{"id":656,"date":"2007-12-04T17:47:13","date_gmt":"2007-12-04T14:47:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=656"},"modified":"2007-12-04T17:47:13","modified_gmt":"2007-12-04T14:47:13","slug":"bucher-aus-der-holle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/12\/04\/bucher-aus-der-holle\/","title":{"rendered":"B\u00fccher aus der H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2003\/2086459560_1d55034b77_m.jpg\" alt=\"Cheval de Berkly\" \/><\/p>\n<p>Bisweilen spinnt die Aktualit\u00e4t einen Faden weiter, den man selbst erst aufgenommen hat: W\u00e4hrend die <em>British Library<\/em> <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=655\">eine Lagerhalle f\u00fcr ungeliebte B\u00fccher baut<\/a>, \u00f6ffnet die <em>Biblioth\u00e8que nationale<\/em> die Pforten der H\u00f6lle: <a href=\"http:\/\/www.bnf.fr\/pages\/zNavigat\/frame\/cultpubl.htm?ancre=exposition_731.htm\">L&#8217;enfer du biblioth\u00e8que, Eros au secret<\/a> hei\u00dft eine Ausstellung, die dort heute beginnt und bis zum kommenden M\u00e4rz dauert.<!--more--><\/p>\n<p>Eine Nationalbibliothek muss ja nicht nur die B\u00fccher archivieren, die keiner mehr lesen will, sondern auch die, die keiner lesen soll: Die obsz\u00f6nen, pornografischen, sittlich bedenklichen Werke, die nur von moralisch sattelfesten Personen oder solchen mit rein wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse eingesehen werden d\u00fcrfen. (Es wird gemeinhin davon ausgegangen, dass das eine mit dem anderen identisch ist.)<\/p>\n<p>In der <em>Biblioth\u00e8que nationale<\/em> tr\u00e4gt der Fundus dieser Werke den plakativen Namen <em>l&#8217;enfer<\/em> (und die B\u00fccher, die dort landen, auch tats\u00e4chlich die entsprechende Sigle: <em>ENFER-<\/em>). In der deutschen <em>Wikipedia<\/em> findet sich ein <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Enfer\">lesenswerter Artikel<\/a> \u00fcber die Entstehung dieser bibliothekarischen H\u00f6lle, der auch die paradoxe Konsequenz dieser Einrichtung beleuchtet, n\u00e4mlich dass der Akt des Wegschlie\u00dfens das \u00f6ffentliche Interesse eher befl\u00fcgelt hat. Je nach Blickwinkel mochte der <em>Enfer<\/em> als Gef\u00e4ngnis  oder als Geheimkabinett erscheinen, jedenfalls als Projektionsfl\u00e4che, in dem alle m\u00f6glichen L\u00fcste und Phantasien verf\u00fcgbar waren. Anders ist es nicht zu verstehen, dass schon einfache Literaturverzeichnisse, die nur den Bestand des Enfer auflisteten, zu Bestsellern werden konnten. (Eines stammte von Apollinaire.)<\/p>\n<p>Ob die Ausstellung in Paris dazu beitr\u00e4gt, einen neuen Blick auf die Genese der b\u00fcrgerlichen Moral zu werfen und besser zu verstehen, warum nicht mehr das Ketzerische, sondern das Obsz\u00f6ne verfolgt wurde, kann ich nicht sagen . Immerhin spannt sie den Bogen weit: Die Exponate reichen von den Anf\u00e4ngen des Fundus im 19. Jahrhundert bis in die Sechziger Jahre, als sich die gesellschaftliche Einstellung zur Pornografie wandelte, und damit auch die \u00f6ffentliche Verf\u00fcgbarkeit des Materials und die Funktion der H\u00f6lle. Es gibt sie bis heute, und sie wird &#8211; nach einer Unterbrechung in den Siebziger Jahren &#8211; auch weiterhin kontinuierlich bef\u00fcllt. Gesammelt werden dort immer noch vor allem Erotika, das sind dann aber meist besonders seltene, kostbare oder aus thematischen Gesichtspunkten besonders relevante Werke. (Und so findet sich z.B. unter der Sigle <em>ENFER-2532<\/em> auch ein Band namens <a href=\"http:\/\/catalogue.bnf.fr\/servlet\/notices;jsessionid=0000osCZ0AjZ6vtBnIz5rrlHp87:-1?ID=78768986&#038;idNoeud=1.4&#038;NomAutorite=&#038;host=catalogue\">Verg\u00e4nglichkeit der Sch\u00f6nheit<\/a> mit Gedichten von Gryphius, Hoffmannswaldau und Dach.) Um&#8217;s mit der Wikipedia zu sagen: Ging es fr\u00fcher darum, die \u00d6ffentlichkeit vor unmoralischen B\u00fcchern zu sch\u00fctzen, geht es heute darum, kostbare B\u00fccher vor zu intensiver Nachfrage zu bewahren.<\/p>\n<p>Informationen zur Ausstellung gibt es bei <a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/web\/article\/0,1-0@2-3246,36-985287@51-985380,0.html\">Le Monde<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.elpais.com\/articulo\/cultura\/infierno\/libro\/prohibido\/elpepucul\/20071204elpepicul_1\/Tes\">El Pa\u00eds<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bisweilen spinnt die Aktualit\u00e4t einen Faden weiter, den man selbst erst aufgenommen hat: W\u00e4hrend die British Library eine Lagerhalle f\u00fcr ungeliebte B\u00fccher baut, \u00f6ffnet die Biblioth\u00e8que nationale die Pforten der H\u00f6lle: L&#8217;enfer du biblioth\u00e8que, Eros au secret hei\u00dft eine Ausstellung, die dort heute beginnt und bis zum kommenden M\u00e4rz dauert.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-656","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=656"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=656"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=656"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=656"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}