{"id":642,"date":"2010-01-12T20:38:43","date_gmt":"2010-01-12T17:38:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=642"},"modified":"2010-01-12T20:38:43","modified_gmt":"2010-01-12T17:38:43","slug":"meiningen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/01\/12\/meiningen\/","title":{"rendered":"Meiningen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4034\/4265886856_11eea0539f.jpg\" alt=\"Meiningen\" \/><\/p>\n<p>Und so krieche ich langsam aus dem Kokon, den die diversen Feier- und Br\u00fcckentage gesponnen haben, in das frostige Licht dieser neuen Dekade. Es war angenehm, das Ende der Nullerjahre mit ein paar Tagen wirklicher Ruhe markieren zu k\u00f6nnen und von der <em>Matrix<\/em> nichts weiter wahrzunehmen als ein diffuses Grundrauschen, etwa so wie das Knistern und Knacken auf alten Schallplatten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2736\/4265219473_66e01b8453.jpg\" alt=\"Meiningen\" \/><\/p>\n<p>Der Arbeitsalltag lie\u00df sich auch einigerma\u00dfen beschaulich an, mit einer kurzen Reise nach Meiningen. Ich komme selten genug in den Osten, noch weniger nach Th\u00fcringen, und in Meiningen war ich schon gar nicht gewesen. Und da ich neben den paar Terminen auch gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr einen Spaziergang durch die Stadt haben w\u00fcrde, bin ich auch gern losgefahren.<!--more--><\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4012\/4265874088_1ffdc19a07.jpg\" alt=\"Meiningen\" \/><\/p>\n<p>Der Winter ist ja ein Gleichmacher in den meisten St\u00e4dten, je nach Licht ein gn\u00e4diger oder ein unbarmherziger: Eine Schneedecke nivelliert viele sonst sichtbare Kontraste zwischen gepflegten und brachliegenden Fl\u00e4chen, die tief geh\u00e4ngte Wintersonne zeichnet alle Farben, auch die schmutzigen, in einem weicheren Licht, oder es ist grau und verhangen, dann wirken auch leuchtende Fassaden ausgewaschen und blass. In Meiningen schien die Sonne, die Schneedecke war zwar nicht dick, aber geschlossen und leuchtend weiss, und die Stadt sah aufger\u00e4umt und sauber aus, aber wirkte auch ein bisschen unvollst\u00e4ndig, wie eine Simulation ihrer selbst oder eine Entwurfsskizze, deren Zwischenr\u00e4ume erst noch gef\u00fcllt werden m\u00fcssten.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2703\/4265118447_6d4a365079.jpg\" alt=\"Theater Meiningen\" \/><\/p>\n<p>Als Spazierg\u00e4nger bemerkt man zun\u00e4chst eine Art Zweiteilung der Stadt: Da ist einmal die recht kompakte und aufger\u00e4umte Innenstadt, die wie eine Insel eingefa\u00dft wird von der Werra und einem interessanten System davon abgezweigter Kan\u00e4le und Gr\u00e4ben. Im Norden schlie\u00dfen sich zwei gro\u00dfz\u00fcgig angelegte Parks an: Der Schlo\u00dfpark und der Englische Garten, in der Mitte durchschnitten von einem etwas Potemkinschen Boulevard. Bernhardstra\u00dfe und Leipziger Stra\u00dfe werden ges\u00e4umt von repr\u00e4sentativen Prachtbauten und Villen, die im Ma\u00dfstab einer Kleinstadt ein wenig \u00fcberdimensioniert wirken. Vor allem das Theater, mit seiner massiven klassizistischen Fassade, macht einen leicht megalomanen Eindruck: Die in Architektur umgesetzte Behauptung, dass man hier, mitten in der Provinz, einen Kunsttempel vor sich hat, der den Tempeln der Metropolen gleichwertig ist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2799\/4265174859_65c368951d.jpg\" alt=\"Bernhardstra\u00dfe