischer Dieter Bohlen verbringen wollte. &#8222;Gaudiburschentum der Apokalypse&#8220; ist dabei gar nicht mal so ein dummer Vorwurf, nur ist damit der Text nat\u00fcrlich nicht erleigt. (Nebenbei, Herr Corino, kann man dem von ihnen vorgeschlagenen Text, <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/texte\/stories\/200767\/\">den Bj\u00f6rn Kern da vorgelesen hat<\/a>, nicht einen \u00e4hnlichen Vorwurf machen? Dass der n\u00e4mlich ein Gaudiburschentum der Sozialromantik vorf\u00fchrt, eine Selbstberauschtheit davon, alles zeigen zu k\u00f6nnen, so ein tarantinohaftes Kameradraufhalten, das die moralische Intention, die dem Text zugrunde liegen soll, geh\u00f6rig untergr\u00e4bt?<\/p>\n<p>Das einzige, was ich dem Text von PeterLicht wirklich vorwerfen k\u00f6nnte, ist, dass er Iris Radisch nicht davon abgehalten hat, die bl\u00f6de Floskel vom Lachen, das im Halse steckenbleibt, in die Diskussionsrunde zu werfen. Eher dreht ein Literaturkritiker Locken auf einer Glatze, als dass er darauf verzichtet, das Lachen dadurch zu sanktionieren, dass er einen Klo\u00df davon bekommt.<!--more--><\/p>\n<p>Ich kann die Veranstaltung in diesem Jahr leider nicht live verfolgen, aber das macht nichts. Denn erstens gibt es einige Blogs, die das Vorlesen mit einem Quasi-Liveblogging begleiten (<a href=\"http:\/\/gig.antville.org\/stories\/1653035\/\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/hoehereweltenblog.twoday.net\/\">hier<\/a> zum Beispiel), au\u00dferdem gibt es ja dankenswerterweise das <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/streaming\/\">Audio- und Video-Archiv<\/a>, in dem man nicht nur alle Texte runterladen kann, sondern auch die zugeh\u00f6rigen Diskussionen und die Videoportr\u00e4ts. Die Portr\u00e4ts sollte man eigentlich immer erst mal anschauen, merke ich, denn der erste Eindruck ist da meistens der richtige. Feuilletonistische Textbausteine en gros:  &#8222;Im Grunde benutze ich das Schreiben als Erkundungsmittel der Gegenwart&#8220;, <a href=\"http:\/\/redir.proxitv.speednet.at:8080\/public\/PKF_getWMVideo.asp?proxy_url=mms:\/\/globalserver.speednet.at\/vod\/orfktn\/bp_2007\/Bernhardt_portr.wmv\">sagt einer<\/a>, und da m\u00f6chte man eigentlich schon ausschalten. Dann schaut man sich der Fairness halber doch noch <a href=\"http:\/\/redir.proxitv.speednet.at:8080\/public\/PKF_getWMVideo.asp?proxy_url=mms:\/\/globalserver.speednet.at\/vod\/orfktn\/bp_2007\/Bernhardt_les.wmv\">die Lesung dazu<\/a> an, aber besser wird&#8217;s nicht, und dann schaltet man halt jetzt nach f\u00fcnf Minuten aus.<\/p>\n<p>Aber Klagenfurt-Texten Langeweile oder mangelnde Originalit\u00e4t vorzuwerfen, ist nicht besonders originell, das tut ja jeder. In diesem Jahr hat auch scheinbar niemand mehr so richtig Lust, grunds\u00e4tzliche Kritik am Wettbewerb zu \u00fcben. Warum auch? Die Kritik gab&#8217;s im letzten Jahr von Raoul Schrott gleich vorab, und dann hat Kathrin Passig vorgef\u00fchrt, dass man den Wettbewerb ein bi\u00dfchen blo\u00dfstellen und trotzdem gut finden kann. Warum auch nicht? Wo bekommt man denn noch so ein geduldiges Fernsehen. Nat\u00fcrlich ist das alles ein Anachronismus, und es bringt wirklich nur selten etwas, Autoren beim Lesen ihrer eigenen Texte zu zu h\u00f6ren. Mehr als ein angenehmes wei\u00dfes Raunen ist da nicht aber das macht nichts. Das Wechselspiel von Faszination, Fremdsch\u00e4men, innerlichem Mitdiskutieren ist meinetwegen nicht viel anders als bei irgendeiner Casting-Show, nur sehr viel langsamer, sorgf\u00e4ltiger und reflektierter.<\/p>\n<p>Es gibt, wie immer, einige sch\u00f6ne Texte (PeterLicht, <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/texte\/stories\/202976\/\">Jochen Schmidt<\/a>, es gibt Texte, die man mag, ohne so richtig zu wissen, warum (<a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/texte\/stories\/202667\/\">Kurt Oesterle<\/a>, <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/texte\/stories\/199952\/\">Jan B\u00f6ttcher<\/a>), ein, zwei \u00e4rgerliche Ausf\u00e4lle (Bj\u00f6rn Kern, Ronald Reng) und dann halt den Rest. Die beiden neuen Juroren, Ijoma Mangold und Andr\u00e9 Vladimir Heiz, haben schnell ihre Rollen gefunden: Mangold so als der feingeistige Spinnen-Nachfolger (gehaltvoll, aber auch ein bi\u00dfchen nervig), Heiz als durchgeknalltes semiotisches Orakel &#8211; erst fand ich ihn sehr strange, aber dann hatte ich doch Spa\u00df bei seinen beharrlichen Versuchen, den Rest der Jury mit seinen Verweisen auf Hesiod und das Gilgamesch-Epos zu verwirren.<\/p>\n<p>Und auch die Abstimmung war dann ganz so, wie es sein sollte: Ein bi\u00dfchen bieder, ein bi\u00dfchen spannend, ein bi\u00dfchen chaotisch, ein Grandits, der von der Rolle war, ein Corino, der aus der Rolle fiel.  Die Entscheidung f\u00fcr <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/texte\/stories\/202988\/\">Lutz Seiler<\/a> geht, finde ich, in Ordnung. Ich mochte die Erz\u00e4hlung beim ersten Anh\u00f6ren auch sehr gerne, mit ihrem Geklingel der kasachischen Ortsnamen, und dieser sch\u00f6nen Verstrickung von mythischem Wispern und pedantischem Realismus. (Beim zweiten Lesen schien mir der Text dann ein wenig zu sehr nach der Ma\u00dfgabe durchgearbeitet, die Arbeit auch sichtbar zu machen.)<\/p>\n<p>Bis zum n\u00e4chsten Jahr also. Dann vielleicht wieder live.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also, ich fand den Text von PeterLicht gut. Das gleich mal zu Anfang. Eine sch\u00f6n verquere Fantasie, die die Apokalypse auf dem Sofa beginnen l\u00e4sst und die Welt in den Abgrund st\u00fcrzt, um danach in Ruhe zu fr\u00fchst\u00fccken. Ich erinnere mich dunkel, dass PeterLicht irgendwo gesagt hat, dass ihn von allen literarischen Epochen die Romantik [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-605","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/605","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=605"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/605\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=605"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=605"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=605"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}