{"id":673,"date":"2008-01-29T19:58:51","date_gmt":"2008-01-29T16:58:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=673"},"modified":"2008-01-29T19:58:51","modified_gmt":"2008-01-29T16:58:51","slug":"handy-romanciers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/01\/29\/handy-romanciers\/","title":{"rendered":"Handy-Romanciers"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Wo er durchkam und seine Saiten zupfte und sie harmonisch unter seinem Daumen h\u00fcpfen liess, war er sicher, dass die Menge ihm folgte. Versteht man sich auf solches Geheimnis, stirbt man niemals Hungers. <em>&#8211; Baudelaire<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>In der japanischen Literatur gibt es ein neues Genre: <em>Keitai shousetsu<\/em>, den Handy-Roman &#8211; Erz\u00e4hltexte, die komplett mit dem Mobiltelefon getextet worden sind. Das klingt, wenn man aus einem traditionellen Schreibverst\u00e4ndnis denkt, erst mal bizarr, schon aus Gr\u00fcnden der Praktikabilit\u00e4t: Das Handy als Instrument zum Verfassen narrativer Texte? Wie soll man denn auf diesen Mini-Displays und Daumen-Tastaturen in erz\u00e4hlerischen Fluss kommen, geschweige denn komplexe sprachliche und erz\u00e4hlerische Texturen verwalten?<!--more--><\/p>\n<p>Um Komplexit\u00e4t geht es den Handy-Romanciers aber gar nicht, zumindest nicht intentional. Das Produktionsmedium bestimmt auch die formalen Struktur der Texte &#8211; kurze S\u00e4tze, viel Dialog, wenig Ausarbeitung von Handlungstr\u00e4ngen oder Charakteren. Sagt jedenfalls die <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2008\/01\/20\/world\/asia\/20japan.html?pagewanted=1&#038;_r=1&#038;sq=Bungaku-kai&#038;st=nyt&#038;scp=1\">New York Times<\/a>. Es handelt sich &#8211; das schreibt die <em>Times<\/em> nicht so deutlich, ergibt sich aber aus <a href=\"http:\/\/www.techcrunch.com\/2007\/12\/02\/in-japan-half-the-top-selling-books-are-written-on-mobile-phones\/\">einigen<\/a> <a href=\"http:\/\/www.readwriteweb.com\/archives\/japanese_mobile_phone_novels.php\">\u00e4lteren<\/a> <a href=\"http:\/\/gizmodo.com\/gadgets\/cellphones\/half-of-japanese-bestsellers-typed-on-phones-printed-on-paper-331925.php\">Meldungen<\/a> zum Thema &#8211; vor allem um popul\u00e4re und triviale Genres. Auch deshalb, weil die Romane nicht nur auf Handys geschrieben worden, sondern auch f\u00fcr die Lekt\u00fcre auf Handy-Displays gedacht sind. Das ist offenbar ein ausgesprochen popul\u00e4rer Zeitvertreib, darum k\u00fcmmern sich mittlerweile einige Verlagsh\u00e4user um dieses Subgenre, und das mit gro\u00dfem Erfolg: Unter den zehn meistverkauften B\u00fcchern des vergangenen Jahres waren f\u00fcnf, die ihren Start als Handy-Romane genommen hatten.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt wiederum in der literarischen \u00d6ffentlichkeit Japans zu Diskussionen, die man auch aus unseren Breiten kennt, wenn Pop- und Hochkultur kollidieren: Ist das ein neues Genre, das n\u00e4her dran ist an den Lesegewohnheiten und Erfahrungswelten der jungen Japaner? Oder eine Verfallserscheinung, einer der vielen Tode, die &#8222;der Autor&#8220; (als Institution) in den vergangenen Jahrzehnten gestorben ist? Der \u00fcbliche feuilletonistische Salon-Smalltalk also &#8211; interessanter finde ich da ein paar andere Aspekte.<\/p>\n<p>Zum Beispiel, dass die meisten der Handy-Autoren literarische Deb\u00fctanten sind.(was die Ablehnung durch das literarische Establishment nur verst\u00e4rken d\u00fcrfte). Das hei\u00dft: Da ist eine Generation von Autoren sichtbar geworden, die <em>durch das Handy<\/em> zum Erz\u00e4hlen gekommen ist: &#8222;\u201cIt\u2019s not that they had a desire to write and that the cellphone happened to be there,\u201d zitiert die <em>Times<\/em> einen japanischen Literaturprofessor. \u201cInstead, in the course of exchanging e-mail, this tool called the cellphone instilled in them a desire to write.