Meiningen\" \/><\/p>\n<p>Das war freilich, als das Theater gebaut wurde, keine leere Behauptung. Meiningen war damals Haupt- und Residenzstadt eines der kleineren Flecken auf dem Teppich deutscher Gro\u00df- und Kleinstaaten. Das Herzogtum Sachsen-Meiningen geh\u00f6rte politisch zwar nur in die Zweite Liga, die Ambitionen auf kulturellem Feld waren daf\u00fcr um so gr\u00f6\u00dfer, und tats\u00e4chlich entwickelte sich die Stadt zu einer europ\u00e4ischen Theaterhochburg, von der wichtige Anst\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Entwicklung moderner Theater- und Konzertpraxis ausgingen. Interessanterweise nahm der lokale F\u00fcrst, Herzog Georg II., dabei eine tragendere Rolle ein als sonst adlige M\u00e4zene. Der kunstbegeisterte Herzog, der kaum eine diplomatische Mission ins Ausland ohne ein paar Theaterbesuche verstreichen lie\u00df, lie\u00df es sich nicht nehmen, aktiv an der Neuorganisation, Verwaltung und k\u00fcnstlerischen Ausrichtung seines Hoftheaters mitzuwirken. Die Modernit\u00e4t seiner Auffassungen muss man dabei etwas relativieren: Sein Ehrgeiz galt einer weihe- und w\u00fcrdevollen, quasi religi\u00f6s ausge\u00fcbten Kunst, die sich um ehrerbietige &#8222;Werktreue&#8220; und historistische &#8222;Authentizit\u00e4t&#8220; bem\u00fchte. Der moderne Aspekt dieser Theaterkonzeption lag vor allem in der gesteigerten Bedeutung der Text- und Probenarbeit: Um den Text so werktreu wie m\u00f6glich zu interpretieren, sollte man sich zuvor intensiv mit ihm auseinandersetzen, ihn analysieren, die Interpretation durch weitere Recherchen st\u00fctzen usw. Eine sorgf\u00e4ltige Regiearbeit dieser Art war an den meisten Theatern in Deutschland, die eher auf kurzlebige Saisonerfolge ausgerichtet waren, nicht \u00fcblich. Auch die Ensemblearbeit nahm unter Georgs \u00c4gide ganz neue Formen an: Besetzt wurde nicht mehr nach &#8222;Fach&#8220;, sondern intuitiv, und wer in einem St\u00fcck die Hauptrolle \u00fcbernahm, hatte in der n\u00e4chsten Produktion m\u00f6glicherweise nur eine Nebenrolle. Nat\u00fcrlich hat Georg die Reformen nicht allein vorangetrieben: Neben dem Schauspieler und Intendanten Ludwig Chronegk ist vor allem Georgs Grace Kelly zu nennen, die Schauspielerin Ellen Franz, die er in dritter Ehe heiratete und zur Freifrau Helen von Heldburg adelte. F\u00fcr die Aufwertung der Meininger Hofkapelle gewann man den Stardirigenten Hans von B\u00fclow, dessen Gattin Cosima (die sp\u00e4tere Frau Wagner) mit Ellen befreundet war. Eine ganz illustre Konstellation also, vergleichbar mit dem Glamour von Monaco (war ja auch mal nur ein kleines Provinzkaff), aber auch den Ambitionen arabischer Emirate. Die Ensembles wurden im \u00fcbrigen auch als Kulturexporte eingesetzt, und das ziemlich erfolgreich. Angeblich soll Stanislawski von einem Gastspiel in Moskau zur Gr\u00fcndung seines K\u00fcnstlertheaters inspiriert worden sein &#8211; keine Ahnung, ob das stimmt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2721\/4265057871_16ae6cdf3c.jpg\" alt=\"Bank f\u00fcr Th\u00fcringen\" \/><\/p>\n<p>Wie heute Dubai wollte sich Meiningen aber nicht nur als Event-Metropole positionieren, sondern auch als Finanz- und Dienstleistungszentrum. F\u00fcr eine Kleinstadt gibt es hier erstaunlich viele beeindruckend dimensionierte Bankengeb\u00e4ude. Interessant (und vor allem zug\u00e4nglich) ist zum Beispiel der