{"id":666,"date":"2008-01-03T17:46:45","date_gmt":"2008-01-03T14:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=666"},"modified":"2008-01-03T17:51:53","modified_gmt":"2008-01-03T14:51:53","slug":"der-nachruf-als-schone-kunst-betrachtet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/01\/03\/der-nachruf-als-schone-kunst-betrachtet\/","title":{"rendered":"Der Nachruf als sch\u00f6ne Kunst betrachtet"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2179\/2161647341_34a36631b1_t.jpg\" alt=\"Hugh Massingberd\" \/>\u00dcber die Toten soll man nichts Schlechtes sagen. Es sei denn, man hat das Talent dazu. Dann aber hat man auch die Verpflichtung, zu erz\u00e4hlen, und dem Tod nicht zu gestatten, dem Verstorbenen au\u00dfer seinem Leben auch noch seine Geschichte zu rauben.<\/p>\n<p>Bei uns verschwindet der Tod meistens in der Beil\u00e4ufigkeit des Feuilletons, wenn er nicht grade an ein gro\u00dfes Ereignis gekn\u00fcpft ist, und wird irgendwo zwischen Theaterkritiken und Buchbesprechungen versteckt. Oder man \u00fcberl\u00e4sst ihn der Anzeigenredaktion, und es bleibt dann dem Betrachter \u00fcberlassen, sich die Dramen auszudenken, die sich zwischen den Jahreszahlen, in der Auflistung der buckligen Verwandschaft, hinter dem ausgew\u00e4hlten Aphorismus verbergen m\u00f6gen.<!--more--><\/p>\n<p>In England ist das anders. Die gro\u00dfen Tageszeitungen haben dem Tod allesamt eine eigene Rubrik einger\u00e4umt: Die <em>Obituaries<\/em> sind ein fester und unverzichtbarer Bestandteil, und ihre Aufgabe ist nicht nur die Protokollierung des Ablebens, sondern die Nacherz\u00e4hlung des Lebens davor. Und die kann auch schon mal respektlos und despektierlich sein, und von den Eigenschaften, die den Verstorbenen ausmachten, die pikantesten, bizarrsten oder zweifelhaftesten ausstellen. Hauptsache, sie lassen sich gut erz\u00e4hlen, als ob die Erz\u00e4hlung nicht den Toten, sondern das Leben an sich feiern soll und die anekdotische Vielfalt, die in ihm m\u00f6glich ist. Darin liegt etwas von einem archaischen Ritual, so wie der Leichenschmaus auch die Funktion hat, dem Tod wenigstens dadurch etwas Paroli zu bieten, dass man es sich in seinem Angesicht ein bi\u00dfchen wohl sein l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die <em>Obituaries<\/em> sind also, scheint&#8217;s, eine urbritische Institution, ein weiterer Beleg f\u00fcr die ach so putzige Schrulligkeit und Schwarzhumorigkeit des treetrinkenden Inselv\u00f6lkchens. Um so \u00fcberraschter war ich jetzt, zu erfahren, dass die Nachrufe, in der Form, wie man sie heute in den britischen Zeitungen antrifft, gar nicht so alt sind. Nicht \u00e4lter, um genau zu sein, als meine Kenntnis davon: Mitte der Achtziger, als sich meine Englischkenntnisse sattelfest genug anf\u00fchlten, begann ich damit, ab und an englische Zeitungen im Original zu lesen. Die <em>Obituaries<\/em> waren, mit ihrer seltsamen Auflistung tats\u00e4chlicher und herbeizitierter Prominenz, mit ihrer Mischung aus Beredsamkeit und Redseligkeit, aus Dezenz und Def\u00e4tismus, eine bizarre, aber immer gern genossene Leseerfahrung.<\/p>\n<p>Dass es sie in dieser Form im Grunde auch erst seit dieser Zeit gibt, habe ich &#8211; wie passend &#8211; <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2007\/12\/30\/nyregion\/30massingberd.html?_r=1&#038;ref=media&#038;oref=slogin\">durch einen Nachruf<\/a> erfahren. Denn der Gro\u00dfmeister des literarischen Nachrufs ist vor wenigen Tagen verstorben: Hugh Massingberd. 1986 machte ihn der <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\">Daily Telegraph<\/a> zum Chefredakteur der <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/news\/main.jhtml?menuId=6526&#038;menuItemId=-1&#038;view=HEADLINESUMMARY&#038;grid=F7&#038;targetRule=10\">Obituaries<\/a>, mit dem dezidierten Auftrag, die Rubrik aufzuwerten und ihr mehr Profil zu verschaffen.