\u201d<\/p>\n<p>Das Mobiltelefon als Werkzeug, um die Eintrittsbarriere zum Schriftstellern zu senken, \u00e4hnlich wie auch Blogs zu einer literarisch oder journalistisch stilisierten Schreibproduktion einladen. (Wobei beide Sph\u00e4ren, die mobile und die bloggige, in Japan nicht so scharf getrennt sind: Die Handy-Texte erscheinen auch auf blogartigen Websites, werden also auch am Computer gelesen, und \u00fcberhaupt war eine Gebuirtshelferin des Genres die Entscheidung der japanischen Mobilfunk-Konzerne, Flatrates und quasi unbegrenzte Sendekapazit\u00e4ten einzur\u00e4umen.) Insofern sind die Eulogien auf den Autor (als Institution) durchaus berechtigt, genauso wie Blogs, auch da, wo sie nicht journalistisch gemeint sind, das Koryph\u00e4entum des Journalisten in Frage stellen.<\/p>\n<p>Aber wie kommt es, dass in Japan die M\u00f6glichkeit, mit dem Handy Texte zu verfassen (und zu lesen),   in Romanen m\u00fcndet, also in einer literarischen Form, die selbst im trivialsten Fall eine \u00d6konomie des langen Atems und der geduldigen Komposition verlangt? Your mileage may freilich vary, aber die Texte wollen offensichtlich was anderes als das <a href=\"http:\/\/www.kottke.org\/remainder\/08\/01\/14933.html\">Hemingwaysche Modell einer Erz\u00e4hlung in sechs W\u00f6rtern<\/a> abzubilden. Man w\u00fcrde ja vermuten, dass SMS, Twitter und dergleichen maximal <a href=\"http:\/\/blogbar.de\/archiv\/2008\/01\/28\/twitter-killt-konferenzbloggen-1201-pm-january-28-2008-from-web\/\">in aphoristischen oder anekdotischen Formen<\/a> m\u00fcnden. In Japan weckt das reduzierte Texten dagegen scheinbar bei einigen Schreiben und Lesern den Wunsch, Anlauf zu einer epischeren Distanz zu nehmen. Und die formalen M\u00f6glichkeiten, die das Schreiben mit und f\u00fcr das Handy bietet, ganz offensiv als Befreiung von tradierten literarischen Konventionen zu sehen, etwa in diesem Zitat der Handy-Autorin Mika Naito: <\/p>\n<blockquote><p>Traditionally, Japanese would depict a scene emotionally, like \u2018The train came out of the long tunnel into the snow country&#8216;. In cellphone novels, you don\u2019t need that. If you limit it to a certain place, readers won\u2019t be able to feel a sense of familiarity.<\/p><\/blockquote>\n<p>Reduktion als Weg zu Verallgemeinerung. Nebenbei sieht man daran auch, wie das Handy in Japan,  deutlicher als bei uns, nicht nur als Kommunikationsinstrument wahrgenommen wird, sondern auch als digitaler, privater Notizblock und Organizer. Um Textfragmente abzuspeichern und zu inventarisieren, schicken viele Handy-Autoren sie einfach per SMS an sich selbst (bzw. an eine eigene Homepage auf einer entsprechenden Web-Plattform). In der Essenz das Gleiche wie die Nutzung eines Blogs als virtuellen Zettelkastens, nur eben in einem Medium, das wir daf\u00fcr nicht unbedingt in Betracht ziehen.<\/p>\n<p>Man kommt somit von diesem seltsamen Subgenre sehr schnell zu weiteren spannenden Themen, zu Fragen \u00fcber die Bedingungen und Voraussetzungen textlicher, &#8222;literarischer&#8220; Produktion, \u00fcber den Zusammenhang zwischen Werkzeug und Produkt. (Clive Thompson spricht <a href=\"http:\/\/www.collisiondetection.net\/mt\/archives\/2008\/01\/do_cellphone_no.html#001731\">ein paar Aspekte<\/a> in seinem Blog an.) Das auch vor dem Hintergrund, dass dieses Subgenre l\u00e4ngst seine R\u00fcckkopplung in traditionelle Medien erfahren hat: Die Buchver\u00f6ffentlichungen habe ich schon erw\u00e4hnt, die erste Verfilmung eines Handy-Romans ist ebenfalls bereits <a href=\"http:\/\/koizora-movie.jp\/index.html\">auf dem Markt<\/a>, und l\u00e4ngst entstehen schon Texte, die das Produktionsverfahren nur noch kopieren, also nur so tun, als w\u00e4ren sie auf dem Handy getippt worden und nicht am PC.<\/p>\n<p>Das Genre k\u00f6nnte sich also, kaum bemerkt, schon wieder aufl\u00f6sen. Der Reiz eines Instruments liegt schlie\u00dflich nicht in dem, wof\u00fcr es gedacht ist, sondern wof\u00fcr es genutzt wird, und wenn der Effekt anders erzeugt werden kann, ist das auch in Ordnung. Aber auch wenn der Handy-Roman nur eine kuriose literarische Fu\u00dfnote sein sollte, ist er doch eines von vielen Ph\u00e4nomenen, in denen die Konventionen des Erz\u00e4hlens und Kommunizierens durch neuere Tools und Praktiken erweitert, verschr\u00e4nkt und unterminiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo er durchkam und seine Saiten zupfte und sie harmonisch unter seinem Daumen h\u00fcpfen liess, war er sicher, dass die Menge ihm folgte. 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