{"id":664,"date":"2008-01-02T17:42:40","date_gmt":"2008-01-02T14:42:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=664"},"modified":"2008-01-02T17:50:11","modified_gmt":"2008-01-02T14:50:11","slug":"orton-online","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/01\/02\/orton-online\/","title":{"rendered":"Orton online"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.joeorton.org\"><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2087\/2158495054_cb8f83a612_m.jpg\" alt=\"Joe Orton\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote><p>Libraries might as well not exist; they\u2019ve got endless shelves for rubbish and hardly any space for good books. &#8211; Joe Orton (1967)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn man von hier aus neidisch auf den britischen Humor schaut, dann wird gerne \u00fcbersehen, dass es auf den Inseln auch nicht immer so lustig zuging. Die Nachkriegsjahre zum Beispiel waren auch in Grossbritannien eine eher bleierne Zeit, gepr\u00e4gt vom Bem\u00fchen, eine restriktive Form von &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; zu reetablieren. So ab Mitte der Sechziger mehren sich dann die Versuche, der Gesellschaft mit den Mitteln der Farce wieder ein wenig Feuer unter dem Hintern zu machen und Scherz, Satire, Ironie und tiefer gelegte Doppeldeutigkeiten als anarchische Waffen zu reklamieren.<!--more--><\/p>\n<p>Joe Orton geh\u00f6rte zu den erfolgreichsten Dramatikern des despektierlichen Blicks &#8211; ein Blick, der allem galt, was mit Establishment und Obrigkeit zu tun hatte. Gestern nun &#8211; auf den Tag 75 Jahre nach seiner Geburt und etwas mehr als 40 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod &#8211; ist <a href=\"http:\/\/www.joeorton.org\">eine quasi-offizielle Website<\/a> online gegangen, die Materialien zu Werk und Biographie Ortons pr\u00e4sentiert. (&#8222;Quasi-offiziell&#8220; meint: mit dem Segen der Nachlassverwalter Ortons, aber im wesentlichen wohl doch ein privates <em>labour of love<\/em>.)<\/p>\n<p>Orton war in den Sechzigern einer der popul\u00e4rsten, aber auch skandal\u00f6sesten Theaterautoren Englands. Seine St\u00fccke waren absurde und makabre Screwball-Comedies, in denen Konventionen koppheister gingen und Autorit\u00e4ten gleich serienweise vom Sockel gestossen wurden. Dass er bei uns selten gespielt wird, liegt nicht nur an der Sprachbarriere, die viele Wortspielereien und frivole Innuendos in der \u00dcbersetzung zum Stolpern bringt: Der fr\u00f6hliche Umgang mit Versatzst\u00fccken der Popul\u00e4rkultur hat in der deutschen Theaterlandschaft nicht wirklich ein Pendant &#8211; Orton bediente sich, um die Gesellschaft blank zu ziehen, ganz gerne in den Genres, wo sie das selbst ansatzweise wagte, ohne sich recht zu trauen: Kriminal- und Gesellschaftsromane, Boulevardkom\u00f6dien und Vari\u00e9t\u00e9s, dazu die Klassiker des Camp wie Wilde und Firbank.<\/p>\n<p>Nicht alles in Ortons Werk hat die Zeit unbeschadet \u00fcberstanden: Sein Thema sind die absurden Konsequenzen, zu denen es kommt, wenn eine Gesellschaft verzweifelt versucht, einen Mantel verstockten Schweigens \u00fcber das zulegen, was ihr peinlich ist &#8211; um dann doch heimlich drunterzulinsen und zu hoffen, dass nichts ins Rutschen kommt. Inzwischen ist freilich einiges ins Rutschen gekommen, dem Establishment ist nichts mehr so richtig peinlich, scheint es, und auf die Pikanterie von Ortons Plots hat sich hier und da schon ein wenig Patina gelegt.