{"id":670,"date":"2008-01-17T19:44:57","date_gmt":"2008-01-17T16:44:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=670"},"modified":"2008-01-17T19:46:02","modified_gmt":"2008-01-17T16:46:02","slug":"der-messias-ein-maestro-und-etwas-schwarze-magie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/01\/17\/der-messias-ein-maestro-und-etwas-schwarze-magie\/","title":{"rendered":"Der Messias, ein Maestro und etwas schwarze Magie"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2296\/2195328002_b58f828bb7_m.jpg\" alt=\"Sir Eug\u00e8ne Goossens\" \/>Die Bratschistin an meiner Seite hat am Samstag einen seltenen Auftritt in der <a href=\"http:\/\/www.koelner-philharmonie.de\/de\/01_konzertsuche\/detailansicht.php?id=100025\">K\u00f6lner Philharmonie<\/a>. Und als ob das noch nicht genug Grund f\u00fcr meine Anwesenheit w\u00e4re, kommt auch noch eine selten geh\u00f6rte Version von H\u00e4ndels Messias zur Auff\u00fchrung: N\u00e4mlich die Fassung, die Eug\u00e8ne Goossens 1959 f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B000003FB8?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B000003FB8\">eine Plattenaufnahme von Thomas Beecham<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000003FB8\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>anfertigte.<\/p>\n<p>Anh\u00e4nger einer &#8222;authentischen&#8220; Auff\u00fchrungspraxis sollten da eher fern bleiben. &#8222;Authentisch&#8220; ist nichts mehr an diesem <em>Messias<\/em>, stattdessen gibt es eine ins Monumentale gedrehte und mit unverhohlen sp\u00e4tromantischem Pathos aufgeladene konzertante Extravaganz. F\u00fcr Barock-Puristen gilt die Beecham-Aufnahme geradezu das Musterbeispiel f\u00fcr alles, was nicht geht: \u00dcberw\u00e4ltigung des H\u00f6rers, nicht \u00dcberzeugung, Sahnetorte statt Konfekt, massenkompatibler Classic Rock statt historisch gest\u00fctzte Interpretation. Das kann man zum Beispiel hier in dieser Aufnahme von <a href=\"http:\/\/mog.com\/musikfriend\/blog_post\/132767\">Unto Us A Child Is Born<\/a> h\u00f6ren: Die schleppende Gravitas des Orchesters, die Ch\u00f6re, die so ekstatisch jubilieren, als h\u00e4tte man ihnen den Tee \u00fcberw\u00fcrzt, der Pomp und Tingeltangel, mit dem Blech und Becken musikalische Akzente zu Triumphb\u00f6gen \u00fcbersteigern &#8211; als m\u00fc\u00dfte man den Einmarsch des Messias im Wembley-Stadion begleiten.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Goossens<\/strong><br \/>\nTrotzdem ist Beechams Version mehr als nur eine banale musikalische Zirkusnummer auf H\u00e4ndels Kosten. Mit dem Abstand der Jahrzehnte klingt sie nicht weniger &#8222;exotisch&#8220; als es damals die Versuche authentischer Nachempfindungen gewesen sein d\u00fcrften. Und sie hat gen\u00fcgend spannende und bizarre Momente, n\u00e4mlich immer dann, wenn die gelackte Prunkfassade ein paar Spr\u00fcnge bekommt, wenn ein bi\u00dfchen zu viel Hysterieund Ekstase im Spiel sind, um diese Feier des G\u00f6ttlichen als rein christliche Epiphanie durchgehen zu lassen.<\/p>\n<p>M\u00f6gilcherweise war Beechams Wahl des Bearbeiters eine ganz gezielte: Eugene Goossens war n\u00e4mlich wenige Jahre, bevor er Hand an den Messias legte, in einen Skandal verwickelt gewesen, der ihn einen Teil seiner Reputation und vor allem die einflussreichste Position seiner Karriere gekostet hatte. Als Chefdirigent des Orchesters von Sydney und Leiter des Konservatoriums von New South Wales stolperte \u00fcber eine bizarre Aff\u00e4re, in der es um okkulte Rituale, magische Praktiken und pornographische Bilder ging.