<\/p>\n<p>Kein uninteressantes Datum nebenbei: 1986 sind wir mittendrin im Kampf um die Lufthoheit \u00fcber den konservativen K\u00f6pfen des Landes (und ihren Fr\u00fchst\u00fcckstischen) &#8211; vier Jahre zuvor hatte Murdoch die <a href=\"http:\/\/www.thetimes.co.uk\">Times<\/a> aufgekauft, der <a href=\"http:\/\/www.independent.co.uk\">Independent<\/a> startete im Herbst. Und wir sind mittendrin in der Thatcher-\u00c4ra und ihren Versuchen, Konservatismus als neue Kraft zu inszenieren. Nachrufe sind da nat\u00fcrlich nur ein Nebenschauplatz, aber kein ganz unbedeutender: Denn welche Toten eine Nation verehrt und wie ihrer gedacht wird, sagt einiges \u00fcber das Bild, das sie von sich selbst macht.<\/p>\n<p>Es ist also sicher nicht ganz zuf\u00e4llig, dass man beim <em>Telegraph<\/em> dieser Rubrik mehr Aufmerksamkeit zuwenden wollte. Massingberd muss als ein idealer Kandidat erschienen sein, um diesen Job zu \u00fcbernehmen. Er war ein Kenner (und Fan) der englischen Gentry, hatte lange f\u00fcr den Adelskalender <a href=\"http:\/\/www.burkes-peerage.net\/\">Burke&#8217;s Peerage<\/a> gearbeitet und B\u00fccher \u00fcber englische Landsitze ver\u00f6ffentlicht. Und er ist, glaubt man seinen Nachrufern, selbst ein Engl\u00e4nder gewesen, wie er im Bilderbuch steht: Spro\u00df einer kleinadligen Familie, sch\u00fcchterner Autodidakt, Reiter diverser Steckenpferdchen, belesen und bewandert: &#8222;there was no one of his generation who knew more about England and English life&#8220;, ruft ihm <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/news\/main.jhtml;jsessionid=IRQXO0PDUIK4TQFIQMGSFF4AVCBQWIV0?xml=\/news\/2007\/12\/27\/db2701.xml\">der Telegraph hinterher<\/a>: &#8222;from country houses to television soap operas, from the works of Anthony Powell to the odds at Wincanton, from the Royal Family to West End musicals&#8220;.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein beschauliches Szenario: Ein Gro\u00dfbritannien, das zwischen Landh\u00e4usern und Seifenopern Platz findet. Ein Idyll, das sich auf den ersten Blick auch in den Nachrufen zu spiegeln scheint: Da wimmelt es, neben aller Prominenz, auch von peripheren Pers\u00f6nlichkeiten, den Sirs und Ladys Fortescue-Buddingthorpe, oder den bis zu ihrem Nachruf meist unbekannten Fliegerhelden des zweiten Weltkriegs (intern &#8222;Moustaches&#8220; getauft), die das Ma\u00df an Tapferkeit beisteuern, auf das man in der Falkland-Farce verzichten musste.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich findet auch die Weltpolitik Eingang in die Nachrufseiten. Und es ist Massingberds Verdienst, dass er bei aller Betulichkeit das Idyll auf britische Art und Weise erledigt. Er war ein Bewunderer John Aubreys, Verfasser der <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0140435891?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=0140435891\">Brief Lives<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=0140435891\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>, und dieses Meisterwerk einer beil\u00e4ufigen Biographistik lieferten ihm das Modell, nach dem er die Rubrik gestalten wollte. Zu den britischen Tugenden, die er in seiner Kolumne feierte &#8211; theoretisch wie praktisch &#8211; geh\u00f6rten auch Liebe zum Detail und zur Exzentrizit\u00e4t. Und die Grundeigenschaft jedes Engl\u00e4nders von echtem Schrot und Korn, n\u00e4mlich sich eher von kannibalischen Wilden in einem Topf schmoren zu lassen als auf das Erz\u00e4hlen einer prima Anekdote zu verzichten.<\/p>\n<p>Massingberd (und sein meist anonym bleibender Stab an Redakteuren) sparten kaum etwas aus, was erz\u00e4hlenswert war &#8211; auch wenn das Endprodukt auf eine komplette Demontage des seligen Verstorbenen hinauslief. Das machte die Nachrufe f\u00fcr die Nachwelt oft zum gro\u00dfen Lesevergn\u00fcgen &#8211;  Etwa wenn dem &#8222;dritten Lord Moynihan&#8220; nachgerufen wurde:<\/p>\n<blockquote><p>[He] provided through his character and career ample ammunition for critics of the hereditary principle. His chief occupations were bongo drummer, confidence trickster, brothel-keeper, drug-smuggler and police informer.