{"id":662,"date":"2007-12-19T14:48:53","date_gmt":"2007-12-19T11:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=662"},"modified":"2007-12-30T02:57:33","modified_gmt":"2007-12-29T23:57:33","slug":"frederic-fiebig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/12\/19\/frederic-fiebig\/","title":{"rendered":"Fr\u00e9d\u00e9ric Fiebig"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2085\/2120851375_ed9fa3f0af.jpg\" rel=\"lightbox[Frederic Fiebig]\" title=\"Frederic Fiebig, Selbstportr\u00e4t\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2085\/2120851375_ed9fa3f0af_t.jpg\" width=\"75\" height=\"100\" alt=\"Frederic Fiebig\" \/><\/a><br \/>\nEin Vergessener aus den Vogesen: Fr\u00e9d\u00e9ric Fiebig. Vor ein paar Tagen fand ich <a href=\"http:\/\/livrenblog.blogspot.com\/2007\/12\/tendances-nouvelles-frdric-fiebig.html\">an dieser Stelle<\/a> ein paar interessante Holzschnitte, teils grotesk, teils d\u00fcster und auster, und irgendwie scheinbar nicht so ganz zusammen passend. In jedem Fall aber interessant genug, um sich auf die Suche zu machen nach dem K\u00fcnstler, der diese Bilder produziert hatte.<!--more--><\/p>\n<p>Viel l\u00e4sst sich nicht finden im Internet: Es gibt <a href=\"http:\/\/www.fredericfiebig.com\">eine private Homepage<\/a>, die sich ganz dem Werk Fiebigs verschrieben hat und einige Gem\u00e4lde pr\u00e4sentiert: Starke, kr\u00e4ftige Gem\u00e4lde von einer beeindruckenden Farbigkeit, als ob hier jemand versucht hat, auf eine ganz eigene Weise Impressionismus, Expressionismus und Abstraktion zu vers\u00f6hnen. Es gibt ein paar weitere Anmerkungen und Bilder auf der Website einiger &#8222;<a href=\"http:\/\/www.bibliotheque-humaniste.eu\/fiebig_1.htm\">Freunde der humanistischen Bibliothek S\u00e9lestat<\/a>&#8222;, wo sich auch kurze Ausz\u00fcge aus einer Biographie Fiebigs finden lassen, und dann ist da noch <a href=\"http:\/\/www.francijaspavasaris.lv\/index.php?&#038;54&#038;query=1%265%26view%3Dshows-detail%26show_id%3D364\">diese lettische Seite<\/a>, die ich sich mir nur rudiment\u00e4r erschliesst. (\u00dcbersetzungshilfen werden gerne angenommen.)<\/p>\n<p>Wer war dieser Fr\u00e9d\u00e9ric Fiebig? Die wenigen biographischen Anhaltspunkte deuten auf eine Biographie, die f\u00fcr einen kurzen Moment nah ans Zentrum der europ\u00e4ischen Kunstgeschichte zu r\u00fccken schien und dann doch als Marginalie verebbte. 1885 ist er in Talsi (oder Talsen) in Lettland geboren. Er studiert in Sankt Petersburg, wo er offenbar einige Bewunderer findet, genug jedenfalls, um den Absprung in die damalige Metropole der k\u00fcnstlerischen Welt zu wagen, nach Paris.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2033\/2120851389_7c5bafea5e.jpg\" rel=\"lightbox[Frederic Fiebig]\" title=\"Frederic Fiebig, La Grue\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2033\/2120851389_7c5bafea5e_t.jpg\" width=\"91\" height=\"100\" alt=\"Frederic Fiebig\" \/><\/a>Aus den sp\u00e4rlichen Andeutungen kann man herauslesen, dass Fiebig ein einzelg\u00e4ngerischer, wenig kontaktfreudiger Mensch gewesen sein muss. Trotzdem scheint er sich im Pariser Kunstbetrieb zun\u00e4chst ganz gut behauptet zu haben: Er hatte offenbar Kontakt zu einigen prominenten Zeitgenossen (zu wem, weiss ich nicht), 1912 gab es eine Einzel(?)ausstellung in der ber\u00fchmten Galerie <a href=\"http:\/\/www.bernheim-jeune.com\/\">Bernheim jeune<\/a>, der Kritiker Cl\u00e9ment Morrolobt ihn als &#8222;Impressionisten im wahrsten Sinne des Wortes&#8220;.<\/p>\n<p>Aus diesem Radar verschwindet er aber allm\u00e4hlich, und dabei spielen auch famili\u00e4re Gr\u00fcnde eine Rolle: Sein Sohn \u00c9ric ist kr\u00e4nklich, die Familie zieht erst nach S\u00fcdfrankreich und dann, als sich der Gesundheitszustand dort nicht bessert, ins Elsass. 