{"id":645,"date":"2010-07-21T12:51:46","date_gmt":"2010-07-21T09:51:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=645"},"modified":"2010-08-06T12:01:42","modified_gmt":"2010-08-06T09:01:42","slug":"fliegen-heisst-siegen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/07\/21\/fliegen-heisst-siegen\/","title":{"rendered":"Fliegen hei\u00dft siegen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4143\/4815031104_798737d8fe_d.jpg\" alt=\"Fliegen hei\u00dft siegen\" \/><\/p>\n<p>Ein kurzer Hinweis auf einen sehenswerten Film: Heute abend l\u00e4uft auf Arte die Dokumentation <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/de\/woche\/244,broadcastingNum=1127586,day=5,week=29,year=2010.html\">Fliegen hei\u00dft siegen &#8211; Die verdr\u00e4ngte Geschichte der Deutschen Lufthansa<\/a> von Christoph Weber (dessen <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=434\">Black Starlets<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=674\">Operation Wunderland<\/a> ich hier auch schon erw\u00e4hnt habe).<!--more--><\/p>\n<p>Ein Film \u00fcber ein unver\u00e4ndert relevantes Thema: Die Auseinandersetzung deutscher Unternehmen mit ihrer Geschichte im Dritten Reich. Lange genug wurde das aktive oder passive Mitwirken schweigend \u00fcbergangen oder nach dem Motto &#8222;Wir waren ja alle Opfer&#8220; uminterpretiert. Immerhin haben in den vergangenen Jahren einige Firmen damit begonnen, wenigstens ein paar Aspekte ihrer Verwicklungen aufzuarbeiten, zu dokumentieren und erforschen zu lassen &#8211; freilich oft genug nur dann, wenn der \u00f6ffentliche Druck gro\u00df genug und eine Stellungnahme unvermeidlich war.<\/p>\n<p>Die Lufthansa hat sich diesem Thema bisher kaum gestellt, und sie glaubt auch, einen guten Grund daf\u00fcr zu haben: Sie sieht sich nicht als Rechtsnachfolger der Vorkriegs-Lufthansa, sondern als neues, nach dem Krieg gegr\u00fcndetes Unternehmen. Gleichwohl schm\u00fcckt man sich nat\u00fcrlich mit Namen und Ikonographie des Vorg\u00e4ngers und suggeriert damit Kontinuit\u00e4t und Tradition, ohne f\u00fcr deren dunkle Seiten geradestehen zu wollen. Die kaltschn\u00e4uzige Seite dieser Inkonsequenz findet sich kaum deutlicher auf den Punkt gebracht als in der ebenso knappen wie ekelhaften Formulierung eines Lufthansa-Anwalts, mit dem Christoph Weber korrespondierte: Fehler in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit habe man nicht gemacht, weil es keine Vergangenheit gibt, mit der man sich auseinandersetzen m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p>Es ist das klassische Modell: Die Nazi-Zeit wird als Perversion einer an sich unschuldigen Tradition gesehen, an die problem- und folgenlos angekn\u00fcpft werden k\u00f6nnte. Christoph Webers Film antwortet auf diese Haltung mit einer sorgf\u00e4ltig recherchierten und genau erz\u00e4hlten Dokumentation, die zeigt, wie eng das Unternehmen, dessen Namen, aber nicht dessen Verantwortlichkeiten die aktuelle Lufthansa fortf\u00fchren will, in die politischen und milit\u00e4rischen Strukturen eingebunden war und welche zentrale Rolle sie vor allem f\u00fcr die Kriegsvorbereitungen und milit\u00e4rischen Operationen des NSDAP-Regimes spielte. Exemplarisch steht daf\u00fcr Erhard Milch, der als Vorstandsmitglied der Lufthansa,  Staatssekret\u00e4r im Luftfahrtministerium und Generalinspekteur der Luftwaffe die Symbiose der zivilen und milit\u00e4rischen Luftfahrt gew\u00e4hrleistete. Bezeichnenderweise hat Milch m\u00f6glicherweise selbst versucht, seine Biographie zu klittern, als Zweifel an seiner arischen Abstammung laut wurden.<\/p>\n<p>Wo dann doch Auseinandersetzung stattfindet, wird sie allenfalls rudiment\u00e4r betrieben. So ist der Ausgangspunkt des Films eine Studie zur Geschichte der Lufthansa im Dritten Reich, die zwar vom aktuellen Konzern finanziert, nach Fertigstellung aber nie ver\u00f6ffentlicht wurde. Ein bezeichnender Moment ist auch der Besuch der <a href=\"http:\/\/www.heinzherrmann.com\/?thema=41\">Erich-Schatzki-Stra\u00dfe<\/a> auf dem Hamburger Lufthansa-Gel\u00e4nde. Schatzki war in den Anfangsjahren der Lufthansa Leiter der technischen Entwicklungsabteilung, wurde aber im Umfeld der Machtergreifung als Jude aus dem Betrieb gemobbt. Dass es eine Firmenstra\u00dfe mit diesem Namen gibt, ist vor allem der Initiative einiger engagierter Betriebsr\u00e4te zu verdanken &#8211; dass auf dem Stra\u00dfenschild kein biographischer Hinweis angebracht werden durfte (wie ein Betriebrat auf der Premiere des Films erz\u00e4hlte), und dass der Pressesprecher, der die Stra\u00dfe gemeinsam mit Schatzkis Sohn und dem Filmteam aufsucht, nicht besonders informiert auftritt, pa\u00dft wiederum zur gesamten Konzernkommunikation zu diesem Thema.<\/p>\n<p>Die Sorgfalt und Aufmerksamkeit, mit der sich der Film dieser Geschichte widmet, ist aber vor allem da wirkungsvoll, wo es um das Schicksal der Zwangsarbeiter geht, die f\u00fcr die Lufthansa arbeiten mussten: Hier erkennt man, dass zur Trag\u00f6die der Gefangenschaft noch eine weitere kam, n\u00e4mlich die, \u00fcber das eigene Schicksal nicht wirklich sprechen zu k\u00f6nnen und keine Plattform zu finden, auf der das pers\u00f6nliche Leid ernst genommen wird. Dass sich die Lufthansa bis heute hinter juristischen und b\u00fcrokratischen Argumenten verschanzt, um diese Diskussionen nicht f\u00fchren zu m\u00fcssen, geh\u00f6rt zu den besch\u00e4mendsten Aspekten der Firmengeschichte.<\/p>\n<p>&#8222;Fliegen hei\u00dft siegen&#8220; l\u00e4uft heute abend um 20.15 auf Arte. Der Film wird am 24. und 27. Juli wiederholt, am 4. August zeigt die ARD um 23.15 eine gek\u00fcrzte Fassung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kurzer Hinweis auf einen sehenswerten Film: Heute abend l\u00e4uft auf Arte die Dokumentation Fliegen hei\u00dft siegen &#8211; Die verdr\u00e4ngte Geschichte der Deutschen Lufthansa von Christoph Weber (dessen Black Starlets und Operation Wunderland ich hier auch schon erw\u00e4hnt habe).<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-645","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/645","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=645"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/645\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1224,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/645\/revisions\/1224"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}