{"id":672,"date":"2009-12-16T14:04:01","date_gmt":"2009-12-16T11:04:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=672"},"modified":"2009-12-16T14:04:01","modified_gmt":"2009-12-16T11:04:01","slug":"bartnings-stahlkirche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/12\/16\/bartnings-stahlkirche\/","title":{"rendered":"Bartnings Stahlkirche"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2660\/4178118471_219357f3fa.jpg\" alt=\"Melanchthonkirche\" \/><\/p>\n<p>Vor der Melanchthonkirche in Essen, einem unscheinbaren Betonbau aus den Siebziger Jahren, stehen diese zwei Glocken. Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man sie einfach f\u00fcr dekorative Elemente halten, \u00e4hnlich wie die gusseisernen \u00dcbert\u00f6pfe, die manche Leute gerne in ihre Vorg\u00e4rten platzieren. Aber eine Gedenktafel erkl\u00e4rt, warum die Glocken hier stehen. An dieser Stelle befand sich in den Drei\u00dfiger Jahren ein Vorg\u00e4ngerbau, eines der bemerkenswertesten und seltsamsten Beispiele moderner Kirchenarchitektur: Die Stahlkirche von Otto Bartning.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2662\/4190093364_ec6f104473.jpg\" alt=\"Stahlkirche\" \/><\/p>\n<p>Diese Kathedrale aus Stahl und Glas war ein Geb\u00e4ude von beachtlicher Gr\u00f6\u00dfe, wie man auf dem Photo hier sehen kann. Ich kenne nicht die genauen Ma\u00dfe, aber auf <a href=\"http:\/\/www.otto-bartning.de\/anzeige_objekt.php?id=128\"> dieser Bartning gewidmeten Seite<\/a> lesen wir, dass &#8222;den konstruktiven Kern au\u00dfen mit Kupfer verkleidete 20 m hohe Stahltr\u00e4ger&#8220; bildeten und &#8222;die Zwischenr\u00e4ume mit \u00fcber 660 bleiverglasten Fensterfeldern ausgefacht&#8220; waren. Von au\u00dfen erinnert diese gro\u00dfe Fensterfl\u00e4che an die gl\u00e4sernen Fassaden mancher Werkshallen. Die T\u00fcrme sehen aus wie Wolkenkratzer oder Silos, das Kirchenschiff dagegen ist tats\u00e4chlich ein Kirchenschiff.<\/p>\n<p>Es ist, k\u00f6nnte man sagen, die stilisierte Version einer Steampunk-Kirche, eine Kombination aus Industrial und Gothic Design. Dass die Kirche wie ein \u00fcberdimensionaler Bausatz wirkt, ist kein Zufall: Sie war tats\u00e4chlich als Bausatz konzipiert. Erstellt wurde sie urspr\u00fcnglich nicht f\u00fcr den Standort in Essen, sondern f\u00fcr die <em>Pressa<\/em>, die &#8222;Internationale Presse-Ausstellung&#8220; 1928 in K\u00f6ln. Das war eine ehrgeizige Gro\u00dfveranstaltung, eine Art Kreuzung aus Expo und Medienforum, sozusagen ein erster Versuch K\u00f6lns, sich als Medienmetropole zu positionieren. Die Stahlkirche diente dort als Ausstellungspavillon der Evangelischen Kirche, und nat\u00fcrlich als architektonisches Statement, das den Willen der Kirche, Anschluss an die Moderne, an &#8222;Stahlbad&#8220; und &#8222;Feuertaufen&#8220; aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen halten zu wollen. (Und nat\u00fcrlich war das auch die einmalige Gelegenheit, eine aufsehenerregende protestantische Kirche quasi vis \u00e0 vis vom K\u00f6lner Dom zu platzieren.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2792\/4189333403_92623f7745.jpg\" alt=\"Stahlkirche\" \/><\/p>\n<p>Eigentlich sollte die Kirche nach Ablauf der Veranstaltung an eine interessierte Kirchengemeinde verkauft und dort aufgebaut werden. Allein, das Interesse war nicht allem Anschein nach nicht so gro\u00df wie man erhofft hatte. Das mag nicht allein am Bau gelegen haben, auch die schwierige wirtschaftliche Situation vieler evangelischer Gemeinden k\u00f6nnte daf\u00fcr verantwortlich gewesen sein. Schlie\u00dflich meldete die Gemeinde Essen-West Interesse an und erhielt den Kirchenbausatz &#8222;kosten- und lastenfrei&#8220;.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4004\/4189344001_3fe40ca11e.jpg\" alt=\"Plan Stahlkirche\" \/><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob jemals so etwas wie eine Serienproduktion der Stahlkirche angedacht war, oder zumindest so eine Art Build-on-demand. Die Vorstellung, irgendwo g\u00e4be es eine Art Kirchenwerft, in der T-Model-Kathedralen quasi am Flie\u00dfband produziert werden, um dann auf spezielle Frachtschiffe verladen und um die Welt geschippert zu werden, finde ich ganz am\u00fcsant. Und warum nur Kirchen? Jeder andere Geb\u00e4udetyp lie\u00dfe sich doch so produzieren und je nach Bedarf irgendwohin transportiert, auf- und wieder abgebaut werden. Nomadische Geb\u00e4ude: Irgendwo auf dem Atlantik begegnen sich zwei Frachtschiffe, und zuf\u00e4llige Beobachter sehen am Horizont eine gotische Kathedrale und eine Moschee (mit oder ohne Minarett) aneinander vorbeigleiten. Irgendwann werden einige dieser Schiffe von somalischen Piraten gekapert, und an der ostafrikanischen K\u00fcste entsteht ein zuf\u00e4lliges Museum internationaler Architektur.