<\/p>\n<p>Bis es dahin kam, hatte Goossens eine respektable Karriere hinter sich gebracht. Der Sohn einer musikalischen Familie (schon Gro\u00dfvater und Vater waren Dirigenten gewesen, aus den Geschwistern wurden selbst bekannte Musiker) hatte Orchester in England und den USA geleitet, 1921 zum Beispiel die englische Premiere von Strawinskys <em>Sacr\u00e9 du printemps<\/em> dirigiert. Dazu komponierte er eine Handvoll eigener Werke, so etwa an der Schnittstelle zwischen Sp\u00e4tromantik und Moderne, die auch durchaus positive Beachtung fanden. Ver\u00f6ffentlichungen von Kompositionen oder Auff\u00fchrungen Goossens&#8216; lassen sich noch <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;keywords=eugene%20goossens&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;index=music&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">hier und da<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&amp;l=ur2&amp;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> auftreiben.<\/p>\n<p><strong>Norton<\/strong><br \/>\n<img decoding=\"async\" aling=\"left\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2153\/2199233883_a79bd5359c_t.jpg\" alt=\"Norton\" \/>1947 ging er nach Australien, und nach allem, was man lesen kann, muss er eine ma\u00dfgebliche Rolle f\u00fcr die Entwicklung der klassischen Musikszene dort gespielt haben. Er war einer der energischsten Bef\u00fcrworter f\u00fcr den Neubau eines Opernhauses in Sydney und soll auch die Position, an der es sich heute befindet &#8211; weithin sichtbar am Hafen &#8211; ausgesucht haben. 1955 wurde er zum Ritter geschlagen.<\/p>\n<p>Nur ein Jahr sp\u00e4ter brach alles zusammen: Die Boulevardpresse hatte sich n\u00e4mlich an seine Fersen geheftet. Der Zeitung <em>The Sun<\/em> (nicht zu verwechseln mit dem englischen Pendant) war aufgefallen, dass er sich h\u00e4ufig in Kings Cross, dem Rotlicht- und K\u00fcnstlerviertel von Sydney, herumtrieb und besonders gerne eine bestimmte Adresse aufsuchte: Die von Rosaleen &#8222;Roie&#8220; Norton. Norton war im Mikrokosmos des australischen Underground eine besonders schillernde Figur, Malerin mit einem Faible f\u00fcr groteske, erotische und okkulte Motive und in den Augen der Boulevardpresse Veranstalterin unbeschreibbarer satanischer S\u00e9ancen und schwarzer Messen. (Eine Auswahl aus Nortons Bildern &#8211; zwischen weirdem Expressionismus und dem Kitsch, den sich Heavy-Metal-Bands gerne aufs Cover knallen &#8211; kann man <a href=\"http:\/\/www.newcastle.edu.au\/service\/archives\/symbiosis\/rosaleennorton.html\">hier sehen<\/a>.)<\/p>\n<p><strong>Der Skandal<\/strong><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2036\/2199233879_6e2632e50b_m.jpg\" alt=\"Norton\" \/><br \/>\nGoossens traf sich nicht nur h\u00e4ufig mit Norton &#8211; um Recherchen f\u00fcr ein Oratorium zur Apokalypse anzustellen, sagte er sp\u00e4ter &#8211; er begann auch ein Verh\u00e4ltnis und korrespondierte mit ihr. Die Briefe gerieten in die Hand der Presse, wurden von dort an die Polizei weitergespielt und als Goossens 1956 von einem Flug nach England zur\u00fcckkehrte, lie\u00df der australische Zoll seinen Koffer durchsuchen. Die Fundst\u00fccke &#8211; Fotos, Filme, Kunstdrucke, B\u00fccher &#8211; f\u00fchrten zu einer Anklage wegen Besitzes von Pornographie, Details \u00fcber Goossens&#8216; Teilnahme an okkultistischen Sitzungen und S\/M-Ritualen drangen an die \u00d6ffentlichkeit und zwangen ihn dazu, von seinen \u00c4mtern zur\u00fcckzutreten.