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein anderer Blaubl\u00fcter, der &#8222;siebte Duke von Montrose&#8220;, machte sich dadurch unsterblich, dass er einen rhodesischen Untersuchungskommission Einblick in die schwarze Psychologie lieferte:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;It is a common observation that the African is a bright and promising little fellow up till the age of puberty,\u201d was his considered opinion submitted to an official enquiry. \u201cHe then becomes hopelessly inadequate and disappointing, and it is well known that this is due to his almost total obsession henceforth with matters of sex\u201d.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und von Fanny Cradock &#8211; der <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=b1fIj6_lDZ8\">Mutter aller Fernsehk\u00f6che<\/a> &#8211; wu\u00dfte der Nachruf zu berichten:<\/p>\n<blockquote><p>In 1983 she was prosecuted for dangerous driving. She had swerved across her lane and caused a collision. When the other driver tried to talk to her she said, \u201cHow dare you hit my car\u201d and drove off. The other driver followed her for 15 miles. He finally overtook her and stood in front of her car waving her down.<\/p>\n<p>Mrs Cradock proceeded to run him over.<\/p><\/blockquote>\n<p>Massingberd, k\u00f6nnte man sagen, war ein Morrissey des Nachrufs: Ein nostalgischer Schw\u00e4rmer, der in der emphatischen Akklamation von Skurrilit\u00e4t und Weirdness mehr \u00fcber das Ende des Empires erz\u00e4hlte als so mancher analytische Text. Davon kann man sich \u00fcbrigens auch in <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=massingberd%20obituaries&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;index=blended&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">zahlreichen Nachruf-Anthologien<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&amp;l=ur2&amp;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> \u00fcberzeugen, die meist von Massingberd selbst herausgegeben wurden. Wobei man einschr\u00e4nkend hinzuf\u00fcgen muss: Nicht alle Texte darin (und nicht alle oben angef\u00fchrten Zitate) m\u00fcssen aus seiner Feder stammen &#8211; unter ihm waltete ein Stab meist anonym bleibender Redakteure. Aber Massingberd verstand es, wie sonst nur ein Rudolf Augstein, einen Genios vorzugeben, dem das Team konsequent folgte. Und sein Beispiel machte Schule: Auch in der <a href=\"http:\/\/www.timesonline.co.uk\/tol\/comment\/obituaries\/\">Times<\/a>, im <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/obituaries\">Guardian<\/a> und im <a href=\"http:\/\/news.independent.co.uk\/people\/obituaries\/\">Independent<\/a> geh\u00f6ren die Obituaries schon lange zu den lesenswertesten Rubriken, wenn auch nicht immer mit der gleichen def\u00e4tistischen Brillianz, die den <em>Telegraph<\/em> auszeichnete.<\/p>\n<p>Massingberds Regentschaft dauerte \u00fcbrigens bis 1994. Dann gab er den Posten auf. Nicht ganz freiwillig, sondern eher aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden: Die Besch\u00e4ftigung mit dem Tod war ihm zu stressig geworden.<\/p>\n<p>(Nebenbei und \u00e0 propos &#8222;Morrissey des Nachrufs&#8220;: 1986, das Jahr von Massingberds Amtsantritt, ist nat\u00fcrlich auch das Jahr, in dem die Smiths ihr Chef d&#8217;oeuvre ver\u00f6ffentlichen und es <em>The Queen Is Dead<\/em> nennen. Die Massingberds des Pop, f\u00fcrwahr.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Toten soll man nichts Schlechtes sagen. Es sei denn, man hat das Talent dazu. Dann aber hat man auch die Verpflichtung, zu erz\u00e4hlen, und dem Tod nicht zu gestatten, dem Verstorbenen au\u00dfer seinem Leben auch noch seine Geschichte zu rauben. Bei uns verschwindet der Tod meistens in der Beil\u00e4ufigkeit des Feuilletons, wenn er [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-666","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=666"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/666\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}