{"id":660,"date":"2007-12-13T15:54:27","date_gmt":"2007-12-13T12:54:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=660"},"modified":"2007-12-13T16:22:36","modified_gmt":"2007-12-13T13:22:36","slug":"rubljovka","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/12\/13\/rubljovka\/","title":{"rendered":"Rubljovka"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2052\/2108684678_068ff9022d_m.jpg\" alt=\"Rubljovka\" \/><\/p>\n<p><em>Rubljovka<\/em> ist der Spitzname eine Ausfallstra\u00dfe aus Moskau: Eigentlich hei\u00dft sie Rubljowo-Uspenskoje-Chaussee, bei der russischen Stra\u00dfenverwaltung tr\u00e4gt sie <a href=\"http:\/\/maps.google.de\/?ie=UTF8&#038;ll=55.72711,37.20108&#038;spn=0.162016,0.466919&#038;z=11&#038;om=1\">die Nummer A-105<\/a>. <em>Rubljovka<\/em> ist au\u00dferdem <a href=\"http:\/\/www.rubljovka.de\">der Titel eines Dokumentarfilms<\/a> von Irene Langemann, der gestern in K\u00f6ln offizielle Premiere hatte (aber zuvor schon auf einigen Festivals lief, heute folgt eine Art zweite Premiere in Berlin).<\/p>\n<p>Eine Stra\u00dfe als Sujet eines Dokumentarfilms: Die Rubljovka ist vermutlich der Ort, wo die Widerspr\u00fcche des modernen Russland am deutlichsten sichtbar werden &#8211; einerseits die Dynamik einer Gesellschaft, die den kapitalistischen Turbolader gez\u00fcndet und einige wenige in die Elite der Superreichen katapultiert hat, andererseits die Kontinuit\u00e4t und Beharrlichkeit autorit\u00e4rer Strukturen, die auch in der neuen Marktwirtschaft ganz gut funktionieren.<!--more--><\/p>\n<p>Wer in Russland zu Macht und Geld kommt, der baut sich ein Haus an der Rubljovka. Die Gegend rund um die Stra\u00dfe war auch schon in Sowejtzeiten beliebt unter den Mitgliedern von Partei und Politb\u00fcro, und auch unter K\u00fcnstlern und Akademikern. Viertel der Reichen und M\u00e4chtigen gibt es auch anderswo auf der Welt, aber die Rubljovka ist etwas Besonderes, weil sie ein Ort des \u00dcbergangs ist: Noch ist sie keine Festung der Exklusivit\u00e4t. Auch hier verstecken neureiche Million\u00e4re ihre Chi-Chi-Pal\u00e4ste hinter Betonmauern und lassen sie von Sicherheitsleuten bewachen (&#8222;voll bewaffnet&#8220;, lobt der Immobilienmakler). Aber sie m\u00fcssen sich die Stra\u00dfe noch mit Menschen teilen, die in anderen Zeiten und Zusammenh\u00e4ngen verwurzelt sind, wie der siebzigj\u00e4hrigen Rentnerin, die vor ihrem Haus Reisigbesen verkauft, und dem sympathisch-durchgeknallten Akademiker-P\u00e4rchen, das in Eigenarbeit an einem skurrilen Phantasiedomizil werkelt und dessen neunmalkluger Sohn Putins Verst\u00e4ndnis von Demokratie perfekt seziert.<\/p>\n<p>Langemann gelingt es sehr sch\u00f6n, das skurrile Nebeneinander unterschiedlicher Lebenswelten darzustellen, etwa wenn ein Immobilienmakler den Swimmingpool einer neugebauten Villa vorf\u00fchrt und dann gezeigt wird, wie die Rentnerin ihr Trink- und Waschwasser noch eigenh\u00e4ndig aus einem Brunnen ziehen muss. Sie verzichtet gl\u00fccklicherweise auf jeden Kommentar, sondern l\u00e4sst die Menschen, die Autos und die H\u00e4user f\u00fcr sich stehen und sprechen. Das gibt den Erz\u00e4hlungen, Zitaten und Kommentaren eine besondere Eindringlichkeit und verhindert, dass aus dem Sammelsurium seltsamer Gestalten zum Kuriosit\u00e4tenkabinett verkommt. (Und wenn sich einige Protagonisten, wie der Maler Nikas Safronov &#8211;  so eine Art <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=489\">Tretchikoff redivivus<\/a> im George-Harrison-Look &#8211; oder die Mode-Designerin Helen Yarmak &#8211; Spezialgebiet &#8222;Pelztherapie&#8220; &#8211; als Parodien ihrer selbst geb\u00e4rden, ist das eben auch eines der Ph\u00e4nomene dieser Welt zwischen Disney und Datscha.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2209\/2107917037_f42f6376b0_m.jpg\" alt=\"Nikas Safronov\" \/><\/p>\n<p>Der ber\u00fchmteste Bewohner der Rublovjka ist nur als visuelles Zitat vorhanden: Putin sehen wir nur in Ausschnitten aus Nachrichtensendungen, in denen er dann kurioserweise gegen die wettert, die sich&#8217;s  im neuen Russland gerichtet haben. Gegen Ende rauscht sein Konvoi kurz durchs Bild, dann ist wieder Ruhe.<\/p>\n<p>Die Darstellung dieses Nebeneinanders hat einigen Menschen in Russland nicht gefallen. Schon die Dreharbeiten waren, wie man im Programmheft nachlesen kann, von zahlreichen Auflagen und Kontrollen umstellt. Nach der Fertigstellung hat ein mysteri\u00f6ser Gesch\u00e4ftsmann offenbar versucht, den Film aus dem Verkehr zu ziehen (vermutlich, <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/Kino-Russland-Rubljovka-Kino;art137,2438250\">schreibt der &#8222;Tagesspiegel&#8220;<\/a>, auf Veranlassung der Gesch\u00e4ftsfrau Jana Bullock, die im Film tats\u00e4chlich eine zweifelhafte Figur abgibt). Die Geschichte \u00fcberlagert momentan ungl\u00fccklicherweise die Rezeption von <em>Rubljovka<\/em>, zumal Langemann selbst eine Verschw\u00f6rungstheorie in Umlauf gebracht hat, die den Ursprung der seltsamen Aktivit\u00e4ten in &#8222;gr\u00f6\u00dferen Strukturen&#8220; sieht.<\/p>\n<p>Das ist ein bi\u00dfchen schade, dem Film tut das unrecht, weil er damit dann doch nur reduziert wird auf eine anekdotische Momentaufnahme. Die Bilder leisten mehr: Die Monster aus Kitsch und Gr\u00f6\u00dfenwahn, die der marktwirtschaftliche Furor in Russland entfesselt hat, sind kein russisches Ph\u00e4nomen, sie sind nur im Moment dort besonders gut sichtbar. Die wirklichen Zerrbilder sind die auf dem Boden: Einmal filmt die Kamera eines der neugebauten Villenviertel aus der Luft. Und f\u00fcr einen kurzen Augenblick sieht alles aus wie der Set der <em>Truman Show<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rubljovka ist der Spitzname eine Ausfallstra\u00dfe aus Moskau: Eigentlich hei\u00dft sie Rubljowo-Uspenskoje-Chaussee, bei der russischen Stra\u00dfenverwaltung tr\u00e4gt sie die Nummer A-105. Rubljovka ist au\u00dferdem der Titel eines Dokumentarfilms von Irene Langemann, der gestern in K\u00f6ln offizielle Premiere hatte (aber zuvor schon auf einigen Festivals lief, heute folgt eine Art zweite Premiere in Berlin). 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