<\/p>\n<p>Warum ausgerechnet Goossens ins Visier der australischen Boulevardjournaille geriet, ist schwer zu sagen: Er war nicht politisch aktiv und auch sonst keine \u00fcberm\u00e4\u00dfig kontroverse Erscheinung &#8211; sieht man mal davon ab, dass er gerne zeitgen\u00f6ssische Werke auff\u00fchrte, was beim konservativen Publikum in Sydney nicht immer gut ankam. Aber er war ein Intellektueller &#8211; im Australien der F\u00fcnfziger Jahre verd\u00e4chtig genug -, er kam von au\u00dferhalb und trug noch dazu einen wenig englisch klingenden Namen. (Die Goossens stammten urspr\u00fcnglich aus Flandern.) Und dann war er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, und das in einer Stadt, in der die Polizei aus Mangel an eigenen Ressourcen h\u00e4ufig mit der Boulevardpresse kooperierte. In Australien gilt der Fall immer noch als prominentes Beispiel f\u00fcr das geistige und moralische Klima der Zeit, es gibt einen Roman, ein Theaterst\u00fcck, eine Oper und einen <a href=\"http:\/\/www.abc.net.au\/rn\/music\/mshow\/s1167610.htm\">(Dokumentar-)Film<\/a> dazu.<\/p>\n<p>Goossens selbst kehrte Australien den R\u00fccken und nach England zur\u00fcck. Dort litt er zwar keine existenzielle Not &#8211; die BBC engagierte ihn h\u00e4ufig f\u00fcr Aufnahmen &#8211; aber Freunde und Bekannte schildern ihn als gebrochenen und am Boden zerst\u00f6rten Menschen. 1962, drei Jahre nach der Produktion des <em>Messias<\/em>, ist er in London gestorben.<\/p>\n<p>Aber was hat diese Aff\u00e4re nun genau mit dem <em>Messias<\/em> zu tun? Nun, Beecham d\u00fcrfte den Skandal verfolgt haben. Der Auftrag zur Umarbeitung des <em>Messias<\/em> war vermutlich auch eine freundschaftliche Geste (Beecham war der wichtigste F\u00f6rderer des jungen Goossens gewesen). Der Messias ist, gerade in England, <strong>das<\/strong> religi\u00f6se Opus schlechthin, ein nationales Monument &#8211; ist es da ganz ausgeschlossen, dass der Auftrag dem gefallenen Freund auch die Gelegenheit bieten sollte, so etwas wie eine pers\u00f6nliche G\u00f6tterd\u00e4mmerung auszuarbeiten? Dass der dionysische Taumel und die ekstatische Verz\u00fcckung, in den die himmlischen Ch\u00f6re hier versetzt werden, mehr sind als nur buntes Ornament, sondern auch ein pantheistisches Programm \u00fcbersetzen sollen? Das ist vielleicht ein bi\u00dfchen zu psychologisierend gedacht. Aber es mindert das Vergn\u00fcgen an dieser seltsamen Fassung des <em>Messias<\/em> keineswegs, wenn man in all dem euphorischen Wohlklang auch ein paar d\u00e4monische Untert\u00f6ne mitschwingen h\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bratschistin an meiner Seite hat am Samstag einen seltenen Auftritt in der K\u00f6lner Philharmonie. Und als ob das noch nicht genug Grund f\u00fcr meine Anwesenheit w\u00e4re, kommt auch noch eine selten geh\u00f6rte Version von H\u00e4ndels Messias zur Auff\u00fchrung: N\u00e4mlich die Fassung, die Eug\u00e8ne Goossens 1959 f\u00fcr eine Plattenaufnahme von Thomas Beechamanfertigte. 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