<\/p>\n<p>In Crusnes in Lothringen steht zum Beispiel ebenfalls <a href=\"http:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/\u00c9glise_Sainte-Barbe_de_Crusnes\">eine st\u00e4hlerne Kirche<\/a>, die als Prototyp eines Readymade-Gotteshauses f\u00fcr die katholische Misisonsarbeit konzipiert wurde. Und nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Bartning mit den sogenannten &#8222;Notkirchen&#8220; eine modulartige Architektur aus standardisierten Kirchenbaus\u00e4tzen, um ausgebombten Gemeinden den schnellen Aufbau zu erm\u00f6glichen. (Eine solche Notkirche befindet sich heute noch in Essen neben der Apostelkirche, nicht weit von der Melanchthonkirche.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2519\/4189339381_19772f810e_m.jpg\" alt=\"Otto Bartning\" \/><\/p>\n<p>Bartning ist allerdings kein Protagonist einer industrialisierten Fertigarchitektur, auch wenn er in der Praxis h\u00e4ufig mit kosteng\u00fcnstigen, einfach zu reproduzierenden Materialien, Formen und Bauweisen arbeitet. Als Architekturtheoretiker ist ihm aber daran gelegen, den kirchlichen Raum von der reinen Zweckbestimmtheit profaner Architektur zu emanzipieren (und der Mainstream der zeitgen\u00f6ssischen Kirchenarchitektur zu Anfang des 20. Jahrhunderts ist f\u00fcr ihn nur ein Modus von Profanarchitektur). 1919 ver\u00f6ffentlicht er die einflussreiche Schrift <em>Vom neuen Kirchenbau<\/em>. Darin fordert er ein &#8222;aufrichtiges&#8220; Bauen: Authentisch ist Kirchenarchitektur nur dann, wenn sie den sakralen Charakter des Baus w\u00fcrdigt, den &#8222;Religionstrieb&#8220; des Einzelnen mit r\u00e4umlichen Mitteln in eine &#8222;Hochspannung&#8220; \u00fcberf\u00fchrt und zugleich gemeindebildend wirkt, also auf eine kommende Gesellschaft jenseits der &#8222;Nationen, Rassen und Konfessionen&#8220; hinwirkt. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2562\/4189333539_fa2fbb4307.jpg\" alt=\"Sternkirche\" \/><\/p>\n<p>In den Zwanziger Jahren entwirft er das Modell einer &#8222;Sternkirche&#8220;, ein expressionistischer Bau, der die traditionelle Anordnung des Kirchenraums fast v\u00f6llig aufl\u00f6st und im Sinne eines &#8222;radikalen Architekturmodells&#8220; (radikal hei\u00dft hier: von der Wurzel ausgehend) neu arrangiert, und dabei auch ganz pragmatische Aspekte nicht ausklammert:<\/p>\n<blockquote><p>Die Kirche soll alle Tage ge\u00f6ffnet sein. Die kapellenartigen Sakristeien hinter den Orgeln und Fensternischen im Chor &#8211; mit Wandmalerei und ans Lesepult geketteten heiligen Schriften &#8211; m\u00f6gen Anlass zu stiller Betrachtung geben. (Dem Diebstahl ausgesetzte Schmuckwerte sollen lieber vermieden werden, als dass um des Schmuckes willen die Kirche ans sechs Tagen der Woche verschlossen bleibt.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine ausf\u00fchrliche W\u00fcrdigung dieses Modells und einiges Hintergrundmaterial gibt es auf <a href=\"http:\/\/www.sternkirche.de\">einer Website<\/a>, die eigens der Sternkirche gewidmet ist. Gebaut wird diese Kirche zwar nie, vermutlich war der Entwurf den meisten Gemeinden doch zu k\u00fchn, aber einige Ideen hat Bartning hier und da umgesetzt, z.B. in der kreisrunden Auferstehungskirche (ebenfalls in Essen), und auch in der Raumkonzeption der Stahlkirche lassen sich noch ein paar Elemente finden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2536\/4190103866_8fc9a05bb8_o.jpg\" alt=\"Stahlkirche\" \/><\/p>\n<p>In der Essener Gemeinde war die Stahlkirche auch nach ihrer Errichtung nicht unumstritten. Kritische Stimmen kamen vor allem aus der Fraktion der &#8222;Deutschen Christen&#8220;, deren Einfluss nach der Machtergreifung Hitlers deutlich zunahm. 1935 lie\u00df man das Altarkreuz entfernen, weitere Ma\u00dfnahmen verhinderte wohl der Krieg. 1942 wurde die Kirche in einem der ersten Bombenangriffe auf Essen komplett zerst\u00f6rt, ein st\u00e4hlernes, halb geschmolzenes Gerippe, das nicht mehr den Aufbruch in eine kommende Gesellschaft, sondern den Anfang vom Ende markierte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor der Melanchthonkirche in Essen, einem unscheinbaren Betonbau aus den Siebziger Jahren, stehen diese zwei Glocken. Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man sie einfach f\u00fcr dekorative Elemente halten, \u00e4hnlich wie die gusseisernen \u00dcbert\u00f6pfe, die manche Leute gerne in ihre Vorg\u00e4rten platzieren. Aber eine Gedenktafel erkl\u00e4rt, warum die Glocken hier stehen. 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