{"id":661,"date":"2007-12-17T18:34:53","date_gmt":"2007-12-17T15:34:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=661"},"modified":"2007-12-30T01:59:39","modified_gmt":"2007-12-29T22:59:39","slug":"drei-manner-und-ein-baby","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/12\/17\/drei-manner-und-ein-baby\/","title":{"rendered":"Drei M\u00e4nner und ein Baby"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2323\/2116956349_a0dd2f91d3_o.jpg\" alt=\"Vater, Mutter, Hund\" \/>Ein Seminarraum, k\u00f6nnte man meinen, ist eigentlich kein Ort f\u00fcr kreative Veranstaltungen: Ausstattung, Sitzordnung, Beleuchtung &#8211; alles ist darauf ausgerichtet, sich zu den Dingen in ein objektives Verh\u00e4ltnis zu setzen, Diskussionen auf Augenh\u00f6he zu erm\u00f6glichen und die Hierarchie der Anwesenden zu negieren. Charme, Zauber und Verf\u00fchrung hat hier, scheint es, keinen Platz. Aber das ist nat\u00fcrlich Illusion, auch der wissenschaftliche Diskurs hat Spielregeln, und so spricht nichts dagegen, auch so einen n\u00fcchternen und scheinbar untheatralischen Ort in Szene zu setzen.<\/p>\n<p><em>_vater.mutter.hund\/<\/em> nennt sich die aktuelle Produktion des K\u00f6lner Ensembles <a href=\"http:\/\/www.futur-drei.de\/\">Futur 3<\/a>. Nach mehreren Produktionen, in denen das Ensemble um einige Gastdarsteller erweitert wurde, ist die Besetzung diesmal auf das Kerntrio reduziert: Andr\u00e9 Erlen, Stefan Kraft und Klaus Maria Zehe sind die Protagonisten eines theatralischen &#8222;Forschungsprojekts&#8220;, zwei Wissenschaftler, die f\u00fcr ein Forschungsprojekt die Institution Familie unters Mikroskop nehmen, und ein Hausmeister, der zum Zeitvertreib Bienen z\u00fcchtet und somit eine der interessantesten Varianten von Familie und Gesellschaft aus der N\u00e4he beobachten kann.<!--more--><\/p>\n<p>Ort des Geschehens: Ein Seminarraum des <a href=\"http:\/\/www.mpifg.de\/\">Max-Planck-Instituts f\u00fcr Gesellschaftsforschung<\/a>, wo sonst das Geraschel von PowerPoint-Folien das einzige Nebenger\u00e4usch ist, dass die wissenschaftlichen Er\u00f6rterungen begleitet. Ein paar Grafiken von <a href=\"http:\/\/www.hann-trier.de\/\">Hann Trier<\/a> sind die einzige Konzession an \u00e4sthetische Sehbed\u00fcrfnisse, zu sehen gibt es Motive aus dem <em>Pinocchio<\/em>, <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2250\/2117446689_344cb4aa54_o.jpg\" alt=\"Vater Mutter Hund\" \/>Die typographische Spielerei des Titels ist einer dieser neckischen Effektchen, ohne die sich heute kaum eine freie Produktion auf den Markt traut, die man meinetwegen aber auch gerne Werbeagenturen und EU-Initiativen \u00fcberlassen k\u00f6nnte. (Vielleicht erledigt sich das aber auch bald von selbst, wie seinerzeit die ulkigen kabarettistischen Klammerspielchen &#8211; &#8222;(Ma)Kabarett(ich)e&#8220; und so was.) Das Arrangement ist, vermute ich mal, bewusst so gew\u00e4hlt: Der Unterstrich am Anfang ist so etwas wie eine Traditionslinie, die Verbindung der Familie mit den Generationen davor. Es folgen &#8211; join the dots &#8211; ihre Grundbestandteile: Vater, Mutter und Kind &#8211; das hei\u00dft, Kinder gibt&#8217;s ja nicht mehr genug, also steht dar der Hund, so dass die klassische Konstellation aufgel\u00f6st und neu zusammengesetzt werden muss, und was danach kommt, ist so offen, wie die Leerstelle nach dem Schr\u00e4gstrich.