{"id":638,"date":"2009-12-08T18:36:15","date_gmt":"2009-12-08T15:36:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=638"},"modified":"2009-12-08T18:36:15","modified_gmt":"2009-12-08T15:36:15","slug":"technologiekritikkritik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/12\/08\/technologiekritikkritik\/","title":{"rendered":"Technologiekritikkritik"},"content":{"rendered":"<p>Ich dachte schon, ich bin der Einzige, der Kathrin Passigs <a href=\"http:\/\/www.online-merkur.de\/seiten\/lp200912adz.htm\">Anti-Anti-Fortschrittsglosse<\/a> f\u00fcr ein eher fades S\u00fcppchen h\u00e4lt, aber <a href=\"http:\/\/www.struppig.de\/vigilien\/?p=2152\">hier<\/a> stehen ein paar richtige Gedanken dazu. Passigs Kritik an der Technologiekritik und ihren &#8222;Standardsituationen&#8220; folgt doch selbst einem reichlich abgenutzten Standardmodell: Neues doof zu finden, ist selber doof, weil zum Beispiel Autos und Telefon und Rad hat ja erst auch keiner verstanden, und wie doof war das denn? Passigs einzige originelle Zutat ist so eine Art ironisches Stufenmodell des Doof-Findens, leider nur vorgef\u00fchrt an einem ziemlich wackligen T\u00fcrmchen aus allerlei \u00c4pfeln und Birnen.<\/p>\n<p>Die Durchsetzung eines Produkts als Widerlegung der Kritik daran zu behaupten und letztere mit einem &#8222;Alles schon mal dagewesen&#8220; abzutun, ist mindestens so banal und reaktion\u00e4r wie die Haltung, die damit kritisiert werden soll. Selbst das Zitat, das gerne als d\u00fcmmstes Beispiel f\u00fcr \u00fcbertriebene Innovationsskepsis angef\u00fchrt wird \u2013 n\u00e4mlich der angeblich 1943 von IBM-Chef Thomas Watson ge\u00e4u\u00dferte Satz, dass es weltweit nur einen Markt f\u00fcr f\u00fcnf Computer g\u00e4be \u2013 ist nicht ganz so dumm wie es gemacht wird. Immerhin steckt darin noch ein wenig Gesp\u00fcr daf\u00fcr, dass Markt und Bedarf mal zwei zusammengedachte Begriffe waren, w\u00e4hrend es heute eben als Erfolg gilt, die hochgepitchten M\u00e4rkte mit mit st\u00e4ndigen Produktlaunches und Updates vollzupumpen, deren Sinn, Zweck und Innovationsgrad tats\u00e4chlich oft nicht feststellbar ist.<\/p>\n<p>Und wenn Passig vom Fu\u00dfball schon eine Metapher klaut, h\u00e4tte sie zumindest auch daran k\u00f6nnen, dass das Ein\u00fcben von Standardsituationen nichts ist, wor\u00fcber man die Nase r\u00fcmpfen m\u00fcsste. Dass sich manche Inhalte der Kritik \u00f6fter wiederholen, k\u00f6nnte auch einfach damit zusammenh\u00e4ngen, dass sie sich nicht wirklich er\u00fcbrigt haben. Etwa weil die Neuheiten, denen sie gelten, hinter der schicken Fassade unweigerlich einiges mitschleppen, was man weiterhin kritisieren kann.<\/p>\n<p>Anders gesagt:<\/p>\n<blockquote><p>Wir k\u00f6nnen von Schmockwitz nach Schweifwedel telephonisch sprechen, wir wissen aber noch nicht, wie der Fortschritt aussieht. Wir wissen blo\u00df, da\u00df er auf die Qualit\u00e4t der Ferngespr\u00e4che keinen Einflu\u00df genommen hat, und wenn wir einmal so weit halten werden, da\u00df man zwischen Wien und Berlin Gedanken \u00fcbertragen wird, so wird es nur an den Gedanken liegen, wenn wir diese Einrichtung nicht in ihrer Vollkommenheit werden bewundern k\u00f6nnen. Die Menschheit wirtschaftet drauflos; sie braucht ihr geistiges Kapital f\u00fcr ihre Erfindungen auf und beh\u00e4lt nichts f\u00fcr deren Betrieb. Der Fortschritt aber ist schon deshalb eine der sinnreichsten Erfindungen, die ihr je gelungen sind, weil zu seinem Betrieb nur der Glaube notwendig ist, und so haben jene Vertreter des Fortschritts gewonnenes Spiel, die einen unbeschr\u00e4nkten Kredit in Anspruch nehmen.<\/p>\n<p>&#8211; Karl Kraus, <em>Der Fortschritt<\/em><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich dachte schon, ich bin der Einzige, der Kathrin Passigs Anti-Anti-Fortschrittsglosse f\u00fcr ein eher fades S\u00fcppchen h\u00e4lt, aber hier stehen ein paar richtige Gedanken dazu. 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