{"id":625,"date":"2007-10-13T22:18:22","date_gmt":"2007-10-13T19:18:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=625"},"modified":"2007-10-15T17:02:35","modified_gmt":"2007-10-15T14:02:35","slug":"gomorra-im-herbst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/10\/13\/gomorra-im-herbst\/","title":{"rendered":"Gomorra im Herbst"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein komisches Gef&uuml;hl, durch den sp&auml;tsommerlichen italienischen Herbst zu fahren und dabei Roberto Savianos <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/8804554509?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=8804554509\">Gomorra<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=8804554509\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> zu lesen. Das Meer, die Natur, die K&uuml;stenst&auml;dte, selbst die abgeschrabbelten kleinen Vororte rings um den Vesuv geben sich alle M&uuml;he, friedlich, vergoldet und im Abglanz einer barmherzigen Sonne auszuruhen. F&uuml;r einen Nordeurop&auml;er, der den gr&ouml;&szlig;ten Teil des sogenannten Sommers durchn&auml;&szlig;t oder durchgefroren verbracht hat, ist das ein Paradies hier. Und dann h&auml;tte man sich auch wirklich eine bessere Lekt&uml;re aussuchen k&ouml;nnen als Savianos apokalyptischen Totentanz aus dem Bauch der Bestie.<!--more--><\/p>\n<p><em>Gomorra<\/em> ist ein d&uuml;steres Buch, und eines, das keine Kompromisse machen will. Saviano geht nah dran, und das buchst&auml;blich: In den Wochen des letzten heftigen Camorra-Krieges 2004\/2005 hat er regelm&auml;&szlig;ig den Polizeifunk abgeh&ouml;rt, um dann mit der Vespa dorthin zu fahren. Er ist in den Vororten unterwegs gewesen, hat mit den Menschen dort gesprochen, mit den kleinen, mittelgro&szlig;en und gr&ouml;&szlig;eren Kriminellen, mit Pfarrern, Teenagern, Hausfrauen, Junkies, er hat selbst merkw&uml;rdige Kisten geschleppt, ohne zu wissen, was darin war, und er hat die Toten gesehen, die der letzte Krieg gekostet hat.<\/p>\n<p>Undercover-Stories, die direkt aus dem Bauch der Bestie erz&auml;hlen wollen, gibt es schon einige. Aber was Savianos Buch anders macht als andere Mafia-B&uuml;cher, ist zweierlei: Einmal die Genauigkeit der Analyse, auf die &ouml;konomischen Zusammenh&auml;nge und Verflechtungen, die in den Alltag der Menschen hineinreichen, in die Politik und auch weit tiefer in die Weltwirtschaft, als einem lieb sein k&ouml;nnte. Saviano findet erstaunliche Parallellen zu anderen &ouml;konomischen Tendenzen: Es ist fast eine Art Start-Up-&Ouml;konomie, die sich da um die Jahrtausendwende entwickelt hatte, mit einer in kleineren und flexibleren Einheiten agierenden schwarzen Textil-, M&uuml;ll-, Bauwirtschaft, mit neuen Wegen der Drogendistribution und vor allem, mit einer neuen Strategie der Rekturierung aus dem Prekariat der Hoffnungslosen, die in den Betonw&uuml;sten der neapolitanischen Vorst&auml;dte von der Politik vergessen worden waren.<\/p>\n<p>Das Zweite ist Savianos Versuch einer Literarisierung der Ereignisse. <em>Gomorra<\/em> ist reich an Fakten, aber es ist kein Sachbuch. Viele der Episoden sind inszeniert wie Szenen eines Romans von James Ellroy oder Andrew Vachss. Ein heikles Experiment &#8211; das k&ouml;nnte schief gehen und die Unterwelt von Neapel wie der Cast von <em>Reservoir Dogs<\/em> aussehen, das Buch w&auml;re dann nicht mehr als ein hipper Style Guide f&uuml;r schickes Massakrieren.<\/p>\n<p>Aber bei Saviano gelingt es, weil er &#8211; bei aller erz&auml;hlerischen Freiheit, die er sich herausnimmt &#8211; nah an dem bleibt, was die Gewalt ausl&ouml;st: Angst und Beklemmung. Eine besondere, neurotische Angst, ein Mi&szlig;trauen, das sich wie ein Netz auf alle Aktivit&auml;ten legt, auf Freundschaften, auf Bar- und Restaurantbesuche, auf Spazierg&auml;nge mit Leuten, die man kennt oder doch nicht kennt. Und falscher Glamour kommt schon deswegen nicht auf bei Saviano, weil der von den Camorristen selbst inszeniert wird. S&uuml;ffisant schildert Saviano, wie selbst die grausamsten Killer und die skrupellosesten Bosse ihre Rollen mit einer Kitschglasur &uuml;berzuckern, die nicht von dieser Unterwelt zu sein scheint. Sie h&ouml;ren sentimentale napolitanische Liebeslieder, wenn Sie auf dem Weg zu ihren Morden sind. Sie halten die Waffen so, wie sie es in <em>Pulp Fiction<\/em> gesehen haben. Sie bauen H&auml;ser, die aussehen wie in den Hollywood-Filmen oder wie russische Datschen, wenn sie da mal Urlaub gemacht haben. Und wenn sie verhaftet werden, dann versuchen sie auf den Pressefotos so auszusehen, als ob man sie gerade beim Dreh von <em>The Matrix<\/em> h&auml;tte hochgehen lassen.<\/p>\n<p>Es ist eine bizarre Welt, nicht ohne Faszinosum, aber es ist ein d&uuml;steres und deprimierendes Faszinosum, weil es die Antwort auf die Frage sucht, wie so eine bizarre, makabre und groteske Welt so ein Gewicht bekommen kann? Das ist eine Frage, die sich in Italien viele stellen: Savianos Buch steht seit Wochen in den Top 10 der italienischen Bestsellerlisten. Ein Erfolg, den er m&ouml;glicherweise verfluchen wird. Denn die Generalabrechnung mit dem organisierten Verbrechen, vor allem aber die Nomenklatur von Camorristen aus den ersten, zweiten und dritten Reihen, die er aufstellt, haben ihm Kritiken eingebracht, die man keinem w&uuml;nscht: Ernstzunehmende Morddrohungen aus den Reihen derer, &uuml;ber die er erz&auml;hlt, dar&uuml;ber ist ja auch in Deutschland berichtet worden.<\/p>\n<p>Es ist ein notwendiges Buch, und ein Buch, dem man seinen Erfolg g&ouml;nnen w&uuml;rde, wenn es nicht diese deprimierenden Konsequenzen f&uuml;r Saviano h&auml;tte. Und wenn man aufschaut aus diesem Buch, dann ist man erstaunt, wie hell der Herbst doch noch sein kann hier in Neapel. Dr&uuml;ben r&ouml;hrt eine Vespa, man zuckt ein bi&szlig;chen zusammen und w&uuml;nscht dem lachenden P&auml;rchen, das drauf sitzt, einen guten Weg nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein komisches Gef&uuml;hl, durch den sp&auml;tsommerlichen italienischen Herbst zu fahren und dabei Roberto Savianos Gomorra zu lesen. Das Meer, die Natur, die K&uuml;stenst&auml;dte, selbst die abgeschrabbelten kleinen Vororte rings um den Vesuv geben sich alle M&uuml;he, friedlich, vergoldet und im Abglanz einer barmherzigen Sonne auszuruhen. 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