Bau, in dem heute die Sparkasse residiert, aber auch die benachbarte, fr\u00fchere Bank f\u00fcr Th\u00fcringen. Deren Gr\u00fcnder, der Bankier Gustav Strupp. lie\u00df sich sp\u00e4ter am Anfang der Bernhardstra\u00dfe, genau an der Schnittstelle von Alt- und Repr\u00e4sentationsstadt, eine nicht minder grandiose Villa bauen. In der DDR wurde die als Kulturhaus genutzt, heute ist sie, wie die Wikipedia knapp vermeldet, im Besitz von Strupps Erben, die aber offenbar nicht viel damit anzufangen wissen: Das Geb\u00e4ude steht leer.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4028\/4265121719_482727360e.jpg\" alt=\"Villa Strupp\" \/><\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der Villa liegt der Englische Garten, eine weitl\u00e4ufige Parklandschaft, deren Gestaltung durch die Schneedecke freilich ein bi\u00dfchen verschleiert wird. So kann man die kleinen Miniaturwelten, die hier nebeneinander platziert wurden wie die Attraktionen eines Vergn\u00fcgugnsparks, mehr ahnen als erkennen: Die romantischen Pseudoruinen direkt neben dem Theater zum Beispiel, die vielen k\u00fcnstlichen H\u00fcgelchen und Senken, die etwas bizarren Deko-Gr\u00e4ber rmitsamt neogotischem Friedhofskapellchen. Die Arbeit der Gartenarchitekten wird zur Zeit vor allem von rodelbegeisterten Familien gew\u00fcrdigt, die die zahlreichen Abfahrtsm\u00f6glichkeiten begeistert nutzen (und dabei auch schon mal einen Grabstein als Rampe zweckentfremden).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4042\/4265199077_e70055c828.jpg\" alt=\"Englischer Garten Meiningen\" \/><\/p>\n<p>Interessant ist, dass der Bahnhof sich von der Stadt aus am anderen Ende des Parks befindet, und ich w\u00fcrde doch gerne wissen, ob das nur aus verkehrstechnischen Gr\u00fcnden notwendig war, oder ob das bewusst so gestaltet wurde, um die Besucher erst mal im Gr\u00fcnen ankommen zu lassen. So spaziert man erst einmal durch die Themenwelt des Gartens, und wenn man die ersten H\u00e4user der Innenstadt erreicht, meint man, von einem Park in den n\u00e4chsten zu kommen, von einer g\u00e4rtnerischen in eine st\u00e4dtische Museumsanlage, von einem bunten Nebeneinander verschiedener Landschaftsformen in ein buntes Nebeneinander architektonischer Formen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2791\/4265216553_5971027d85.jpg\" alt=\"Meiningen\" \/><\/p>\n<p>Das grandioseste Geb\u00e4ude der Stadt blieb nat\u00fcrlich dem Herzog vorbehalten: Schlo\u00df Elisabethenburg, eine barocker Repr\u00e4sentations- und Verwaltungsbau, dessen viel\u00e4ugige Fensterfront ein bisschen an die panoptischen Architekturen erinnert, die Foucault in \u00dcberwachen und Strafen schildert. Es ist ein strenger, wenig einladender Bau, der ganz auf die Autorit\u00e4t seines vervielf\u00e4ltigten Blicks setzt. Man m\u00f6chte da nicht wirklich hineingehen m\u00fcssen, und so bin ich lieber durch den Schlo\u00dfpark spaziert und habe mir angesehen, wie die Abendsonne ein paar Kunstwerke im \u00f6ffentlichen Raum goldgelb anmalte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2794\/4265894192_494438af5e.jpg\" alt=\"Schloss Elisabethenburg, Meiningen\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und so krieche ich langsam aus dem Kokon, den die diversen Feier- und Br\u00fcckentage gesponnen haben, in das frostige Licht dieser neuen Dekade. 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