<\/p>\n<p>Und wenn man das Unerh\u00f6rte an Ortons St\u00fccken aus heutiger Perspektive nicht mehr ganz so deutlich wahrnehmen kann, dann auch deswegen, weil er so viele Nachfolger gefunden hat: Das Schwelgen in der Ambivalenz von Trash und Trivialit\u00e4t und das Spiel mit dem Skandal ist l\u00e4ngst ein festes Stilmittel des britischen Theaters, von der alternativen Comedy-Szene post-Monty Python ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass Ortons Biographie und seine Stilisierung zur schwulen Ikone inzwischen fast mehr \u00f6ffentliche Resonanz besitzt ist als sein Werk. Sein despektierlicher Blick auf Institutionen und Formalit\u00e4ten hatte schlie\u00dflich auch biographische Gr\u00fcnde: Als er mit dem Schreiben anfing, wurde Homosexualit\u00e4t noch mit Gef\u00e4ngnis oder Psychiatrie bedroht. Seine erfolgreichste Zeit als B\u00fchnenschriftsteller geht einher mit der formalen Lockerung der einschl\u00e4gigen Gesetze, w\u00e4hrend die Stigmatisierung in der \u00d6ffentlichkeit freilich nur punktuell nachliess. Kein Wunder, dass sich die Figuren in seinen St\u00fccken oft benehmen wie im Irrenhaus (<em>What The Butler Saw<\/em> spielt ja auch in einem).<\/p>\n<p>Dass er selbst mal f\u00fcr sechs Monate einsass, lag allerdings an seiner Neigung zum Prankstertum: Mit seinem Lover Kenneth Halliwell klaute er mehrere Jahre lang B\u00fccher aus einer Bibliothek, nur um sie wenig sp\u00e4ter wieder zur\u00fcck zu bringen &#8211; wenn auch mit kreativ ver\u00e4nderten Buchumschl\u00e4gen und neuformulierten Klappentexten. Inzwischen hortet die Bibliothek die gegen ihren Willen umgestalteten Cover nat\u00fcrlich als Sch\u00e4tze &#8211; einige davon sind auf der Website abgebildet.<\/p>\n<p>Das war nicht die einzige Uzerei, die sich Orton leistete: Unter dem Pseudonym <em>Edna Welthorpe (Mrs.)<\/em> schrieb er entr\u00fcstete Briefe an Zeitungen und Theater, an Unternehmen und Beh\u00f6rden, in denen er sich wortreich \u00fcber den sittlichen Verfall, unmoralische Theaterauff\u00fchrungen oder die mangelhafte Qualit\u00e4t von Lebensmitteln beschwerte (Ortons eigene St\u00fccke waren dabei von der Kritik nicht ausgenommen, die besten Skandale sind ja doch immer diejenigen, die man selber orchestriert).<\/p>\n<p>1967 nahm Ortons Leben ein tragisches und grausames, <a href=\"http:\/\/www.amazon.com\/gp\/product\/B0001V6ZJI?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-20&#038;linkCode=as2&#038;camp=1789&#038;creative=9325&#038;creativeASIN=B0001V6ZJI\">wenigstens filmreifes Ende<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.com\/e\/ir?t=nightlybuilds-20&#038;l=as2&#038;o=1&#038;a=B0001V6ZJI\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>: Kenneth Halliwell erschlug ihn, wie es hei\u00dft, aus Eifersucht \u00fcber den Erfolg Ortons und aus Angst, verlassen zu werden. Aber selbst dieses grausame Ende blieb nicht ohne bizarres Nachspiel: Seine Agentin veranlasste, dass die Asche Ortons mit der Halliwells vermischt w\u00fcrde. &#8222;Ich denke, ich werde etwas mehr von Joes Asche nehmen als von Kenneths&#8220;, antwortete Ortons Schwester Leonie. Worauf die Agentin zur\u00fcckgab: &#8222;Es ist eine Geste, Liebes, kein Rezept.&#8220; Auch Bruder Douglas signalisierte sein Einverst\u00e4ndnis &#8211; unter einer Bedingung: &#8222;As long as nobody hears about this in Leicester.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Epitaph, dass Orton vermutlich am\u00fcsiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>(Anmerkung: Das Orton-Portr\u00e4t oben stammt \u00fcbrigens von <a href=\"http:\/\/www.lewismorley.com\/\">Lewis Morley<\/a> &#8211; wie auch das Original, das <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Image:CKeeler1.jpg\">damit zitiert wird<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Libraries might as well not exist; they\u2019ve got endless shelves for rubbish and hardly any space for good books. &#8211; Joe Orton (1967) Wenn man von hier aus neidisch auf den britischen Humor schaut, dann wird gerne \u00fcbersehen, dass es auf den Inseln auch nicht immer so lustig zuging. 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