{"id":663,"date":"2010-07-19T14:28:41","date_gmt":"2010-07-19T11:28:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=663"},"modified":"2010-07-19T17:24:51","modified_gmt":"2010-07-19T14:24:51","slug":"strassenfest-auf-der-autobahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/07\/19\/strassenfest-auf-der-autobahn\/","title":{"rendered":"Stra\u00dfenfest auf der Autobahn"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4073\/4807842033_04141fd566_d.jpg\" alt=\"Still-Leben Ruhrschnellweg\" \/><\/p>\n<p>Gestern war der Tag des <a href=\"http:\/\/www.ruhr2010.still-leben-ruhrschnellweg.de\/\">Still-Lebens Ruhrschnellweg<\/a>, des \u00dcber-Events im Kulturhaupstadtjahr, und nach dem <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=696\">Strecken-Scouting im Fr\u00fchjahr<\/a> war es nat\u00fcrlich selbstverst\u00e4ndlich, sich das aus der N\u00e4he anzusehen. Normalerweise bin ich f\u00fcr solche Megaveranstaltungen nicht zu haben, aber in diesem Fall ging es immerhin um ein sozusagen offiziell ausgerufenes Usurpieren \u00f6ffentlichen Raumes, und zwar nicht nur eines kleinen Fleckchens, sondern ganzer sechzig Kilometer davon. Also nichts wie hin.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4094\/4806379109_73b5308f8c_d.jpg\" alt=\"Still-Leben Ruhrschnellweg\" \/><\/p>\n<p>Das Hinkommen war allerdings nicht so einfach. Wenn es an diesem Tag einen gro\u00dfen Verlierer gab, den die Veranstaltung offenbar v\u00f6llig \u00fcberforderte, dann war das leider mal wieder die Deutsche Bahn. F\u00fcr den &#8222;offiziellen Mobilit\u00e4tspartner&#8220; von Ruhr.2010 kam der Andrang offenbar unerwartet, jedenfalls waren die Z\u00fcge hoffnungslos \u00fcberf\u00fcllt. Ebenso \u00fcberrascht war man offenbar davon, dass viele die gesperrte Autobahn mit Fahrr\u00e4dern, Skates, Rollst\u00fchlen und Kinderwagen besichtigen wollten. Passagiere, die damit einsteigen wollten, wurden teilweise einfach stehen gelassen. Sonderz\u00fcge oder zus\u00e4tzliche Wagen mit mehr Platz standen wohl nicht zur Verf\u00fcgung. Bei der Bahn wird es scheint&#8217;s zur Regel, dass sie bei allen besonderen Anforderungen kapitulieren muss: Wenn es zu kalt wird, fallen Heizungen aus, wenn es zu hei\u00df wird, die Klimaanlage, und wenn es zu voll wird, bleiben die l\u00e4stigen Passagiere einfach auch mal drau\u00dfen. (Ein Schaffner erkl\u00e4rte mir, es habe sogar eine Anweisung gegeben, Fahrr\u00e4der grunds\u00e4tzlich nicht mitzunehmen. Sollte das stimmen, w\u00e4re das doch arg peinlich. K\u00f6nnte aber was dran sein, denn auf ihrer Website macht die Bahn zwar eifrig <a href=\"http:\/\/www.deutschebahn.com\/site\/bahn\/de\/bahnwelt\/kundenmagazin\/bahn\/report\/report.html\">Werbung mit dem Fest<\/a>, muss aber gleichzeitig &#8211; wenn auch nur versteckt im letzten Absatz &#8211; einr\u00e4umen, dass &#8222;die Mitnahme von Fahrr\u00e4dern in Bussen und Bahnen leider auf Grund der zu erwartenden Auslastung nicht m\u00f6glich&#8220; ist.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4081\/4807011616_54e12a6e68_d.jpg\" alt=\"Still-Leben Ruhrschnellweg\" \/><\/p>\n<p>Etwas Chaos gab es auch bei der Ankunft in Duisburg, wo die Ordner an der Auffahrt &#8222;DU-Hafen&#8220; die Radfahrer nicht auf die Autobahn lassen wollten. Begr\u00fcndung: Die Strecke sei \u00fcberlastet. Einige wilde Ger\u00fcchte machten die Runde (&#8222;Alles komplett \u00fcberf\u00fcllt! Die Leute stehen eng gequetscht bis Dortmund!&#8220;), und der eine oder andere angereiste Tourist, der mal so richtig mit dem Rennrad die Autobahn entlangheizen wollte, zog ein langes Gesicht. Nun, warum sollten nicht auch die Radfahrer mal herausfinden, warum die A40 als l\u00e4ngste Standspur Deutschlands gilt? Aber es war alles halb so wild, von au\u00dfen konnte man sehen, dass der Verkehr durchaus flo\u00df, wenn auch eher gem\u00e4chlich, und man muss ja nicht die Auffahrt nehmen, um auf die Autobahn zu kommen, da gibt&#8217;s auch noch andere M\u00f6glichkeiten. (Der Anblick Dutzender Familienv\u00e4ter, Rentner und anderer Touristen, die mitsamt Fahrrad B\u00f6schungen hinauf und \u00fcber Leitplanken hin\u00fcber klettern, um sich ihren Tag auf der Autobahn nicht nehmen zu lassen, geh\u00f6rte zu den am\u00fcsantesten Momenten dieses Tages.