{"id":621,"date":"2007-10-04T15:46:21","date_gmt":"2007-10-04T12:46:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=621"},"modified":"2007-10-04T15:46:21","modified_gmt":"2007-10-04T12:46:21","slug":"der-fall-piancone","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/10\/04\/der-fall-piancone\/","title":{"rendered":"Der Fall Piancone"},"content":{"rendered":"<p>Auf den Hauptsitz der Bank Monte dei Paschi in Siena ist am Montag ein \u00dcberfall ver\u00fcbt worden: Zwei R\u00e4uber haben 170.000 Euro erbeutet. Nach einer Verfolgungsjagd durch die Altstadt wurde einer der beiden gestellt, der andere ist mit der Beute noch fl\u00fcchtig.<\/p>\n<p>Ich stehe jedes Jahr mehrmals auf dem Platz <a href=\"http:\/\/www.mps.it\/La+Banca\/default.htm?zoom=true\">vor dem festungsartigen Hauptgeb\u00e4ude der Bank<\/a>. Wie jemand die Chuzpe aufbringen kann, da hinein zu spazieren und einen \u00dcberfall zu versuchen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn es ein Geb\u00e4ude gibt, das die Vorlage f\u00fcr Dagoberts Geldspeicher abgegeben haben k\u00f6nnte, dann das hier.<!--more--><\/p>\n<p>In Italien ist der Bank\u00fcberfall aber aus einem weiteren Grund ein Thema. Der gefasste Bankr\u00e4uber heisst <a href=\"http:\/\/www.repubblica.it\/2007\/10\/sezioni\/cronaca\/siena-rapina-ex-br\/scheda-piancone\/scheda-piancone.html\">Cristoforo Piancone<\/a> und geh\u00f6rte mal zur Kommandoebene der Brigate Rosse. Er gilt als <em>irriducibile<\/em>, als ein Hardliner, der sich weigert, seiner Vergangenheit abzuschw\u00f6ren. Dennoch bekam er 2004 wegen guter F\u00fchrung den Status eines Freig\u00e4ngers zugesprochen.<\/p>\n<p>Warum jetzt der \u00dcberfall? Um private finanzielle Engp\u00e4sse zu beheben, wie Piancone zu Protokoll gegeben hat (wobei er sonst fast nichts zu Protokoll gibt, auch nicht die Identit\u00e4t des Mitt\u00e4ters)? Hat Piancone Verbindungen zur Organisierten Unterwelt? Oder wollte er das Geld f\u00fcr den Aufbau einer neuen terroristischen Organisation zu nutzen? <\/p>\n<p>Da kommt die Geschichte nat\u00fcrlich in ein Gel\u00e4nde, das man auch in Deutschland gut kennt. Vor allem auf der rechten Seite des politischen Spektrums, aber auch bei noch lebenden Opfern und Hinterbliebenen ist die Aufregung gross. Hat man da nicht endlich einen Beleg daf\u00fcr, dass Terroristen keine Gnade verdient haben? Zumal schon seit l\u00e4ngerem Spekulationen \u00fcber einen Schulterschluss zwischen Veteranen der BR und einer neuen Generation gibt.<\/p>\n<p>Die Heftigkeit der Diskussion \u00fcbertrifft um einiges die Debatte um die Begnadigung ehemaliger RAF-Mitglieder, die bei uns gef\u00fchrt wird. Wenn die &#8222;bleiernen Jahre&#8220; etwas erreicht hatten, dann den Kitt, mit dem die Spaltungen und Risse in der italienischen Gesellschaft immer mal \u00fcbert\u00fcncht werden, offen zu legen. Hier und da hat man ihn wieder angebracht, aber es braucht wenig, um ihn zum Br\u00f6ckeln zu bringen. Die unz\u00e4hligen Verschw\u00f6rungstheorien rund um die Entf\u00fchrung Aldo Moros, den Tod von Feltrinelli, das Attentat auf den Hauptbahnhof von Bologna sind nur Belege daf\u00fcr, dass Italien ein Land ist, dass sich selbst nicht recht \u00fcber den Weg traut. Und dar\u00fcber mit Leidenschaft diskutiert.<\/p>\n<p>Davon abgesehen, ist der Fall Piancone nicht ohne drehbuchreife, melodramatische und bizarre Elemente, ganz wie die italienischen Medien das lieben. Die Flucht durch die Altstadt von Siena scheiterte auch deshalb, weil die Bankr\u00e4uber offensichtlich \u00fcbersehen hatten, dass die Stra\u00dfen durch die sie fliehen wollten, gesperrt waren &#8211; die ortsans\u00e4ssige Contrade der Gans feierte den Sieg im <a href=\"http:\/\/palio.comune.siena.it\/main.asp?id=0\">Juli-Palio<\/a>. (Ansonsten w\u00e4re der Fluchtweg nicht schlecht gew\u00e4hlt gewesen: Die Stra\u00dfen da sind steil, eng und un\u00fcbersichtlich, wenn man schnell genug durch die japanischen und amerikanischen Touristen hindurch kommt.) Zu einer Schie\u00dferei kam es nur deshalb nicht, weil Piancone vergessen hatte, seine Waffe zu entsichern.<\/p>\n<p>Piancone war im \u00fcbrigen vor sechs Jahren schon einmal Freigang zugestanden worden. Der wurde kassiert, als man ihn beim Ladendiebstahl in einem Supermarkt erwischte &#8211; mit &#8222;einer Schachtel Di\u00e4tpastillen, zwei Kaugummip\u00e4ckchen und ein paar M\u00e4nnerunterhosen&#8220;, protokolliert die Repubblica. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zuletzt als Pedell einer Schule in Turin, hei\u00dft es. Sa\u00df er da in seiner Hausmeisterloge und schmiedete Pl\u00e4ne f\u00fcr neue revolution\u00e4re Anl\u00e4ufe? Hatte er resigniert als eine Art kampfesm\u00fcder Bartleby, war der \u00dcberfall ein Ausbruchsversuch aus einem bedeutungslos gewordenen Leben?<\/p>\n<p>Es wird, da bin ich mir sicher, bald eine Menge Theorien und Geschichten dazu geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den Hauptsitz der Bank Monte dei Paschi in Siena ist am Montag ein \u00dcberfall ver\u00fcbt worden: Zwei R\u00e4uber haben 170.000 Euro erbeutet. Nach einer Verfolgungsjagd durch die Altstadt wurde einer der beiden gestellt, der andere ist mit der Beute noch fl\u00fcchtig. 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