<\/p>\n<p>Munter und Hund gl\u00e4nzen im St\u00fcck stelbst durch Abwesenheit, \u00fcberhaupt hat der Titel etwas von einem klassischen roten Hering, ebenso wie die Behauptung des Pressetextes, es ginge im St\u00fcck darum, &#8222;herauszufinden, warum die Eingeborenen hier im &#8218;Land der Ideen&#8216; eigentlich aussterben wollen&#8220;. Soll da der &#8222;deutscht\u00fcmelnde Demografiediskurs&#8220; (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christoph_Butterwegge\">Christoph Butterwegge<\/a>) aufs Proszenium gebracht werden? N\u00f6, zum Gl\u00fcck nicht &#8211; das Thema l\u00e4uft  h\u00f6chstens ganz am Rande mit. Es geht eher darum, wie sich Wissenschaft arrangiert mit der Welt, die sie vorfindet &#8211; und ab wann sie anfangen darf, das Vorgefundene zu arrangieren. Und wieviel Realit\u00e4t die Forschung vertragen muss.<\/p>\n<p>Die beiden Forscher, die da ermitteln sollen, warum Familie nicht mehr so funktioniert wie das vor Jahren mal der Fall war, haben n\u00e4mlich selbst eher dysfunktionale Fallbeispiele zu bieten: Der eine (Stefan Kraft) ist ein franz\u00f6sischer Hedonist, der die erotische Dimension des Forscherdrangs lustvoll ausleben will, sich aber stattdessen mit seinen Ex-Frauen streiten muss, wenn er mit einem seiner Kinder telefoniert. Der andere (Andr\u00e9 Erlen), ist ein Geistesverwandter des Molekularbiologen Michel aus <em>Elementarteilchen<\/em>, ein asexueller, poststrukturalistischer Frankenstein, der seine <em>discussion papers<\/em> bei Jazz-Core fomuliert und zur Entwicklung der postfamiliaren Zukunft in den Keller geht. Irgendwo dazwischen &#8211; oder doch eher dritter Pol einer wissen\u00f6konomischen Triade? &#8211; der bienenfleissige Hausmeister (Klaus Maria Zehe), der uraltes Wissen in Redensarten aufbewahrt und am Ende vor dem Nichts steht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2385\/2117446691_702177cf8b_o.jpg\" alt=\"Vater Mutter Hund\" \/>Was am Ende dabei rauskommt, ist ein Bastard, aber einer, der sich sehen lassen kann. Ich hab mir das Ganze jedenfalls mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen angeschaut. Denn bei aller Komplexit\u00e4t des Themas sind die drei Futuristen ausgesprochen fr\u00f6hliche Wissenschaftler. Der Wechselbalg, den sie in die Welt gesetzt haben, ist ein Patchwork wie die Familien von heute, eine bunte Wundert\u00fcte aus Konferenz und Kabarett, Vortrag und Videocast, Diskurs und Drama. Dass das St\u00fcck dennoch koh\u00e4rent bleibt und sich nicht in seine stilistischen Einzelteile zerlegt, liegt daran, dass die menschliche Dynamik beim Erwerb und der Anwendung von Wissen insgesamt doch interessanter ist als das familienpolitische Leitthema. <\/p>\n<p>Die Schlaflosigkeit der Vernunft gebiert Monster, und ein echtes Monster gibt es dann auch noch am Ende. Aber da w\u00fcrde ich zu viel verraten &#8211; im n\u00e4chsten Jahr soll es noch ein paar Auff\u00fchrungen geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Seminarraum, k\u00f6nnte man meinen, ist eigentlich kein Ort f\u00fcr kreative Veranstaltungen: Ausstattung, Sitzordnung, Beleuchtung &#8211; alles ist darauf ausgerichtet, sich zu den Dingen in ein objektives Verh\u00e4ltnis zu setzen, Diskussionen auf Augenh\u00f6he zu erm\u00f6glichen und die Hierarchie der Anwesenden zu negieren. Charme, Zauber und Verf\u00fchrung hat hier, scheint es, keinen Platz. 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