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4099\/4806983446_6f1ba0407a_d.jpg\" alt=\"Still-Leben Ruhrschnellweg\" \/><\/p>\n<p>Und insgesamt war es tats\u00e4chlich eine \u00fcberraschen angenehme und entspannte Veranstaltung. Was bei einem Event, das drei Millionen Menschen auf die Stra\u00dfe bringt, nun wirklich nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Zu besichtigen und mitzuerleben war aber eine ganz angenehme Art von Anarchie, ein nur m\u00e4\u00dfig kontrolliertes Chaos und ein nicht wirklich strukturiertes, aber vielleicht gerade deshalb ganz lebendiges Nebeneinander von, nun ja, Allem M\u00f6glichen und Jedem und Allem. Dass so eine gro\u00dfe Menschenansammlung tats\u00e4chlich einigerma\u00dfen friedlich und gut gelaunt miteinander feiern kann, hat etwas Ermutigendes.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4115\/4806451051_5d1bfb9027_d.jpg\" alt=\"Still-Leben Ruhrschnellweg\" \/><\/p>\n<p>Ob das wirklich der <a href=\"http:\/\/planet-interview.de\/interview-fritz-pleitgen-11012010.html\">von Fritz Pleitgen<\/a> herbeigew\u00fcnschte &#8222;Gr\u00fcndungsmoment einer Metropole Ruhr&#8220; ist, lass ich mal dahingestellt. Zu den interessantesten Aspekten des Fests geh\u00f6rte meinem Eindruck nach gerade der, dass es keinen Mittelpunkt gab und kein Leitmotiv, das f\u00fcr alle verpflichtend war, oder wenn doch, gab es zumindest einen recht allgemeinen Willen, sich das egal sein zu lassen und einfach Spass zu haben. Selbst die paar Firmen, die sich als Platzhirsche geben wollten und gro\u00dfe Bereiche als zugesponsorte Fl\u00e4chen beanspruchten, mussten sich damit abfinden, das es auf einer Autobahn schwierig ist, eine Hierarchie zu behaupten &#8211; ein Nebeneinander ergibt sich da quasi von selbst, und auch die Pfadfindergruppen, Blaskapellen, Sportvereine und Kirchengemeinden bekamen ihr Ma\u00df an Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4119\/4806441365_acfb735dea_d.jpg\" alt=\"Still-Leben Ruhrgebiet\" \/><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es hier und da ein paar Aufmerksamkeitskn\u00e4uel, wo sich dann auch der Flu\u00df des Pelotons aus Radfahrern und Skatern staute, wie zum Beispiel in Essen, wo das Stra\u00dfen- zu einem gro\u00dfen Innenstadtfest geraten war. Aber selbst diese Momente wurden erstaunlich gutm\u00fctig hingenommen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4079\/4806403813_a6feff13a4_d.jpg\" alt=\"Still-Leben Ruhrschnellweg\" \/><\/p>\n<p>Die sch\u00f6nste Zeit des ganzen Fests kam aber, w\u00fcrde ich sagen, nach 17.00, als das Programm offiziell beendet war und die Aufr\u00e4umarbeiten begannen. Die Autobahn leerte sich nur allm\u00e4hlich: Fast hatte man das Gef\u00fchl, die Menschen wollten die Stra\u00dfe gar nicht mehr hergeben. Noch lange nach sieben Uhr waren vereinzelte Radfahrer und Spazierg\u00e4nger auf der Strecke unterwegs, und Dutzende Menschen standen auf den Br\u00fccken, um die leere Autobahn zu filmen, zu fotografieren oder einfach nur wie ungl\u00e4ubig zu betrachten. Ich w\u00fcrde mich nicht wundern, wenn man diese Zeit in den Wohngebieten links und rechts der Autobahn am meisten genossen hat: Jetzt war es wirklich f\u00fcr ein paar Stunden so ruhig wie vermutlich nirgendwo sonst im ganzen Ruhrgebiet, und den Menschen, die man neben der Strecke durch Gr\u00fcnanlagen und Felder spazieren sah, war anzumerken, wie kostbar ihnen diese Momente waren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4099\/4806256169_0b1cc25bca_d.jpg\" alt=\"Still-Leben Ruhrschnellweg\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern war der Tag des Still-Lebens Ruhrschnellweg, des \u00dcber-Events im Kulturhaupstadtjahr, und nach dem Strecken-Scouting im Fr\u00fchjahr war es nat\u00fcrlich selbstverst\u00e4ndlich, sich das aus der N\u00e4he anzusehen. 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