1932 stirbt der \u00c9ric in S\u00e9lestat, gerade mal elf Jahre alt, und dieses Ereignis muss den Vater schwer getroffen haben: Er beschlie\u00dft, von nun an den Ort, wo das Grab seines Sohnes liegt, nicht mehr zu verlassen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2322\/2120851391_b89a1014a8.jpg\" rel=\"lightbox[Frederic Fiebig]\" title=\"Frederic Fiebig, Taennchel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2322\/2120851391_b89a1014a8_t.jpg\" width=\"98\" height=\"100\" alt=\"Frederic Fiebig\" \/><\/a>1934 wagt er ein pers\u00f6nliches Experiment: Er bezieht eine kleine H\u00fctte am Taennchel und lebt fast ein Jahr lang als asketischer Eremit, um sich ganz der Naturbeobachtung und der malerischen Reflexion widmen zu k\u00f6nnen. Er h\u00e4tte sich keinen besseren Ort suchen k\u00f6nnen: Der Taennchel ist der mysteri\u00f6seste und auch urspr\u00fcnglichste Berg der Vogesen. Ein breitschultriges Massiv von fast tausend Metern H\u00f6he, in dessen Gipfelregion sich zahlreiche bizarre, teilweise mit Inschriften verzierte Steinformationen und Mauerwerke finden. Sucht man bei Google,  weist gleich das erste Ergebnis <a href=\"http:\/\/www.newerla.de\/Orte\/Taennchel.htm\">auf eine Seite<\/a>, die geheimnisvoll vom &#8222;Landschaftstempel aus der matriarchalischen Kulturepoche&#8220; raunt, von &#8222;heiligen Bezirken&#8220; und &#8222;verzauberten Orten&#8220;, von Quellen &#8222;mit au\u00dfergew\u00f6hnlichen Qualit\u00e4ten&#8220; und &#8222;Regenbogenbr\u00fccken, die die Feen \u00fcbers Tal bauten&#8220;. Betrachtet man die begleitenden Bilder, versteht man freilich auch, warum dieser Ort zu solchen mystischen Anwandlungen verleiten kann.<\/p>\n<p>Fiebigs kurzer Aufenthalt dort bringt ihm immerhin etwas lokale Prominenz: Die Einheimischen kennen ihn als &#8222;das Phantom vom Taennchel&#8220;, heisst es in <a href=\"ttp:\/\/www.cg68.fr\/hrmag\/HRM_11.pdf\">diesem Heimatmagazin<\/a>, und wundern sich \u00fcber die &#8222;sehr b\u00e4rtige und sehr behaarte&#8220; Gestalt, die durch die W\u00e4lder stromert und sich dabei nur von einer Ratte begleiten l\u00e4sst. Besucher seiner H\u00fctte werden von diesem Schild empfangen:<\/p>\n<blockquote><p>Lieber Spazierg\u00e4nger, was denkst Du? Man sagt mir, dass es unm\u00f6glich sei, den Winter auf dem Taennchel zu verbringen, wegen der K\u00e4lte und dem Mangel an Nahrungsmitteln. Und trotzdem bleibe ich hier; ich esse Brennesseln, ich trinke Regenwasser.<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2303\/2120851393_a9276a0bda.jpg\" rel=\"lightbox[Frederic Fiebig]\" title=\"Frederic Fiebig, Terracina\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2303\/2120851393_a9276a0bda_t.jpg\" width=\"100\" height=\"76\" alt=\"Frederic Fiebig\" \/><\/a>Nach dieser Beschreibung k\u00f6nnte man nun denken, einen skurrilen Sonderling vor sich zu haben, der sich mit esoterischen Sp\u00f6kenkiekereien besch\u00e4ftigte. Aber die Bilder sprechen f\u00fcr einen sehr bewussten und aufmerksamen Umgang mit malerischen M\u00f6glichkeiten, einen konzentrierte Suche einer Vers\u00f6hnung von Expressivit\u00e4t und Abstraktion, ohne die Verwurzelung in der impressionistischen Tradition ganz aufzugeben. Fiebigs Interesse schien mehr auf eine Verallgemeinerung statt Darstellung landschaftlicher Besonderheiten zu gehen, auf das Aufsp\u00fcren eines Arsenals von archetypischen Formen und Farben. (Und man k\u00f6nnte einige seiner Taennchel-Gem\u00e4lde neben Bilder legen, die er in Italien oder S\u00fcdfrankreich gemalt hat, ohne die unterschiedlichen Entstehungsorte wahrnehmen zu m\u00fcssen.)<\/p>\n<p>Kargheit und Askese bleiben auch in den folgenden Jahren Fiebigs Begleiter: Nach dem Ende seines Taennchel-Experiments lebt er zur\u00fcckgezogen und in bescheidenen Verh\u00e4ltnissen in S\u00e9lestat. Dort stirbt er 1953, &#8222;fast blind, arm und vergessen&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.bibliotheque-humaniste.eu\/fiebig_2.htm\">schreibt seine Biographin<\/a> mit dem charmanten Namen Kyra Kapsreiter-Homeyer. Einige seiner Bilder sind, wenn ich es richtig sehe, im <a href=\"http:\/\/www.musee-unterlinden.fr\/\">Museum Unterlinden<\/a> in Colmar untergebracht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Vergessener aus den Vogesen: Fr\u00e9d\u00e9ric Fiebig. Vor ein paar Tagen fand ich an dieser Stelle ein paar interessante Holzschnitte, teils grotesk, teils d\u00fcster und auster, und irgendwie scheinbar nicht so ganz zusammen passend. 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