{"id":655,"date":"2007-12-03T15:46:51","date_gmt":"2007-12-03T12:46:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=655"},"modified":"2007-12-03T15:46:51","modified_gmt":"2007-12-03T12:46:51","slug":"die-bibliothek-der-ungeliebten-bucher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/12\/03\/die-bibliothek-der-ungeliebten-bucher\/","title":{"rendered":"Die Bibliothek der ungeliebten B\u00fccher"},"content":{"rendered":"<p>In Arno Schmidts <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3596291232?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3596291232\">Tina<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3596291232\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> ist das Elysium eine H\u00f6lle der unendlichen Dauer: Jeder Mensch ist zum ewigen Leben verdammt, so lange sich noch eine Spur von ihm auf Erden findet &#8211; ein Buch, ein Brief, die Nennung des Namens in einer Akte. Erst wenn auch die letzte Notiz getilgt und vernichtet ist, darf sich die m\u00fcde Seele ins ewige Nichts aufl\u00f6sen.<!--more--><\/p>\n<p>In dieser Welt wird man mit Horror h\u00f6ren, <a href=\"http:\/\/www.bl.uk\/news\/2006\/pressrelease20060703.html\">was die British Library in Yorkshire plant<\/a>: Den Bau einer gigantischen Lagerhalle, die Platz f\u00fcr sieben Millionen Objekte bieten soll. Vor allem &#8222;nil to low use material&#8220;: Publikationen, die so selten genutzt werden, dass die Lagerung in London zu teuer kommt. Gelagert werden muss das Material aber: Es ist schlie\u00dflich der Auftrag der British Library, das nationale Schrifttum zu dokumentieren, zu sammeln und vorzuhalten. Das Ged\u00e4chtnis der Nation darf nicht vergessen: Selbst das Triviale, das Fl\u00fcchtige und das Ungeh\u00f6rte m\u00fcssen darin aufbewahrt werden, denn wer kann heute schon wissen, aus welchen Details sich zuk\u00fcnftige Generationen das Mosaik unserer Zeit zusammensetzen wollen?<\/p>\n<p>Ein Auftrag, der freilich einige logistische Anforderungen stellt: Denn die Nachrichten vom Tod des Buches sind stark \u00fcbertrieben. Um alles das aufzubewahren, was im Laufe eines Jahres in Gro\u00dfbritannien gedruckt und verlegt wird, muss die British Library j\u00e4hrlich 12,5 zus\u00e4tzliche Kilometer Regalbrett bereitstellen. (Und das bei den Immobilienpreisen in London, ichbittsie.) Darum nun der Bau dieser riesigen Halle auf der gr\u00fcnen Wiese, in Boston Spa bei Leeds (wo die British Library schon seit einigen Jahrzehnten ihre Au\u00dfenstelle f\u00fcr Fernleihe betreibt). Da entsteht nun das Hi-Tech-Mausoleum f\u00fcr die Dokumente, die kaum jemand lesen m\u00f6chte. Ein Grabmal f\u00fcr die ungeliebten B\u00fccher und Periodika, die vielleicht irgendwann mal durch die Hand eines zuk\u00fcnftigen Arch\u00e4ologen aus ihren vakuumverpackten und s\u00e4uregesch\u00fctzten Sarkophagen auferstehen werden.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich lagert dort dann nicht nur obskures Zeug, selbstverlegte Lyrikb\u00e4ndchen eines poetisch irrlichternden Dorfschulmeisterleins, ungelesene Autobiographien von Pop-Stars, die nie welche waren, oder heilige Schriften irgendwelcher Privatkulte. &#8222;Nil or low use&#8220; sind auch Objekte, die von der Aktualit\u00e4t \u00fcberholt wurden: Fernsehzeitschriften, Stadtmagazine, Handb\u00fccher.<\/p>\n<p>Soll man wirklich alles aufbewahren, <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/weekend\/story\/0,,2214707,00.html\">fragt der Guardian<\/a>. Kann die Erinnerung einer Gesellschaft nicht auch in Langzeit- und Kurzzeitged\u00e4chtnisse unterteilt werden. Wo kommt man hin, wenn einen selbst das Ephemere nicht mehr vor der Unsterblichkeit rettet? Einmal ein Praktikum bei einem Stadtmagazin gemacht und ein paar Daten f\u00fcr den Terminkalender zusammengeschmissen, schon ist man f\u00fcr immer gefangen in der ewigen Langeweile des Elysiums.<\/p>\n<p>Keine Ahnung. Ich treib mich ja selbst gerne in abgelegenen literarischen und dokumentarischen Gefilden herum, und die Vorstellung, einmal so ein Dead Letter Office des zeitgen\u00f6ssischen Schreibens aufzusuchen, hat etwas Gruseliges und Faszinierendes, die wahrscheinlich nur jemand nachempfinden kann, der seinen Kopf auch schon mal l\u00e4nger als f\u00fcr f\u00fcnf Minuten in ein Anekdotenbuch aus Olims Zeiten oder in statistische Annalen einer mitteleurop\u00e4ischen Gro\u00dfstadt des 19. Jahrhunderts gesteckt hat. Und den Bartlebys, die dieses Universum der Nichtigkeit verwalten werden, zolle ich schon mal meinen Respekt und ein bi\u00dfchen Neid.<\/p>\n<p>In Schmidts Unterwelt steht ein Denkmal: Gewidmet dem Brandstifter der Bibliothek von Alexandria, f\u00fcr sein gro\u00dfes Werk der Befreiung tausender verdammter Seelen. Ich frage mich, was passiert, wenn die Lagerhalle in Leeds er\u00f6ffnet wird. Ich sehe schon Horden von Untoten, die durch die Stra\u00dfen von Leeds ziehen, mit Fackeln in der Hand und w\u00fctende Fl\u00fcche aussto\u00dfend auf die herzlosen Bibliothekare und Archivare, die ihnen das Vergessen nicht g\u00f6nnen wollen. Nur weil sie einmal im Leben die Dummheit gemacht haben, etwas aufzuschreiben und zu ver\u00f6ffentlichen: Denn das Wort ward Material und das Material will gesammelt werden.<\/p>\n<p>(Via <a href=\"http:\/\/bldgblog.blogspot.com\/2007\/12\/future-warehouse-of-unwanted-books.html\">Bldgblg<\/a>, dort auch der Link zu <a href=\"http:\/\/www.newyorker.com\/reporting\/2007\/11\/05\/071105fa_fact_grafton\">diesem lesenswerten Artikel<\/a> im <em>New Yorker<\/em>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Arno Schmidts Tina ist das Elysium eine H\u00f6lle der unendlichen Dauer: Jeder Mensch ist zum ewigen Leben verdammt, so lange sich noch eine Spur von ihm auf Erden findet &#8211; ein Buch, ein Brief, die Nennung des Namens in einer Akte. 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