{"id":632,"date":"2007-10-19T13:40:32","date_gmt":"2007-10-19T10:40:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=632"},"modified":"2007-10-19T13:40:32","modified_gmt":"2007-10-19T10:40:32","slug":"tecno-brega","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/10\/19\/tecno-brega\/","title":{"rendered":"Tecno Brega"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ja nicht wirklich so, dass die Musikindustrie dem Exitus nahe ist: Das gilt nur f\u00fcr einige ihrer Protagonisten. Wenn man nach Modellen sucht, wie mit Musik Geld verdient werden kann, muss man sich nicht mit Radiohead begn\u00fcgen. Man kann auch mal ein bi\u00dfchen \u00fcber den amerikanischen und europ\u00e4ischen Tellerrand hinausschauen. In der brasilianischen Stadt Bel\u00e9m gibt es eine lebendige Party-Szene, die sich Tecno Brega nennt. Musikalisch ist das ein weiterer Hybrid lokaler Pop-Traditionen mit Techno-Twist, sehr roh und direkt, vergleichbar dem Baile Funk aus den Favelas von Rio de Janeiro, aber das ist nicht das Interessante. Spannend an der Tecno Brega-Szene sind die Methoden, wie der Vertrieb und die Vermarktung der Musik hier funktionieren. Und wie die Protganisten dieser Szene es geschafft haben, eine Art Gegen\u00f6konomie zur etablierten brasilianischen Musikindustrie aufzubauen.<\/p>\n<p>Kaum einer der K\u00fcnstler setzt darauf, mit Plattenver\u00f6ffentlichungen Geld zu verdienen. Die Szene existiert vor allem live, auf gro\u00dfen Partys und Sound Systems am Wochenende. Nat\u00fcrlich gibt es CDs mit Brega-Musik zu kaufen, \u00fcber 400 Platten erscheinen im Jahr, hei\u00dft es <a href=\"http:\/\/www.opendemocracy.net\/media-Music\/brazil_music_3880.jsp\">hier<\/a>. Aber diese Platten werden in der Regel ad hoc produziert &#8211; Brega darf ruhig billig klingen &#8211; und schnell auf den Markt geworfen, \u00fcber fliegende H\u00e4ndler, die sie f\u00fcr Preise um einen Euro verkaufen, nicht \u00fcber Plattengesch\u00e4fte. Denn die CDs sind nicht das, was vermarktet werden soll &#8211; sie sind das Marketing-Tool selbst: Auf den Covern und nicht selten auch in den Texten finden sich Hinweise auf die Partys am Wochenende. Der Preis ist nur ein Anreiz f\u00fcr die H\u00e4ndler, damit der Vertrieb der CDs funktioniert, aber er ist so niedrig wie es geht, damit sich m\u00f6glichst viele die Platten leisten k\u00f6nnen. Auch der Eintritt zur Party kostet selten mehr als ein bis zwei Euro. Weil die CD als Marketinginstrument gilt, k\u00f6nnen die Bands auch ganz gut damit leben, wenn die CDs schwarz kopiert und weiter gereicht werden: Das macht die Party und die eigene Musik nur bekannter.<\/p>\n<p>Eine weitere Besonderheit: Die Partys werden mitgeschnitten und die CDs direkt am Ende der Veranstaltung als Souvenirs verkauft (\u00fcblicher Preis: um die zwei Euro). Die Souvenirs sind auch darum begehrt, weil auch im Tecno Brega das Gr\u00fc\u00dfen eine wichtige Rolle spielt: Shout Outs f\u00fcr Freunde, Nachbarn und wer sonst noch so zur Posse geh\u00f6rt, sind fester Bestandteil des Party-Rituals &#8211; und die bezahlen dann gerne ein paar Euro f\u00fcr eine CD, auf der ihr Name zu h\u00f6ren ist. W\u00fcrde mich nicht wundern, wenn man die Shout Outs auch kaufen kann &#8211; vom Geburtstagsgru\u00df bis zum Product Placement geht da bestimmt einiges.<\/p>\n<p>Eine Brega-Band, <a href=\"http:\/\/www.bandacalypso.com.br\/\">Banda Calypso<\/a>, gilt mittlerweile als popul\u00e4rste Band Brasiliens. Das Ensemble verdient aber so gut wie kein Geld mit dem Verkauf der eigenen CDs, umso mehr daf\u00fcr \u00fcber Live-Auftritte (und ein paar DVD-Ver\u00f6ffentlichungen). Schlecht scheint&#8217;s den Musikern dabei nicht zu gehen: Eine Anekdote erz\u00e4hlt, dass ein Fernsehsender die Band f\u00fcr einen Auftritt mit einem Firmenjet einfliegen wollte. Banda Calypso lehnte dankend ab: Nicht n\u00f6tig, man besitze ein eigenes Flugzeug.<\/p>\n<p>Es gibt \u00e4hnlich kreative Vertriebsmechanismen wie in der Brega-Szene auch in anderen Regionen der Welt, in anderen Musikszenen usw. Aber in Bel\u00e9m ist die \u00fcbliche Vermarktungslogik der westlichen Musikindustrie ganz deutlich auf den Kopf gestellt: W\u00e4hrend bei uns der Auftritt (das einmalige Ereignis) nur ein Marketing-Tool ist, um ein dauerhaftes &#8222;Werk&#8220; (das Album, die Single) zu verkaufen, ist es hier genau umgekehrt: Das Ereignis ist die Hauptsache, und Geld wird mit Dingen verdient, die die Einmaligkeit unterstreichen und verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>(<a href=\"http:\/\/www.openbusiness.cc\/2005\/09\/26\/tecno-brega\/\">Via.<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ja nicht wirklich so, dass die Musikindustrie dem Exitus nahe ist: Das gilt nur f\u00fcr einige ihrer Protagonisten. Wenn man nach Modellen sucht, wie mit Musik Geld verdient werden kann, muss man sich nicht mit Radiohead begn\u00fcgen. Man kann auch mal ein bi\u00dfchen \u00fcber den amerikanischen und europ\u00e4ischen Tellerrand hinausschauen. 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